Wild, laut und unverfroren. Mit der Energie des Punk-Rock und der Lautstärke des Metal haben vor bald zehn Jahren die Zürcher Combo «Cowboys From Hell» sowie das Berner Pendant «Kaos Protokoll» die Gehörgänge der Salon-Jazzer strapaziert und die Jazzgemeinde gespalten. Voll in die Fresse!

Beide Bands erregten im In- und Ausland Aufsehen. Doch mit den Jahren hat sich die gerotzte Provokation abgenutzt. «Wir haben uns nicht abgesprochen», versichert Cowboy-Saxofonist Christoph Irniger. Aber unabhängig voneinander sind beide Bands gleichzeitig zum Schluss gekommen, dass eine Richtungsänderung angebracht ist. Das belegen nun ihre neuen Alben «Running Man» (Cowboys From Hell) und «Everyone Nowhere» (Kaos Protokoll).

Die Wild-West-Musik der drei Cowboys Christoph Irniger (Sax), Marco Blöchlinger (Bass) und Chrigel Bosshart (Schlagzeug) ist auf einem hohen Energielevel, immer noch wild, immer noch Adrenalin-getrieben. «Einfach nicht mehr so krass wie einst», sagt Irniger. Der Saxofonist betont dagegen, dass sich das Trio als Band weiterentwickelt hat, der Sound heute «bedachter, runder, kompakter und ausgefeilter» ist. So hat Irniger für sein synthetisch verfremdetes Saxofon erstmals eigene Sounds und Effekte kreiert, die dem Gesamtklang der Band entsprechen. Die Entwicklung der «Cowboys From Hell» ist ein kontrollierter Reifeprozess, eine Justierung, bei der die Kontinuität gewahrt bleibt.

Entauchen in Klangcollagen

Beim Berner Kaos Protokoll markiert «Everyone Nowhere» dagegen eine radikale Richtungsänderung. Ein Bruch, der auf den Bandleader, den 35-jährigen Bassisten Benedikt Wieland, zurückgeht und auf dessen Umzug nach Berlin, der Hauptstadt von Electronica und Techno. «Ich wollte eintauchen in Klangcollagen, sphärische Sounds, auch dunkle Klänge, die mich auch oft zurück in die Kindheitserinnerungen katapultierten, weil mich schon damals die oft sehr schweren, melancholischen und verträumten Klänge von klassischen Komponisten wie Debussy, Mussorgsky und Chopin faszinierten», sagt Wieland. «Das hat mich automatisch von der aufmüpfigen, punkigen und revoltierenden Attitüde entfernt, die wir früher verkörperten.»

Der feurige und extrovertierte Saxofonist Mark Stucki wollte diesen Wandel nicht mitgehen, weshalb er durch den Tenorsaxofonisten und Bassklarinettisten Simon Spiess ersetzt wurde. Der lyrische, eher introvertierte Spiess, der ein sehr luftiges, eigenständiges Horn bläst, passt perfekt zum neuen Sound. Gleichzeitig, um das Electronica- und Ambient-Element zu unterstreichen, wurde das Trio mit Wieland, Spiess und Schlagzeuger Flo Reichle um den Keyboarder Luzius Schuler auf ein Quartett erweitert. So klingt Kaos Protokoll heute melancholischer, cineastischer, introvertierter und elektronischer.