Hip-Hop

Kendrick Lamar: Der Rapper auf dem fliegenden Teppich

Goldketten und Gangster-Attitüde hat er nicht nötig: Kendrick Lamar gilt als seriösester Rapper seiner Generation. Keystone

Goldketten und Gangster-Attitüde hat er nicht nötig: Kendrick Lamar gilt als seriösester Rapper seiner Generation. Keystone

Kendrick Lamar nimmt auf «Damn.» eine grandiose Selbstverortung vor – und entschwebt der Konkurrenz.

Das neue Album von Kendrick Lamar wurde am Karfreitag auf alle Musikplattformen hochgeladen. Damit erreichte die Fieberkurve vieler Musikfans ihren vorläufigen Höhepunkt. Nachdem der 29-Jährige sich mit seinen drei Vorgängeralben einen unverrückbaren Platz auf den vordersten Rängen der Rap-Gilde erkämpft hatte, erwartete man von seinem Viertling «Damn.» nichts Geringeres als eine popkulturelle Offenbarung.

Logisch, dass sich über Ostern alle namhaften Online-Medien bemühten, möglichst schnell ihre Meinung zu diesem Album kundzutun. Schnell hiess es dann allerorts, «Damn.», das so kurz und knapp betitelte Album mit seinen 14 ebenso knapp betitelten Songs, sei tatsächlich ein Meilenstein der Hip-Hop-Geschichte. Peter Rosenberg, gewichtige Stimme beim New Yorker Radiosender Hot 97, liess sich gar zu der Behauptung hinreissen, es habe noch nie jemand besser gerappt als Kendrick Lamar auf «Damn.». Der Mann aus Compton, jenem Vorort von LA, dem auch Dr. Dre und The Game und Eazy-E entstammen, sei nun mindestens gleichauf mit den ganz Grossen des Genres.

Den Ängsten entwischen

Nun, was ist dran an all dem überschwänglichen Lob, das Kendrick Lamar bislang eingeheimst hat? Die Antwort: sehr viel. Er hat es tatsächlich geschafft, ein gleich in mehrfacher Hinsicht erlebnisreiches Rapalbum aufzunehmen. Der Hörer begegnet darauf einem Rapper, der den Umgang mit seiner Stimme perfektioniert hat. Für jedes Stück, für jeden neuen rhythmischen Impuls, für jede Stimmung wählt er einen anderen Tonfall, eine andere Art, sich die Wörter zurechtzulegen – oder gleich mehrere.

Immer wieder überrascht er auch damit, welche Erzählweise er für welche Erzählung wählt. Wenn er zum Beispiel in «Fear.» von seinen Ängsten spricht, ist es die eines von im Lehnstuhl auf der Veranda sitzenden, von Marihuana-Rauch umschmeichelten Geistes. Jenes Mittel, das viele seiner Kumpel in Compton wählen, um ihren Ängsten zu entwischen.

Kendrick Lamar ist der von der Kritik am höchsten gelobte Rapper, der erfolgreichste ist er aber nicht. Den Sound der letzten Monate haben Künstler wie Drake, Young Thug oder Future bestimmt. Ihre Stücke sind oft aus repetitiven Textzeilen aufgebaut, mit Effekten gespickt, leben mehr von der Stimmung als von der vertieften Beschäftigung mit einem Thema. Es ist Musik, die einen einlullt – und im besten Fall nie mehr loslässt. Kendrick Lamars Stücke galten hingegen als zu sperrig, experimentell und gehaltvoll, um auch mal einfach nur beiläufig gehört zu werden. Doch dieses Problem hat er auf «Damn.» gelöst, wie zum Beispiel das Stück «Love.» beweist: Die durch das eigene Echo abgefederten Reime wirken für einmal wie Balsam, die Synthie-Melodie trägt den Erzähler wie ein fliegender Teppich.

Mündigkeit proklamiert

Aber auch sonst ist die Platte viel zugänglicher als ihr politisch aufgeladener Vorgänger «How To Pimp A Butterfly». Mehr noch: «Damn.» ist ein richtiges Rapalbum, in dessen Zentrum die Erzählungen von und über den Rapper selber stehen. Einer, der seine Mündigkeit und Eloquenz proklamiert, sein Anrecht auf den Thron – aber auch seinen Ängsten, den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Die Dramaturgie des Albums bestimmt die Selbstverortung. So berichtet er in «DNA.» zu einem Drumcomputer-Puls davon, die Loyalität und das Königliche bereits in den Erbanlagen mit sich zu tragen, nur um im schleppenden «Yah.» von allen Versuchungen zu berichten, denen man verfallen kann. Der Albumtitel, kann eben zwei Dinge heissen: «Ach, verdammt!» oder «Oh, wie geil!».

Natürlich darf man auch noch die mehrheitlich prominente Mitstreiterschaft kurz anführen: Rihanna und James Blake fügen sich sehr gut ein, nicht mal Weltverbesserer Bono fällt unangenehm auf. Noch wichtiger aber: Sie überschatten diesen Kendrick Lamar in Bestform nicht. Wie auch: So viel zu erzählen wie er hatte etwa Bono schon sehr, sehr lange nicht mehr.

Kendrick Lamar DAMN. (Interscope). Jetzt auf iTunes und Spotify. Ab 21.4. im Handel.

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