Sisyphos hatte gar kein so übles Schicksal. Zumindest, wenn man seine immerwährende Fels-den-Berg-Hinaufschieberei mit der Schwerstarbeit vergleicht, die Matthew Healy, der Sänger der britischen Band The 1975 an diesem Tag zu verrichten hat. «Ich muss Fotos unterschreiben, die wir den Vinylausgaben des neuen Albums beilegen», sagt er. Ja, wie viele denn? «Fünfzehntausend.»

Gestöhne, Gelächter. Healy hat The 1975 bereits in jungen Teenagerjahren in Manchester mit seinen Kumpels gegründet. Das Quartett ist auf dem besten Weg, zu einer der erfolgreichsten Pop-Rock-Bands der Erde zu avancieren.

«A Brief Inquiry Into Online Relationships» heisst das neue und dritte Album von The 1975. «Es geht uns bei dem Titel nicht nur ums Internet-Dating», stellt Healy klar, «vielmehr fassen wir den Begriff viel weiter und betrachten, wie sehr sich unser Zusammenleben, unsere Konversationen, unser ganzes Verhalten durch das Internet verändert haben.»

Werten mag der 29-Jährige die rasanten Veränderungen nicht. «Wenn du früher mit jemandem gesprochen hast, warst du mit ihm im selben Raum. Mittlerweile ist das fast die Ausnahme. Das ist die Realität.»

Healy hält nichts davon, jetzt den Hammer zu nehmen und technologische Entwicklungen wieder kaputt zu schlagen. «In 30 Jahren werden wir drollig finden, worüber wir uns im Jahr 2018 aufgeregt haben.»

So klingt die Zukunft

«A Brief Inquiry Into Online Relationships» ist ein grosses, unterhaltsames Pop-Statement, vielleicht sogar eines der grössten des ganzen Jahres. Wer wissen möchte, wie die Zukunft klingt, der sollte sich diese Platte anhören.

Ähnlich wie bei den Twenty One Pilots, Imagine Dragons oder auch auf dem jüngsten Album von Muse spielen musikalische Genres – also Rock, Pop, R&B, Soul und so weiter – keine Rolle mehr. «Heute muss man sich nicht mehr zu hundert Prozent auf einen oder mehrere Stile festlegen», sagt Healy bestimmt. Es gäbe keine kulturellen Barrieren, keine Abgrenzungen mehr. Jungen Menschen sei heute nichts mehr peinlich.

«Ein Punk in den Achtzigern oder ein Grunge-Kid der Neunziger hätte vielleicht nicht gewollt, dass jemand sein Exemplar von Carole Kings ‹Tapestry› entdeckt. Aber heute gibt es solche engstirnigen Musikhörer nicht mehr, auch dank dem Internet. Wir als Band reflektieren diese Kultur.»

Verantwortlich für den massiven Wandel der Hörvorlieben sind vor allem Streaming-Angebote wie Spotify oder Apple Music. Songs werden heute in aller Regel gestreamt, und je häufiger ein Lied online angehört wird, desto mehr taucht es auf Playlisten auf, wodurch es nochmals öfter gehört wird. So entwickelt sich, auch unterstützt von Algorithmen, ein Multiplikatoreffekt.

Mehr denn je ist es heute möglich und verbreitet, Hits am Reissbrett zu erschaffen, wenn man nur die richtigen Knöpfchen drückt und es schafft, seine klanglich und kompositorisch möglichst windschnittigen und clever durchschnittlichen Songs bei den Streamingdiensten durchzudrücken.

Noch nie jedenfalls klangen The 1975 so zugänglich, so unwiderstehlich einladend wie auf «A Brief Inquiry Into Online Relationships», dem im Mai bereits das nächste Album «Notes On A Conditional Form» folgen soll. Manche Songs erinneren an The Weeknd oder Drake, auch Folk-Einflüsse sind erkennbar, New-Wave-Bands wie Joy Division und A Flock Of Seagulls sowie Soulsänger Donny Hathaway werden von Matty Healy explizit als Inspirationsquellen genannt.

«Für mich ist es kein Tabu, grossartige Ideen zu klauen», findet der Frontmann. «Das Internet hat dekonstruiert, was cool ist», so Matty Healy.

Der Gesang ist deutlich androgyn

Im Grunde, so der Sänger, der im letzten Jahr erfolgreich seine Heroinabhängigkeit bekämpft hat und sein Leiden in einigen Textstellen anspricht («Mit Unehrlichkeit kommt man heute nicht mehr durch»), habe das Netz sowieso alles dekonstruiert. «Die Jugend interessiert sich auch nicht mehr für traditionelle Rollenbilder, Geschlechter sind auch immer gleichgültiger.»

Healys Stimme und Gesamteindruck sind deutlich androgyn. Keine Überraschung also, dass vieles auf dem neuen Album an jenen Michael Jackson erinnert (das starke «I Couldn’t Be More In Love» ganz besonders), den Matt Healy als kleiner Junge gerade kultisch verehrte.

Sein ganzes Zimmer sei voller Michael-Jackson-Poster gewesen, erzählt der Sänger, und er habe beträchtliche Teile seiner Kindheit damit verbracht, so zu tanzen wie sein grosses Vorbild. «Ich könnte auf der Bühne ohne Schwierigkeiten den Moonwalk machen, aber ich lasse es.»

The 1975 A Brief Inquiry Into Online Relationships. Polydor.