Sie ist früh da. Zweieinhalb oder sogar drei Stunden vor der Vorstellung. Dann singt Elsa Dreisig sich ein, geht nochmals ihre Noten durch, begibt sich in die Maske. Die letzte Stunde vergeht wie im Flug. «Schon erstaunlich, wie so ganz anders das Zeitgefühl dann ist», sagt sie. Wenn sich der Vorhang hebt, ist sie in die Haut ihrer Figur geschlüpft, fühlt sich als Mozarts Pamina, Glucks Euridice, Rossinis Rosina, Verdis Violetta oder Massenets Manon.

Mit dieser Manon Lescaut beschäftigt sie sich gerade intensiv. Mit den ganz unterschiedlichen Deutungen, die dieser literarischen Figur aus dem 18.Jahrhundert schon unterlegt worden sind. Dreisig feiert bald als Manon Premiere auf der Zürcher Opernbühne. Mit dem Chevalier des Grieux flieht Manon vor einem Leben im Kloster, lässt ihren Verehrer aber sitzen, weil sie ein Leben im Luxus führen will. Als sie hört, dass er Priester werden will, kann sie nicht glauben, dass er sie vergessen hat. Sie trifft ihn erneut, zieht ihn hinein in eine Welt der billigen Zerstreuung und des Spiels. Bis die Polizei dem ein Ende setzt. Am Ende stirbt sie.

Ein letztes Duett mit Des Grieux beendet die fast drei Stunden lange, überaus populäre Oper, die Elsa Dreisig sehr fordern wird. Sie muss Massenets feine Linien treffen, muss Intimität und Sehnsucht mit ihrer Stimme zum Ausdruck bringen. Und sie muss im dritten Akt hoch hinauf. Das ist anstrengend, gerade weil man es nicht hören darf. Kein Wunder, hält sie sich mit Schwimmen fit.

Karriere in jungen Jahren

Auf die Frage, was sie denn jetzt gerade mache, sagt Elsa Dreisig: «Ich baue ein Profil.» Das heisst, sie sucht sich aus dem Fundus unserer Zeit Elemente für ihre Rolle zusammen. Denkt, zum Beispiel, über Marilyn Monroe nach, die begehrte und doch so tief unglückliche Hollywood-Göttin. Der Regisseur Floris Visser wird die Oper an die Schwelle zum 20. Jahrhundert setzen, Elsa Dreisig aber muss eine moderne, heutige Manon in sich tragen. Und sich dabei auch immer bewusst sein, «dass Manon sehr jung ist – sechzehn zu Beginn der Oper, achtzehn am Ende. Ihre jugendliche Naivität muss ich auch zum Ausdruck bringen – etwas, was ich bei den grossen Sängerinnen vermisse, die sie schon interpretiert haben.»

Auch Elsa Dreisig ist jung. Doch hat sie mit ihren bald 28 Jahren schon viel erreicht. 2016 hat sie den von Placido Domingo gegründeten internationalen Gesangswettbewerb «Operalia» gewonnen, da war sie bereits Mitglied des Opernstudios der Staatsoper Berlin. Daniel Barenboim hat sie sehr gefördert, hat intensiv mit ihr gearbeitet und sie 2017 ins Ensemble der Staatsoper übernommen. Auch eine erste CD hat sie vorgelegt, die Lust auf mehr weckt. Mit Ausschnitten aus Opern von Charles Gounod, Giacomo Puccini, Gioachino Rossini, Wolfgang Amadeus Mozart, Jules Massenet, Daniel Steibelt – und Richard Strauss. Dessen Salome zeigt eine dramatisch aufgewühlte Elsa Dreisig, die man noch nicht so kennt.

Heute pendelt Elsa Dreisig zwischen Berlin, wo sie arbeitet, und Paris, wo ihr Freund wohnt, der Geiger ist, und Dänemark, der Heimat ihrer Mutter. Mit ihrer Mutter verbindet sie der Beruf, denn sie ist auch Opernsängerin. So hat Elsa Dreisig sogar schon im Mutterleib die Welt des Gesangs in sich aufgesogen, ist, wie die Mutter ihr erzählt hat, bei Mozarts «Zauberflöte» ganz ruhig geblieben, hat dann aber bei einer Uraufführung so stark getreten, dass die Mutter hinausgehen musste.

Sein wie Maria Callas

Jedenfalls ist für Elsa Dreisig von Anfang an klar gewesen: Sie will Sängerin werden. «Als Kind habe ich geglaubt, dass ich die allerschönste Stimme überhaupt habe», erzählt sie. «Ich war vollkommen überzeugt, dass ich die neue Maria Callas werde.»

Dieser naive Optimismus ist mittlerweile verflogen, und doch ist viel davon übrig. Denn noch immer glaubt Elsa Dreisig sehr stark an sich und an ihre Möglichkeiten. Noch immer strahlt sie eine tiefe Freude am Singen aus, selbst wenn sie von den Schattenseiten ihres Berufs erzählt. Von kurzen Krisen, die sie erlebt, von Albträumen, die sie heimsuchen, von der Einsamkeit nach einer Vorstellung. Denn gleich fügt sie hinzu: «Dafür erlebt man zuvor die grösste Freude – auf der Bühne zu stehen und zu singen.» Sogar die Trennungen von ihrem Freund verkraftet sie gut. «In unserem Beruf muss man diese Distanz ertragen, ohne frustriert zu sein.»

«Manon» Opernhaus Zürich, Premiere 7. April. Elsa Dreisigs CD «Miroirs» ist erschienen bei Erato.