Klassik

«Es ist ein knallhartes Geschäft»

Interview mit Thomas Jung, Geschäftsleiter der Konzertgesellschaft Basel.

Thomas Jung

Interview mit Thomas Jung, Geschäftsleiter der Konzertgesellschaft Basel.

Die Allgemeine Musikgesellschaft Basel startet in die Saison. Hinter den Kulissen zieht Thomas Jung die Fäden

Die Konzertgesellschaft ist der grösste Veranstalter von klassischen Konzerten auf dem Platz Basel. Gegründet wurde sie bereits 1948. Als Agentur für Künstlervermittlung, die rasch an Renommee gewann, zumal sie grosse Künstler auf den damals am Boden liegenden deutschen Markt brachte. Die Tätigkeiten der Konzertgesellschaft sind seither gewachsen. Sie vermittelt Künstler, coacht ihre Karrieren, berät sie mit ihrem internationalen Netzwerk und organisiert Orchestertourneen. Das dritte Standbein sind drei Konzertreihen in Basel. Die AMG-Konzerte und die Coop- und Volkssinfoniekonzerte. Die Konzertgesellschaft wickelt für diese Reihen das Booking und die gesamte Konzertorganisation ab.
Alle drei Reihen sind privat getragen und nicht nicht subventioniert. Die rund 30 Konzerte im Jahr finanzieren sich zu rund 90 Prozent aus den Ticketeinnahmen. Das Büro beschäftigt vier Vollzeitstellen. Geleitet wird es von Thomas Jung. Er arbeitet bereits seit rund 20 Jahren als Veranstalter von klassischen Konzerten.

Herr Jung, die Konzertgesellschaft hat turbulente Zeiten hinter sich. Das Sinfonieorchester hat sich endgültig abgekoppelt und steht für die Coop- und Volkskonzerte nicht mehr zur Verfügung. Das sorgt für Unruhe in der Konzertszene. Ist der Umbau vollzogen?

Thomas Jung: Wir bedauern es sehr, dass das Sinfonieorchester Basel nicht mehr bei den Coop- und Volkssinfoniekonzerten als Partner dabei ist. Von unserer Seite steht das Angebot immer noch, einzelne ihrer Tourneekonzerte allenfalls in unser Programm einzubetten.

Wer ersetzt nun das Sinfonieorchester?

Wir konnten das Kammerorchester Basel gewinnen. Sicher eines der schillerndsten Orchester der Stadt. Oder wir haben das European Philharmonic of Switzerland, das Yes Orchestra Basel und die Camerata Schweiz im Boot. Eröffnen wird dieses Jahr das Schweizer Jugend-Sinfonie-
Orchester, mit dem wir auch schon im AMG-Programm zusammengearbeitet haben. Die haben einen unglaublichen Drive. Ich glaube, wir können unserem Publikum hier weiterhin sehr gute Qualität bieten.

Warum ging die Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester zu Ende?

Früher haben wir die Konzertwochen zusammen geplant. Später hat uns das Sinfonieorchester nur noch gewisse Zeitfenster gewährt. Plötzlich lagen diese Zeitfenster aber in den unattraktiven Wochen, in den Ferien oder während der Fasnachtsferien. Es gab Gespräche, wir mussten weiterplanen, am Ende blieben nur noch zwei Wochen für das Sinfonieorchester übrig. Das Sinfonieorchester bot an, dass sie die Zusammenarbeit weiterführen würden, wenn sie das Repertoire, die Besetzung und den Preis bestimmen können. Das war für uns als künstlerische Leitung nicht machbar.

Dieses Auseinandergehen bedeutet auch, dass es mehr Konzerte auf dem Platz Basel gibt. Gibt es jetzt noch mehr Konkurrenz?

