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«Stimmen»-Chef Markus Muffler: «Exklusivität zahlt sich aus»

Führt mit dem Schlosspark Binningen einen neuen «Stimmen»-Standort ein: Markus Muffler.

«Stimmen»-Chef Markus Muffler spricht über Klassik, Klassiker und Konkurrenzdruck.

Mit Harfenklängen der US-amerikanischen Newcomerin Mikaela Davis wird das Festival am Donnerstag im Guggenheim Liestal eröffnet, in vier Wochen wird es mit dem ausverkauften Konzert von Hollywoodstar Kiefer Sutherland zu Ende gehen: «Stimmen» steht vor der Tür, das grenzüberschreitende Musikfestival.

Leiter Markus Muffler holt 2019 Indie-Grössen wie die Singer-Songwriter Cat Power und Joe Jackson (sein persönlicher Favorit) in die Region, aber auch Legenden wie Punk-Godfather Iggy Pop und jüngere Stars wie George Ezra. Es ist eine «Stimmen»-Ausgabe, mit der wieder Ruhe einkehren soll nach einem eher aufreibenden 2018.

Markus Muffler, Sie standen im vergangenen Jahr in der Kritik: Ein Teil der Lörracher Politiker warf Ihnen vor, dass das Wir-Gefühl des Festivals verloren gegangen und die Finanzen nicht im Lot seien. Was war da los?

Markus Muffler: Da gab es eine gewisse Unzufriedenheit und verschiedene Interessen und Befindlichkeiten standen sich gegenüber. Auf dem Marktplatz waren es 2018 in der Tat weniger Besucher als im Jahr 2017. Bei den grossen Namen war es aufgrund der letztjährigen grossen Konkurrenz durch neue Festivals in der Region schwierig zu punkten. Dieses Jahr ist das schon wieder ganz anders.

Macht Ihnen die Arbeit als «Stimmen»-Chef denn noch Freude?

Ja. Ich finde es immer noch wichtig, Künstlerinnen und Künstler zu präsentieren, die man nicht überall sieht. Das ist zwar nicht nur, aber auch der Kulturauftrag, den uns die Stadt Lörrach gegeben hat.

Aber die Zahlen stimmten zuletzt nicht mehr.

Wir hatten beim letztjährigen Festival weniger Besucher, das hatten wir auch einkalkuliert. Wie ich bereits erwähnte, hatten wir grössere Konkurrenz. In Freiburg tauchte beispielsweise ein neues Festival auf, die Fürstenberg-Bühne, mit grossen Namen. Heute wissen wir, dass das einmalig war. Dieses Festival gibt es bereits nicht mehr.

In der Region Basel gibt es auch mehr Konkurrenz: Diesen Sommer spielen unter anderem King Crimson in Augusta Raurica. Diese Location gehörte vor Jahren noch zu «Stimmen», jetzt bespielt sie das Z7. Wurmt Sie das?

Die Verbindung zwischen «Stimmen» und Augusta Raurica war speziell und hing stark mit der Person von Niggi Ullrich zusammen, einem immer noch grossen Freund des Festivals und des Burghofs. Als er als Baselbieter Kulturchef aufhörte, hing alles in der Luft, wir wussten nicht, ob und wie es zwischen Augusta Raurica und «Stimmen» weitergehen wird. Dann kamen 2016 Arlesheim und nun aktuell Binningen auf uns zu. Wir wurden von den dortigen Verwaltungen mit offenen Armen aufgenommen, und so kam es, dass wir jetzt in diesen beiden Gemeinden präsent sind. Zudem sind wir immer noch mit einem Konzert in Riehen, was mich sehr freut.

Mit Binningen erschliessen Sie einen neuen Standort in der Schweiz. Ist das nicht Wasser auf die Mühlen Ihrer Kritiker in Lörrach?

Nein. «Stimmen» war immer ein Botschafter der Stadt Lörrach in unserer Dreiländerregion, nirgends ist es so einfach wie in der Kultur, dass man eine gemeinsame Sprache findet.

Dabei ist der Aufwand gross: Für zwei Konzertabende verwandeln Sie den Schlosspark in ein Festivalgebiet, mit internationalen Opernstars und einem Orchester auf der Bühne. Wie kann sich das rechnen?

Dank der Exklusivität. Wir bieten das einzige Klassik-Open-Air in der Region und hoffen so, ein neues Publikum zu gewinnen. Und wir können auf die Unterstützung neuer Schweizer Sponsoren zählen – Basellandschaftliche Kantonalbank und die Vista Klinik – sowie auf die grossartige Unterstützung seitens der Gemeinde Binningen. Hinzu kommt die tiefe Verbundenheit, die der Burghof Lörrach mit dem Sinfonieorchester Basel hat.

Aber Verbundenheit garantiert keine schwarzen Zahlen.

Nein, aber sehr faire Verhandlungen bei Gagen.

Was haben Sie in Binningen vor?

