Daft Punk
Ein Statement gegen den modernen und seelenlosen Electro-Dance

Auf ihrem vierten Album setzen Daft Punk auf echte Instrumente und warm-wummernde Disco-Beats. Gemeinsam mit Grössen aus der Disco-Zeit bringen sie den Groove zurück in die Tanzmusik.

Renzo Wellinger
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Daft Punk treten zwar weiterhin in Robosterkostümen auf, ihre Musik klingt jetzt aber menschlicher.Disney

Daft Punk treten zwar weiterhin in Robosterkostümen auf, ihre Musik klingt jetzt aber menschlicher.Disney

Ein eleganter, cooler Typ in einem alten Chevrolet, neben ihm seine Freundin. Im Autoradio ein Mixtape mit entspannten Grooves. Zufrieden brausen sie die kalifornische Küste entlang. Die aktuelle Nummer eins der Schweizer Hitparade, die Daft-Punk-Single «Get Lucky», kitzelt sofort ein wohliges Glücksgefühl aus dem Hörer heraus. Der Fuss wippt, der Kopf nickt und der Sommer ist plötzlich spürbar näher. Man will mehr davon.

Für Nachschub sorgt «Random Access Memories», das vierte Album der beiden französischen Elektro-Connaisseure Daft Punk. Während das letzte vor acht Jahren veröffentlichte Studioalbum «Human After All» viele Fans durch harte, technoide Elektro-Beats abschreckte, zeigen Daft Punk dieses Mal eine weichere Seite. Die 13 neuen Songs sind wärmer, entspannter und poppiger geworden. Die beiden Androiden bringen den Soul zurück in die stumpfe Dance-Musik.

Während andere Künstler die menschliche Stimme mit speziellen Tools wie Autotune verfremden, wollten Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter, die ihre Identität hinter Masken verbergen, ihre Roboterstimmen möglichst menschlich erklingen lassen. Zum Einsatz kamen deshalb ausschliesslich Vintage-Vocoder. Sogar auf Samples haben Daft Punk dieses Mal weitgehend verzichtet.

Arbeit mit Disco-Pionier

Stattdessen wurden die Stücke von echten Menschen auf echten Instrumenten eingespielt, so, wie es vor der Erfindung von digitalen Alleskönner-Programmen üblich war. Seit 2008 tüfteln Perfektionisten an ihrem neuen Werk. Während heute viele DJs ihre Tracks zwischen Hotelzimmer und Backstage-Raum auf einem Laptop zusammenbasteln, wollten Daft Punk zurück ins Studio. So wurden die Songs in Paris, Los Angeles und New York eingespielt.

Mit dabei waren u.a. der kanadische Pianist und Feist-Produzent Chilly Gonzales, The-Strokes-Frontmann Julian Casablancas, House-DJ Todd Edwards sowie die beiden Musik-Legenden Giorgio Moroder, der mit seinen Produktionen für Donna Summer zum Disco-Pionier wurde, und der ehemalige Chic-Frontmann Nile Rodgers. Letzterer, der bereits mit Grössen wie David Bowie und Madonna zusammenarbeitete, sorgt etwa auf «Get Lucky» sowie dem lässig-lockeren «Give Life Back To Music» und dem Disco-Stampfer «Lose Yourself To Dance» mit seinem funky Gitarrenspiel für Siebziger-Flair.

Fleetwood Mac statt David Guetta

Seit Beginn ihrer Karriere lassen sich Daft Punk von alten Musik-Epochen inspirieren. Auf dem neuen Album gibt es futuristische Disco-Songs, die gleichzeitig retro sind. Dazu passen die von Designer Hedi Slimane entworfenen Pailletten-Anzüge.

Die Menschen hätten den Respekt vor dem Groove verloren, sagt Kollaborateur Pharrell Williams. Soll heissen: Vielen der derzeit die Charts dominierenden, tumben Dance-Produktionen fehlt es an Seele. Das neue Daft-Punk-Album ist somit auch als Anti-Statement zum modernen Electro-Dance, zu verstehen. Dem stumpfen Boom-Boom und den harten Dance-Beats begegnen sie mit funky Disco-Vibes. Statt derben Dubstep-Beats gibt es lockere Westcoast-Grooves. Weniger Guetta, mehr Fleetwood Mac.

Sicherlich werden nicht alle Daft-Punk-Fans am neuen Album Gefallen finden, die Songs werden polarisieren. Nach dem ganzen Hype sind die Erwartungen an das Album besonders hoch. Dennoch: Die erste Nummer 1 in den Schweizer Album-Charts ist den beiden knapp 40-jährigen Musik-Nerds so gut wie sicher.

Daft Punk Random Access Memories, Sony Music, 21. Mai.

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