2017 geht zu Ende: Ihr Resümee?

Leduc: Es war ein sehr spannendes Jahr. Wir hatten Ehrfurcht davor, das zweite Album herauszugeben. Für das erste hatten wir ja ein Leben lang Zeit, das war einfacher. Das zweite ist in unserem Sinn herausgekommen, ebenso die lange Tour. Ich schaue sehr gerne auf das Jahr zurück. Wir haben viele Konzerte gegeben, viele Ecken gesehen, die wir noch nicht kannten. Das ist etwas Schönes am Tourleben.

Was haben Sie denn entdeckt?

Lo: Samnaun war das Speziellste für uns. Wir fuhren sechs Stunden ins Engadin und landeten in dieser Gemeinde, die zwar zur Schweiz gehört, aber zollfrei ist und umgeben von Österreich. Die Strasse, die uns da hinführte, ist sehr rustikal, wir fuhren durch Tunnels, die aussahen wie von Hand aus dem Fels herausgebrochen. Ein schwer zugänglicher, kurliger Ort. Und ein eindrückliches Erlebnis.

Also lehrreich, so eine Schweiz-Tournee?

Leduc: Und wie! Wir haben den Lernaspekt sogar eingeführt in der Band, weil wir in Zofingen feststellten: Wir wissen nichts über diesen Ort. Das führte dazu, dass nun vor jedem Konzert ein Bandmitglied einen Vortrag über Ort und Lokalität halten muss. Die Vorträge werden immer aufwendiger und steigern sich ins Unermessliche, zuletzt mussten wir gar einen Beamer organisieren, damit eine Powerpointpräsentation gezeigt werden konnte. (lacht)

Sehr lustig! Mit dem Hit «Mis Huus dis Huus» haben Sie eine Ode an die Gastfreundschaft geliefert. Wie erleben Sie selber Gastfreundschaft auf Tour? Gar nicht, weil Sie mittlerweile nur noch in fetten Hotels nächtigen?

Leduc: Nein, in der Schweiz touren ist ja insofern gut, dass man oft noch am selben Abend heimkommt mit dem Bus. Aber was die Gastfreundschaft angeht, so stossen wir auf sehr viel Liebe. Da ist sehr viel Herzblut drin, gerade in den kleineren Clubs, wie wir sie in diesem Herbst oft erlebt haben. Im Aarauer KiFF haben wir etwa unglaublich gut indisch gegessen, es gab selbst ein veganes Menü für unseren Mischer.

Lo: Die Leute sind überall sehr herzlich, fast jede Viertelstunde werden wir gefragt: Braucht ihr noch etwas, habt ihr alles? Die Schweizer Veranstalter sind ganz toll und rücksichtsvoll. Was nicht selbstverständlich ist, finde ich, schliesslich wird man ja angestellt, um ein Konzert zu spielen, und für diese Dienstleistung wird man auch bezahlt.

Leduc: Eine gute Freundin von uns hat schon vor Jahren gesagt, sie fände es komisch, dass wir immer auch zu Essen bekämen. «Ihr kommt doch, um zu singen!» Wenn man es sich so überlegt, dann hat sie ja irgendwie recht. Dass man zur Gage noch ein Essen erhält, das ist ein Privileg der Musiker, dessen sollten wir uns auch bewusst sein.

Lo: Wenn der Dachdecker kommt, dann kocht man ja auch nicht für ihn, sondern er muss sich selber verpflegen. Immerhin geben wir den Handwerkern ein Gipfeli – auch wenn diese dann abwinken, mit den Worten: «Schon gut, ich habe ein Sandwich dabei …»

Sie könnten es sich eigentlich einfacher machen und nur mit einem DJ statt einer achtköpfigen Band auf Tour gehen. Dann würde am Ende des Abends auch mehr Gage rausschauen. Sie bieten mehr, als Sie müssten.

Lo: Ja, wenn man es nur zahlenmässig betrachtet, könnte man es sicher noch optimieren. Aber es würde den Spass für uns entsprechend reduzieren. Es ist wunderschön in Zeiten von Minimal Music mit einer Maximalband, sprich zehn Köpfen, unterwegs zu sein. Das möchten wir uns nicht nehmen lassen. Wenn ich mich auf und vor und hinter der Bühne umschaue, sehe ich nur Freunde.

Weil wir es von Gastfreundschaft hatten: Wie hat sich Ihre Freundschaft verändert in zehn Jahren?

Leduc: Schwer zu sagen, weil man ja ständig involviert ist und nicht so merkt, wie man sich verändert. Wir lernten uns über die Musik kennen. Aus dieser Passion ist eine enge Freundschaft entstanden, die sich mit dem Beruf vermischt hat, einem Business auch. Und ich glaube, wir sind daran gewachsen. Ich bin immer noch sehr froh und dankbar, dass wir uns kennen.

Rutscht man in ein Profibusiness rein, droht die Freundschaft zu einer Zweckgemeinschaft zu verkommen. Wie vermeiden Sie das?

Lo: Indem wir uns den Herausforderungen stellen: Lieber ein Problem ausdiskutieren, es nicht meiden, auch wenn es unangenehm und bisweilen nicht einfach ist.

Leduc: Ich glaube es war Ingeborg Bachmann, die sagte: «Tapferkeit vor dem Freund anstatt Tapferkeit vor dem Feind.» Das ist zwar viel schwieriger, aber auch wertvoller im Umgang miteinander.

