Deep Purple
Ian Gillan: «Das Celebrity-Gehabe geht mir auf den Geist»

Mit Deep Purple schrieb Sänger Ian Gillan Rockgeschichte. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag.

Olaf Neumann
Drucken
Teilen
Ian Gillan ist 70 Jahre alt und mit Deep Purple immer noch «on the road».

Ian Gillan ist 70 Jahre alt und mit Deep Purple immer noch «on the road».

REUTERS

Die Wurzeln von Deep Purple reichen zurück ins Jahr 1965, als Sie zusammen mit Roger Glover in der Band Episode Six sangen. Was fasziniert Sie auch nach 50 Jahren noch an der Rockmusik?

Ian Gillan: Als ich mit der Musik anfing, war Rock die einzige Ausdrucksform, die ich hatte. Sie hat mein Leben verändert. Bei mir war Rockmusik immer mehr als nur drei Akkorde und ein Schlagzeug-Beat, denn sie überschnitt sich von Anfang an mit Jazz, Blues, Folk, Bigband-Swing und orchestraler Musik. Deswegen bin ich heute noch von ihr fasziniert. Wenn man sich einmal die populäre Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhört, findet man darin mehr Details über die Kulturen dieser Zeit als in jeder Zeitung oder TV-Dokumentation.

Rock ’n’ Roll wurde in den 50er- und 60er-Jahren zum Ausdruck jugendlicher Rebellion. Wofür steht Rockmusik heute?

Ian Gillan

Ian Gillan war in 1970er-Jahren der Archetyp eines Rock-Superstars, er verkörperte alles, was in der Rockmusik faszinierte und zugleich dekadent war. Am 19. August wird der Sänger 70 Jahre alt. Mit Deep Purple hat Gillan das Genre des Hardrock geradezu begründet – zusammen mit Led Zeppelin und Black Sabbath. Die Griffe von «Smoke On The Water» kann jedes Kind auf der Gitarre spielen. Bezeichnend für Deep Purple waren nicht nur ihr treibender Rock, sondern auch die Spannungen zwischen den Musikern, die sie meist offen auf der Bühne austrugen. (on)

Wie denken Sie über die Rockbands der Gegenwart?

Dazu sage ich lieber nichts. Egal, ob ich eine bestimmte Band mag oder sie nicht mag – die Netzgemeinde wird mich dafür hassen.

Wie äussert sich heute, mit fast 70 Jahren, der Rebell in Ihnen?

Nun, ich benutze heute eher den Füllfederhalter als meine Fäuste. Ich war schon immer auf der Seite der Underdogs, so bin ich einfach veranlagt. Vieles am Establishment beziehungsweise an unserem System missfällt mir auch heute noch. Vor allem die Manipulation von guten Idealen und Sitten aus Habgier oder politischen Gründen. Auch geht mir dieses ganze Celebrity-Gehabe schwer auf den Geist. Damit ist der Gesellschaft nicht geholfen. Ich bin aber nicht gegen das System an sich, sondern gegen dessen Missbrauch.

Und deshalb sind Ihre Texte immer politischer geworden?

Ich kann es mir nicht leisten, zu politisch zu sein, denn ich bin Teil einer Band. Jeder von uns hat seine eigenen politischen Ansichten. Ich kann aber vorsichtig in bestimmte Bereiche gehen. Beim Schreiben verschleiere ich oftmals Dinge, damit meine Wut nach aussen etwas abgemildert wirkt. Aber es stimmt schon, dass meine Texte heute viel politischer sind. Mit 20 hält man sich für unsterblich und schreibt Songs über schnelle Autos und lockere Mädchen.

Wann erscheint von Deep Purple ein neues Studioalbum?

