Theater

Er schreibt einen spanischen Klassiker nach und ein Ballenberg-Stück

Schriftsteller Tim Krohn spricht nur in der Nähe der Berge in Glarner Dialekt.Judith Schlosser

Schriftsteller Tim Krohn spricht nur in der Nähe der Berge in Glarner Dialekt.Judith Schlosser

Schriftsteller Tim Krohn ist vielseitig: Er schreibt die Textfassungen der Theateraufführungen am Einsiedler Welttheater und am Landschaftstheater Ballenberg. Die Uraufführungen folgen bald.

Zürich, Kreis 5: Im Mehrfamilienhaus gehts über steinerne Stufen hinauf in den vierten Stock. Tim Krohn steht in der Wohnungstür, ein winziges Bündel Mensch im Arm. Milo, sein Erstgeborener, ist zwei Monate alt. Auf dem Tisch in der kleinen Küche stehen eine türkisblaue Tonschale mit Früchten und gleichfarbige Schälchen mit Bambustee. Er töpfere seit kurzem, sagt Krohn. Der Tee schmeckt gut. Während er von sich und seiner Arbeit erzählt, blickt Krohn immer wieder zärtlich auf seinen Sohn, streicht dem Schlafenden sanft über das Köpfchen: «Vier Kinder möchten meine Frau und ich haben.»

1966 waren Krohns Eltern mit ihren drei Kindern aus Norddeutschland in die Schweiz gekommen. Der Vater suchte Arbeit und fand sie in einer Weberei im Glarnerland. Tim, der Jüngste, war damals einjährig. Mit der Sprache und den Sagen rund um den Glärnisch ist er aufgewachsen, spricht aber keinen ausgesprochenen Glarner Dialekt. «Der typische Singsang kommt, sobald ich den Bergen nahe bin.» In Zürich hat Krohn Germanistik, Philosophie und Politwissenschaften studiert, hat Saxofon und Bassklarinette gespielt, war in verschiedenen Formationen mit frei improvisierter Musik sehr erfolgreich und realisiert neben dem Schreiben immer wieder multimediale Projekte.

Drei Jahre harte Arbeit

Unter seinen Werken stiess 1998 sein zu einem grossen Teil in Glarner Dialekt geschriebener Roman «Quatemberkinder» auf besonders grosse Begeisterung, vor allem auch bei namhaften deutschen Literaturkritikern. Ebenfalls in Deutschland wurden in den späten 1990er-Jahren auf bedeutenden Bühnen Stücke von ihm uraufgeführt, so etwa im Staatstheater Mainz oder im Hamburger Schauspielhaus. «Inzwischen schreibe ich kaum mehr für Profis», hält Krohn dezidiert fest.

Zwei grosse Auftragsarbeiten für Laiendarsteller haben Tim Krohn in den vergangenen drei Jahren in Atem gehalten: 2010 hatte ihn die Welttheater-Gesellschaft Einsiedeln mit einer Neufassung von Calderóns in den 1630er-Jahren entstandenem Mysterienspiel beauftragt. Als er einen ersten Entwurf geschrieben und wieder verworfen hatte, kam die Anfrage des Landschaftstheaters Ballenberg. Am 21. Juni hat Krohns «Welttheater» in Einsiedeln Premiere, am 10. Juli sein «Vehsturz» in Brienz.

Raum als Herausforderung

Die Einsiedler waren vom Zürcher Regisseur Beat Fäh auf Krohn aufmerksam gemacht worden: «Die Zusammenarbeit mit Fäh ist wunderbar. Zwei Jahre lang haben wir harte Kämpfe ausgefochten, aber jede Auseinandersetzung hat uns weitergebracht.» Letztlich habe er, so Krohn, drei verschiedene Welttheater geschrieben, die ersten beiden Fassungen hielt Fäh für thematisch unausgegoren und nicht inszenierbar.

Tatsächlich seien die Dimensionen des Platzes vor der imposanten Kulisse der Klosterkirche für einen Regisseur eine enorme Herausforderung, nicht nur akustisch, mehr noch, weil ein einzelner Mensch auf dem riesigen Platz per se verloren sei. «Inzwischen bildet gerade die Tatsache, dass der einzelne Mensch so klein und der Platz so gross ist, einen Kernpunkt in meinem Stück. Weil sich darin das Dilemma des modernen Menschen spiegelt, der sich für so unbedeutend hält und gleichzeitig glaubt, sein Leben sei nur erfolgreich, wenn er mindestens einmal formatfüllend im Interesse der Öffentlichkeit stand.»

Karge, liebevolle Mundart

Im «Welttheater» wird sowohl hochdeutsch wie auch Mundart gesprochen. Krohns Glarner Dialekt hat von den Schwyzer Laien relativ problemlos übernommen werden können. Im Gegensatz zum Ballenberg-Stück «Vehsturz» das integral auf Berner Oberländer Dialekt übersetzt wurde.

Im Auftrag des Landschaftstheaters schrieb der Autor ein Stück, ausgehend von einem Gedicht des Brienzer Mundartdichters Albert Streich. Mit «Vehsturz» ist eine ebenso deftige wie zärtliche «Romeo und Julia»-Version entstanden. Von Albert Streich (1897–1960) habe er, gibt Krohn unumwunden zu, zuvor noch nie gehört gehabt. «Weder antiquarisch noch in einer Bibliothek oder im Internet konnte ich etwas von ihm finden. Leute aus Brienz haben mir schliesslich Bücher von Streich zur Verfügung gestellt. Seine Gedichte in schlichter, karger, sehr liebevoller Mundart sind etwas vom Besten, was ich an Schweizer Lyrik je gelesen habe.» Eine dankbare Vorlage sei das gewesen und entsprechend schnell habe er sich für Sprache, Personal und Struktur des Stückes entscheiden können.

Drei Jahre intensiver Arbeit liegen nun hinter Tim Krohn. Was liegt vor ihm? «Ich werde entspannt verfolgen, was für mich am Weg liegt. Da hat vieles Platz, es gibt viel zu entdecken. Ich geniesse, erwarte nichts und will auch nichts erzwingen.»

Premieren: Das «Welttheater» wird erstmals am Freitag, 21. Juni, in Einsiedeln aufgeführt, der «Vehsturz» erstmals am Mittwoch, 10. Juli, in Brienz.

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