Ein Programm mit Tonfilmschlagern der 20er-Jahre und eine Operngala. Letztere mit Belcanto-Arien gesungen von Dmitry Korchak und Olga Peretyatko, der neuen Netrebko, wie einige Kritiker loben. Wir bringen also Weltstars der Opernwelt hierher. Ziel ist es, dass alle zwei Jahre ein «Stimmen»-Open Air dieser Art in Binningen stattfinden wird.

Der Vorverkauf läuft okay?

Ja, wir sind zufrieden. Es sind knapp 700 Sitzplätze und rund 200 Flaniertickets pro Abend. Bei den Flaniertickets hat man keinen Anspruch auf einen bestuhlten Sitzplatz, aber man kann eine Decke mitnehmen, sich auf den Rasen setzen und sogar einen Picknickkorb kaufen. Die Idee kenne ich von englischen Klassik-Festivals.

Dass Sie die Klassik ausbauen, ist das eine Reaktion auf den gesättigten Rock-Openair-Markt?

Ein Stück weit, vielleicht. Gleichzeitig bietet sich für uns in Binningen eine optimale Möglichkeit, der klassischen Musik bei «Stimmen» wieder mehr Raum zu geben. Wir können uns gegen den grassierenden Kannibalismus in der Rock/Pop-Branche behaupten, unser Festival gehört der Stadt Lörrach und nicht einem globalen Veranstalter. Und wir haben zum Glück sehr gute Drähte zu englischen und amerikanischen Agenten.

In Arlesheim bespielt «Stimmen» den Domplatz. Eine traumhafte Atmosphäre. Schade nur, dass Sie die Bühne gedreht haben. Jetzt hat das Publikum den Dom im Rücken statt im Blickfeld. Warum?

Das hatte produktionstechnische und ästhetische Gründe. Der Domplatz ist ja geneigt und das Publikum sieht besser vom Dom runter als umgekehrt.

In den ersten Jahren machten Sie das noch mit einer Tribüne wett. Eine zu kostspielige Sache?

Die Kosten waren immer ein Thema. Wichtig war uns aber auch, dass wir den Blick auf die Tribünenrückseite – eine riesige Stahlkonstruktion – beim Betreten des Platzes vermeiden wollten. Das war einfach nicht schön. Und wir haben gemerkt, dass Arlesheim ein guter und sehr stimmungsvoller Stehplatz-Spielort ist, besonders für Nischenpop und Funk, wie Travis 2016, Elbow 2017 oder Fat Freddy’s Drop im vergangenen Jahr.

Die diesjährigen Acts in Arlesheim, Calexico und Morcheeba, sind wiederkehrende «Stimmen»-Gäste, ebenso Jan Delay und Revolverheld auf dem Marktplatz Lörrach. So viele alte Bekannte: Droht das Stimmen Festival sich im Kreis zu drehen?

Wir laden gerne Bands wieder ein, die uns verbunden sind und viele Fans bei uns haben. Warum auch nicht, das Publikum goutiert das. Wir lassen uns aber schon mindestens drei Jahre Zeit, bevor wir eine Künstlerin oder einen Künstler erneut einladen. Bei 5000 Leuten, das ist die Kapazität des Lörracher Marktplatzes, ist das Angebot auf dem Open-Air-Markt im Übrigen auch begrenzt. Aber wir haben mit Iggy Pop, George Ezra und Beirut auf dem Marktplatz in diesem Jahr gleich drei «Stimmen»-Premieren im Angebot. Ich glaube, da kann man uns keine Repetition vorwerfen. Und der Vorverkauf läuft bei allen gut, das freut mich ganz besonders.

Im vergangenen Jahr mussten Sie einen Taucher hinnehmen: Liam Gallagher füllte den Platz nicht mal zur Hälfte. Sie warnten am Abend eindringlich vor fremden Ticketanbietern wie Viagogo. Was haben die Drittanbieter damit zu tun?

Die Warnungen bezogen und beziehen sich auf das gesamte Festival und standen in keinem direkten Zusammenhang zu diesem Konzert. Drittanbieter wie Viagogo erwecken auch dieses Jahr wieder den Eindruck, unsere Konzerte seien ausverkauft, auch wenn das gar nicht stimmt. Diese Falschinformationen halten Fans davon ab, nach Lörrach zu kommen, weil sie davon ausgehen, nur noch zu den überrissenen Schwarzmarktpreisen ein Ticket zu bekommen. Daher betonen wir, dass man die Tickets über uns direkt beziehen soll.

Rechtlich kann man nix machen?

Wir könnten die Tickets personalisieren, Nick Cave, Ed Sheeran oder Arcade Fire machen das so. Aber der personelle und infrastrukturelle Aufwand ist gross, man muss beim Einlass jeden Ausweis kontrollieren. Ausserdem bestraft es am Ende die Falschen doppelt, nämlich Musikfans, die ohnehin schon zu teure Tickets gekauft haben und dann eventuell keinen Zugang zum Konzert erhalten. Wir wollen einfach vor dieser systematischen Irreführung warnen, die ist leider grenzwertig.

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