Wir arbeiten dran. Das ist sehr spannend für uns, weil unser letztes Album so gut angekommen ist. Unserem Produzenten Bob Ezrin ist es gelungen, Deep Purple wieder in die Spur zu bringen, indem er uns an bestimmte Dinge erinnert hat, die uns ausmachen. Das Spannende an der Arbeit mit Deep Purple ist der Kreativprozess. Die Art und Weise, wie unsere Songs entstehen, hat sich im Lauf der Jahrzehnte kaum verändert und dennoch ist jedes unserer Alben anders. Es beginnt immer damit, dass wir uns alle gegen Mittag im Probenraum treffen und erst mal Tee trinken. Dort reden wir über Fussball, unsere Familien oder andere alltägliche Dinge. Dann greifen wir uns unsere Instrumente und spielen drauflos. Für sechs Stunden. Dann machen wir eine kleine Pause und schon geht es weiter. Deep Purple ist in erster Linie eine Instrumentalband. Bei diesen endlosen Jams fliegen uns die Ideen nur so um die Ohren. Manchmal nickt einer von uns fast unmerklich und drückt die Aufnahmetaste. Das wird dann vielleicht mal ein Song. Diese Band lebt vom Spass am Spielen und überrascht mich bis zum heutigen Tag.

Welches ist der spannendste Moment beim Kreativprozess?

Manchmal brauche ich für einen Text nur 20 Minuten. Das hat ganz viel mit Handwerk zu tun. Auf meinem Notebook befinden sich Hunderte von Ideen, die ich noch nicht ausgearbeitet habe. Dahingeworfene Prosa oder sogar simple Listen von Fakten. Die brauche ich, um einen Text bunter und interessanter zu machen. «Boots Of Spanish Leather» von Bob Dylan war für mich eine grosse Inspiration, weil dieser Text automatisch Bilder im Kopf evoziert. Und wenn ich im Fernsehen etwas sehe, was mich wütend oder traurig macht, notiere ich immer, wer was zu wem gesagt hat und wie das Wetter an dem Tag war. Das nutze ich später beim Schreibprozess als Sprungbrett.

Welchen Einfluss hatte Dylan konkret auf Deep Purple?

Nageln Sie mich bitte nicht darauf fest. Dylans Anfänge fallen in eine revolutionäre Zeit. Damals entstand die Friedensbewegung. Vor Dylan mussten wir Musiker immer zu einem Verlag gehen und dort um Songs betteln, die irgendwelche Auftragsschreiber komponiert hatten. Wenn sie gnädig waren, gaben sie dir einen Song, der deinem Status im Musikgeschäft entsprach. Aber Dylan veränderte das alles. Sein Einfluss als Songschreiber war immens, er animierte uns alle, unsere eigenen Songs zu singen. Aber musikalisch waren mir Elvis Presley und Chuck Berry näher. Berry ist wahrscheinlich der grösste Rock-’n’-Roll-Songschreiber überhaupt. Mit ihm ging alles los. Und das Beste ist, er geht immer noch auf Tour.

Ein Meilenstein der neuen Zeit war, als Bob Dylan 1965 beim Newport Festival plötzlich elektrisch verstärkte Musik spielte und teilweise auf heftige Ablehnung stiess.

Dieses Ereignis ist ein Lehrbeispiel dafür, was man Medien glauben soll und was nicht. Ich kenne jemanden, der war damals selbst beim Newport Festival, als Dylan erstmals öffentlich seine elektrische Gitarre spielte. Er erinnert sich, dass nicht Dylan, sondern die Band, die direkt nach ihm auftrat, ausgebuht wurde, weil das Publikum lieber mehr Songs von Dylan gehört hätte. Dylan durfte aber keine Zugabe spielen. Es hatte also nichts mit seiner E-Gitarre zu tun. Illegale Mitschnitte des Konzertes bestätigen dies. Und als Dylan später in Manchester auftrat, haben die Leute ebenfalls gebuht, weil sie dachten, dies sei cool, weil Dylan seine Hardcore-Fans betrogen hätte und kommerziell geworden sei. Was lernen wir daraus? Glaube niemals, was in der Zeitung steht.

In den Zeitungen stand auch, dass Sie in den nächsten Pub gegangen seien, wenn Ritchie Blackmore zu einem seiner endlosen Soli ansetzte. Stimmts?

Ja, das habe ich tatsächlich zwei- oder dreimal gemacht. Aber nur aus Spass, denn ich mochte Ritchies Gitarrenimprovisationen eigentlich sehr gerne.

Deep Purple From The Setting Sun... (In Wacken)» und «...To The Rising Sun (In Tokyo)» als 2CD+DVD, earMUSIC.

Aktuelle Nachrichten