Das Produkt des Sinfonieorchesters ist in diesem Sinne keine Konkurrenz zu den unsrigen. Es ist aber sicher so, dass wir in den letzten Jahren eher reduziert haben. Es wäre jedoch ein wichtiges kulturpolitisches Zeichen, wenn die subventionierten Orchester mit privaten Veranstaltern zusammenarbeiten würden. Punktuell wenigstens. Es muss ja nicht jeder nur sein eigenes Süppchen kochen. Von unserer Seite ist die Türe offen.

Vielleicht passen private Veranstalter und subventionierte nicht zusammen?

Wir haben einen anderen Auftrag. Wir müssen anders funktionieren. Wir müssen für unser Publikum planen. Ein subventioniertes Orchester hat auch einen Bildungs- und Vermittlungsauftrag.

Den Erfüllen Sie doch auch, wenn Sie Volkssinfoniekonzerte zu sehr günstigen Preisen anbieten.

Das kann man so sehen. Aber wir vermitteln keine zeitgenössische Musik. Unser Programm muss dem Publikum gefallen. Und wir machen auch nicht diese Vermittlungsarbeit, wie sie von der Kulturpolitik gefördert und gefordert wird. Ich halte diese Programme für untauglich. Es ist ein Irrglauben, zu meinen, dass auf diese Weise ein junges Publikum begeistert werden kann. Diese Programme kosten viel Steuergelder und dienen eher dazu, dass die Kulturbeamten ruhig schlafen können.

Aber es wird doch in allen Kultursparten viel in die Vermittlung investiert. Viele Junge belegen Studiengänge in diesem Fach. Sie halten davon nichts?

Nein. Relativ wenig. Bei meinem Sohn haben solche Vermittlungsangebote nie funktioniert. Wir müssen die Kinder ernst nehmen. Die wollen keinen auf sie zugeschnittenen Klamauk. Die wollen das Original sehen.

Wie lockt man denn die Jugend in die Konzertsäle?

Einerseits über die Qualität. Andererseits sind die Familien in der Pflicht. Es nützt nichts, Schulklassen ins Konzert zu zwingen, wenn sich nur drei Schüler dafür interessieren. Wir bieten seit Jahr und Tag Sonntags-Matinéen. Einstündige Konzerte, für Kinder bis zwölf gratis, mit nicht allzu anspruchsvoller Musik. Programme mit Melodien, die bekannt sind. So öffnet man Türen. Das ist unser Beitrag an die Vermittlung als privater Veranstalter. Wir glauben daran, dass Kinder so zu einem Erlebnis kommen, das haften bleibt.

Sie haben die Qualität angesprochen. Das Programm der AMG bringt internationale Stars nach Basel. Funktioniert das Geschäft nur noch mit grossen Namen?

Es kommt darauf an, in welcher Nische sie sich positionieren wollen. Die Coop- und Volkssinfoniekonzerte sprechen durch die niedrigen Preise ein breites Publikum an. Bei der Volkssinfonie kostet das günstigste Abonnement 80 Franken für fünf Konzerte. Dafür gibt es sogenannt «schöne» Musik, also Bekanntes, das man geniessen kann. Bei der AMG sprechen wir ein Publikum an, das für die gebotene Qualität gern entsprechend zahlt. Da präsentieren wir die Elite des internationalen Konzertbetriebs. Aber wir haben auch günstige Angebote, beispielsweise die Konzerte mit den Stars von morgen. So gibt es eben für jede Nische ein Publikum.

Ist es in der Klassik wie im Pop: Die Gagen schiessen durch die Decke, weil der Plattenverkauf einbricht.

Das verläuft in der Klassik ähnlich. Ich bin nicht sicher, ob es nur am CD-Markt liegt. Die Honorare der berühmten Künstler sind bereits in den letzten 20 Jahre sehr gestiegen. Grossen Namen sind teuer.

Und sie als privater Veranstalter müssen den richtigen Riecher dafür haben, ob jemand den Konzertsaal füllt?