Sie sind bekanntlich Freunde von Wortspielen. Welches bereitet Ihnen im Moment grosse Freude?

Lo: Wortspiele sind immer sehr kurzlebige Sachen, oft sind sie einfach nur schlecht, wir aber so doof, dass wir sie immer noch lustig finden. Derzeit sind wir dabei, ein Lied über die schöne Cuba Bar in Bern zu schreiben, ein Ort, wo man spätnachts landet und wo ab und an auch Politiker verkehren. Aus verschiedenen Gründen ist die Cuba Bar daher der Ort, wo sich Fuchs und Hess gute Nacht sagen ...

Eine Anspielung auf die SVP-Politiker Thomas Fuchs und Erich Hess.

Leduc: Genau. Ein doofes Wortspiel, das ich immer noch ganz lustig finde.

Sie haben 2017 auch mit einer eigenen Version des «Totemügerli» einen viralen Hit gelandet. Wie ist es dazu gekommen?

Lo: Wir haben sehr viel Freude an Sprache, egal ob es ein Liedtext oder Prosa ist. Und das war unsere Hommage an Franz Hohlers «Totemügerli», das vor 50 Jahre entstanden ist. SRF fragte uns an, ob wir uns daran versuchen wollen, und wir sagten sofort zu. Zum einen finden wir die Geschichte mit all ihren Wortschöpfungen grossartig. Und zum andern hat es uns auch sehr wundergenommen, wie das ist, auf einer Kleinkunstbühne einen Prosatext vorzutragen. Etwas, was wir zu zweit noch nie gemacht hatten. Aber eigentlich waren wir gar nicht so kreativ, wir taten, was wir immer tun, haben einfach die Band vergessen (lacht).

Sie haben SRF erwähnt: Alle reden über «No Billag» und die möglichen Folgen. Was hiesse eine Annahme der Initiative für Sie?

Lo: SRF spielt eine Menge Schweizer Musik auf all seinen Kanälen, das ist eine riesige Verbreitungsplattform und generiert für uns auch Tantiemen in Form von Suisa-Geldern. Bands wie wir sammelten erste Radio-Erfahrungen auf Rabe und Virus, beides Sender, die von den Billag-Gebühren finanziert werden. Eine solche Förderung ginge verloren ohne die Gebühren.

Leduc: Wir würden dieses Interview wohl nicht führen, wenn es keine Billag und damit keine gebührenfinanzierten Medien gäbe. Das heisst, wenn man im März diese Initiative nicht ablehnt, riskiert man auch einen Einbruch der Schweizer Musikförderung.

Haben Sie es sich gut überlegt, ob Sie zu «No Billag» Stellung beziehen wollen?

Lo: Wir haben darüber gesprochen, ja. Wir lehnen sie ab, die Initiative, aber sind uns auch bewusst, dass man uns einfach Egoismus vorwerfen kann, weil wir ja derzeit von der Situation profitieren, eben, durch die Tantiemen und das Airplay. Allerdings gibt es auch ganz viele andere Gründe, die gegen diese Initiative sprechen. Es ist sehr wichtig für eine Demokratie und für unser Land, dass es ein Medienunternehmen gibt, das nicht von der Ökonomie abhängig ist und über alle vier Sprachregionen berichtet.

Das grösste Ärgernis 2017?

Lo: Es war ein sehr spannendes Jahr, in dem viele mutige Leute und gerade auch Frauen einen wichtigen Diskurs ausgelöst haben. Mein Ärgernis ist, dass es auf so viel Ärger stösst, wenn jemand mal Position bezieht. Die Online-Kommentar-Lawinen halten bestimmt viele davon ab, sich zu äussern, obwohl sie Wichtiges zu sagen hätten.

Aber wenn Donald Trump einen Tweet rauslässt und Position bezieht, ist man sich wiederum weitgehend einig in der Ablehnung ...

Leduc: Das stimmt, ja. Für mich ist es auch ein Ärgernis, dass jeder Tweet von Trump ein Medienecho auslöst. Und er daneben diverse Papiere unterschreibt, die eine weitaus grössere Auswirkung auf die Welt und die Gesellschaft haben als der elende Tweet. Der Fokus ist durch seine destruktiven Ablenkungsmanöver leider oft verkehrt.

Was war Ihr schönstes Erlebnis 2017? Auf der Hauptbühne des Gurten-Festivals zu spielen?

Lo: Damit ging sicher ein Traum in Erfüllung. Aber auf der Clubtour gab es jetzt auch unvergessliche Abende, einfach in intimerem Rahmen. Wir waren dabei nicht weniger nervös. Die Stimmung kann fast noch mehr explodieren, durch diese Unmittelbarkeit im geschlossenen Saal. Darum freuen wir uns jetzt auch auf Basel und Bern.

Elegante Steilvorlage zur letzten Frage: Was kommt nach dieser Tour, nach Weihnachten? Ein Jahr Pause in der Karibik?

Leduc: Nein, das ist nicht der Plan. Wir reden zwar immer von langen Ferien, es sieht jedoch schon relativ voll aus bis zum Sommer.

Live Donnerstag, 21. Dezember, Volkshaus Basel. Support: Nemo. 19.30 Uhr.

Freitag, 22. Dezember, Festhalle Bern (Support: Stress und Nemo), 19 Uhr.