Mister Jones, über die Jahrzehnte ist es Ihnen gelungen, mit Grössen wie Ray Charles, Count Basie, Frank Sinatra oder Michael Jackson unsterbliche Songs in den verschiedensten Musikstilen zu schaffen. Wie?

Quincy Jones: Ray Charles brachte mir bei: Es gibt nur zwei Arten von Musik – gute und schlechte. Die Melodie ist König. Sie ist die Stimme Gottes, verpackt in Textzeilen. Ich glaube, dass wir die Empfänger von höheren Mächten sind.

Was ist die Essenz?

Die Essenz eines guten Songs ist die Stimme Gottes. Ich glaube nicht daran, dass irgendwas zufällig passiert. Einem herausragenden Song kann niemand die Kraft absprechen.

Sie kommen vom Jazz, einem Musikstil, der musikalisches Wissen voraussetzt. Sie sind einer der wenigen Jazzmusiker, die dieses Wissen dafür einsetzen konnten, um erfolgreiche Popsongs zu produzieren. Wieso bloss?

Weil die meisten Jazzmusiker gezwungen werden, ihrem Genre treu zu bleiben und nach den Regeln zu spielen. Ich selber habe Musik nie so verstanden. Wahrscheinlich weil ich schon in jungen Jahren auf verschiedenen Hochzeiten getanzt habe. Wir haben früher jede Nacht zwischen 2 und 6 Uhr in der Früh in vier, fünf verschiedenen Clubs gespielt. Danach bin ich dann direkt zur Schule gegangen. Wir haben alles gespielt: Lateinamerikanische Rhythmen, schottischen Tanz, Rhythm and Blues. Ray hat mir immer gesagt: «Jeder Musikstil hat seine eigene Seele. Ganz egal, welcher es ist: Versuch, ihm gerecht zu werden.» Genau das haben wir getan. Wir haben uns einzig und allein darauf fokussiert, die besten Musiker zu werden.

Muss man alle Regeln über Bord werfen?

Man muss die Regeln kennen, um sie brechen zu können! Ich höre die Leute oft sagen: Lerne, wie man Noten liest, aber lern bloss nicht zu viel, sonst behinderst du ihren Swing. Das ist die falsche Herangehensweise. Man sollte seine Kreativität und sein Wissen über Musik niemals beschränken. Wenn man das tut, bleibt man stehen. Wenn man mal die Hintergründe erkannt hat und weiss, dass jeder die gleichen 12 Töne zur Verfügung hat, ist man ganz von selbst in der Lage, sich von den Regeln zu lösen.

Sie haben im Lauf Ihrer Karriere mit den grossartigsten Künstlern zusammengearbeitet. Gibt es jemanden, den Sie besonders herausheben würden?

Nein. Das wäre ja, als ob ich mein Lieblingskind wählen müsste. Einfach unmöglich. Alle haben Sie dazu beigetragen, dass ich heute der Mensch bin, der ich bin. Sowohl die positiven wie auch die negativen Begegnungen haben mich geprägt, und ich bin dankbar dafür.

Sie sind in Chicago aufgewachsen und haben schliesslich auf der ganzen Welt gearbeitet. Noch heute reisen Sie viel. Wo ist Ihr Zuhause?

Ich bin in Chicago und in Bremerton bei Seattle aufgewachsen. Und da ich schon immer viel unterwegs war, fühle ich mich überall zu Hause. Als ich 1953 mit Lionel Hampton zum ersten Mal in Europa war, hat mir Ben Webster (ein wichtiger Tenorsaxofonist der Swing-Ära, Anm. der Red.) einen der besten Ratschläge meines Lebens gegeben. Er erklärte mir, dass sich die Seele jedes Landes aus der Musik, dem Essen und der Sprache zusammensetze. Er sagte: «Wenn du etwas über diese Länder erfahren willst, dann bestell das lokale Essen, hör dir ihre Musik an und versuch dir mindestens 30 bis 40 Wörter ihrer Sprache zu merken.» An diesen Ratschlag habe ich mich strikt gehalten. Seither fühle ich mich überall zu Hause.

Brauchen Sie ein spezielles Arbeitsumfeld?

Man weiss nie, wann man eine Idee hat. Darum sollte man dafür empfänglich sein, wenn es passiert. Ich bin ein Nachtmensch, denn dann sind die Musen besonders aktiv. Wir haben früher immer gesagt: «Halt immer Notenpapier und einen Bleistift bereit. Denn wenn du den entscheidenden Moment verpennst, geht Gott einfach die Strasse runter zu Henry Mancini (einer der bedeutendsten Filmkomponisten – z. B «Pink Panther», Anm. der Red.)!»

Ihre Arbeit ist unsterblich. Die Alben «Off The Wall», «Thriller» und «Bad» oder Songs wie «Soul Bossa Nova» werden nie aus der Mode kommen. Macht einen das nicht satt und träge?

Auf gar keinen Fall. Meine einzige Angst ist es, nicht bereit zu sein, wenn sich eine neue Möglichkeit ergibt. Wenn man einen Nummer-eins-Hit hat, denkt man nicht, man sei besser als alle anderen und müsse seine Fertigkeiten nicht mehr verbessern. Da ist immer noch Luft nach oben. Wer hochnäsig wird, verspielt das Geschenk Gottes.

Was war Ihre letzte musikalische Entdeckung?

Das lässt sich kaum sagen. Ich nehme ständig Informationen auf, bin stets am Entdecken. So habe ich es immer schon gehalten. In welch wunderschöner Welt wir doch leben, wo dies möglich ist!

Gib es eine perfekte Akkordfolge?

Jede Akkordfolge setzt den Zuhörer vor einer anderen Türe ab. Man muss dann nur noch aufschliessen!