So ist es. Es ist ein knallhartes Geschäft, die Marge ist dünn, die Saalgrössen sind begrenzt. Kommt im Moment hinzu, dass wir wegen dem provisorischen Betrieb im Musical Theater Konzerte nicht mehr füllen, die im Casino sehr gut gelaufen sind. Und das liegt nicht an der Akustik. Die ist zwar nicht spitze, aber auch nicht so schlecht. Manche Stadt wäre froh, hätte sie einen solchen Saal.

Ihr Publikum scheut den Besuch von Kleinbasel?

Allerdings. Es gibt Grossbasler, die aus Prinzip nicht ins Kleinbasel gehen.

Aus Prinzip oder aus Angst?

Die gibt es auch, ja. Aber das betrifft nicht nur unser Publikum. Auch die anderen Veranstalter leiden unter dieser Tatsache. Das ist einfach ein Phänomen von Basel, dass das Musical Theater und das Quartier von gewissen Kreisen gemieden werden. Es sei denn, es handelt sich um eine Vorfasnachtsveranstaltung (lacht).

Sie sind der Mann hinter den Kulissen. Spielen sie auch ein Instrument?

Ich komm aus der Klavierecke, habe Violine gespielt und früher auch Vibrafon in einer Jazzband.

Und dann haben Sie die Seite gewechselt?

Ich wollte bereits als Schüler veranstalten. Später bin ich in dieses Geschäft reingerutscht und der Traum hat sich erfüllt.

Der Traum kann aber auch anstrengend sein, oder?

Das ist so. Wenn sie diesen Job als privater, nicht subventionierter Unternehmer machen, müssen sie sehr, sehr viel Herzblut und Leidenschaft mitbringen. Es ist immer wieder mal nervenaufreibend. An den Konzerten werden wir dann für all die Mühen entschädigt.

Früher ging das alles ehrenamtlich. Sind die Ansprüche derart gestiegen?

Im Ehrenamt wäre das heute unmöglich. Sie müssen sich als professionelle Agentur einen Namen erarbeiten, damit sie an die Elite der Künstler überhaupt herankommen. Vieles ist Erfahrung und Netzwerk. Einige berühmte Künstler kommen nach Basel, weil wir und die AMG sie einladen. Diesen Ruf muss man sich mit Kontinuität erkämpfen. Es herrscht eben auch in der internationalen Klassik ein anspruchsvoller Basar.

Ist Ihre Tätigkeit mit vielen Reisen verbunden?

Ja. Ich muss einerseits den Kontakt zu Künstlern pflegen, andererseits neue entdecken. Ich will die Künstler hören, um einen Eindruck zu bekommen. Wie spielt jemand, wie kommt er oder sie rüber? Und kommt das bei unserem Publikum an? Ich höre ungefähr 120 Konzerte im Jahr.

Das Eine sind die Stars, das andere die Programmgestaltung. Sie meiden die Neue Musik.

Die Musik des 20. Jahrhunderts hat es immer noch schwer. Es kann schon funktionieren, mal das zweite Klavierkonzert von Prokofjew zu bringen. Vor drei Jahren hatten wir damit einen riesigen Erfolg. Aber wir üben uns da immer etwas im Spagat. Was will ich, was will das Publikum? Und je älter ich werde, umso mehr wird mir klar: Ich programmiere eben nicht für mich, sondern für unsere Gäste.

Was empfehlen Sie aus dem diesjährigen Programm der AMG?

Jetzt machen sie es mir aber schwierig. Ich freue mich sehr auf die morgige Eröffnung mit Maxim Vengerov. Ein grosse Musikerpersönlichkeit. Er spielt Saint-Säns und Bruch und danach gibt es noch die Fünfte von Beethoven mit dem Philharmonieorchester von Monte Carlo. Das wird fantastisch. Empfehlen möchte ich auch das Mozart-Requiem interpretiert vom Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble. Das ist weltweit etwas vom Besten, das es gibt. Mit Barenboim, Sokolov und Zimerman kommt dann die ganz grosse Klaviergarde nach Basel. Und ich freu mich auch sehr auf den Brahms-Abend des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter der Leitung von Kent Nagano.

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