Klassik

Zwei Drama Queens kreuzen die Stimmbänder

Cecilia Bartoli auf ihrer geheimen Agostino-Steffani-Mission (links) und Joyce DiDonato als Opernsängerin aus dem Bilderbuch

Cecilia Bartoli auf ihrer geheimen Agostino-Steffani-Mission (links) und Joyce DiDonato als Opernsängerin aus dem Bilderbuch

Opernstar Cecilia Bartoli hat einmal mehr eine Mission, Konkurrentin Joyce DiDonato beschränkt sich aufs Singen. Opernkunst ist nun mal auch eine Effektkunst, doch wer diese Effekte so wie Bartoli zuspitzt, sollte die Klarheit nicht vergessen.

Es wird nicht besser. Oder sagen wir: nicht anders. Das Feuerwerk, das Cecilia Bartoli auf ihrem Opener, wie neudeutsch das erste Stück auf einer CD heisst, abfackelt, erweist sich als ein K(r)ampf der Koloraturen. Vermeintlich aus den Ton-Stricken befreiende Spitzentöne klingen dumpf oder werden zum Schrei. Verwirrend, eine weltberühmte Stimme zu hören und dauernd zu denken: «Das ist aber furchtbar schwierig zu singen!»

Es folgt alsbald eine stille Arie. Auch hier stören die altbekannten Unschönheiten: Gummitöne – Klänge, die in die Kehle rutschen und mit Verrenkungen dort wieder raus sollen. Alles nur Details bei so viel Impetus, so viel Energie, so viel Emotion? Vielleicht. Schön und innig gestaltet diese Sängerin die Rezitative – italienisch sprechen kann die Bartoli. Keine haucht süsse Liebesworte schöner, keine rollt dann die «Rrrrrr»s dramatischer. Und im (halbsingenden) Ausloten der Pianissimi zeigt sie sich als Meisterin – da spielt sie mit ihrer Stimme, als wäre sie eine Laute, die in den unterschiedlichsten Stimmungen verblüffen soll.

Fehlende Klarheit

Opernkunst ist nun mal auch eine Effektkunst, doch wer diese Effekte so wie Bartoli zuspitzt, sollte die Klarheit nicht vergessen. Im kurzen «Morirò fra strazi e scempi» hört unsereins zu Beginn kaum einen Ton, der geradlinig fliesst. Immerhin: Wenn Leichtigkeit verlangt wird, wenn Bartoli harmlose Arien trällern darf, klingt alles sauber, hübsch und emotional bewegend.

Bei drei Duetten wirkt Countertenor Philippe Jaroussky mit, der mit federleichter Stimme singt, als wäre seine Kunst ein Kinderspiel. Ebenso famos sind die «Barocchisti», die der Tessiner Diego Fasolis klangvoll, zerbrechlich und kühn wie eine dritte Stimme führt – vom Tessiner Chor kann das nicht behauptet werden.

Der Gesang ist unwichtig

Scheingefechte. Im Prinzip ist es gar nicht so wichtig, wie Bartoli singt. Sie hat schliesslich eine Mission, das wird schon auf dem CD-Umschlag deutlich. Dank der Decca-Promotionsmaschinerie findet sie auch Gehör. Zehn Millionen verkaufter Bartoli-CDs in den letzten 20 Jahren wirken für alle Beteiligten beflügelnd. Und so plaudert denn unser aller «Ceci» allüberall über das «schockierende» Cover und sagt dann auch noch ein paar Worte zu ihrer Arbeit in den Archiven.

Bartoli hat nämlich wieder mal einen Komponisten ausgegraben – diesmal heisst er Agostino Steffani (1645–1728). Und damit dieser Mann bekannt wird, hat sie sich gleich eine gewichtige Weggefährtin mit ins Boot geholt: Krimiautorin Donna Leon. Die Amerikanerin schrieb sogleich den Agostini-Roman mitsamt einer weiblichen Heldin...

Cecilia Bartoli "Mission" - Dokumentation zum neuen Album

Cecilia Bartoli "Mission" - Dokumentation zum neuen Album

Agostini ist ein kleiner Held an der Schwelle zum grossen 18. Jahrhundert: Priester, Komponist, Bischof, Diplomat – in ganz Europa war er präsent, am 12.Februar 1728 zum letzten Mal in Frankfurt gesehen. Ganz vergessen war er ja nicht. Seine Oper «Niobe» wurde 2008 immerhin bei den Festspielen in Schwetzingen aufgeführt. Später wurde «Niobe» auch anderswo gezeigt. Und da wie dort hörte man, wie sehr dieser Steffani Georg Friedrich Händel beeinflusst hat

So wichtig, dass Agostino Steffanis Name auf dem CD-Umschlag stehen würde, war er Cecilia Bartoli dann auch wieder nicht. Da macht sie lieber wie angedeutet auf Lady Gaga und verkleidet sich als...ja, als Agostino Steffani. Dafür hat sie sich ein Priesterkostüm und eine Glatze zugelegt. Ob das Cover auf die Botschaft lenkt, die Bartoli vermitteln will? Immerhin: Im dicken CD-Heft ist sehr vieles bestens dokumentiert, DVD, iPad-Spiel und Roman helfen dem Neugierigen weiter.

Amerikanische Bartoli-Alternative

Doch es gibt aktuelle Alternativen, allerdings «bloss» eine CD, aber immerhin EMIs Antwort auf Deccas Bartoli. Und ja, das Cover dieser Aufnahme gehört zu jener Gattung, die Bartoli als «glamourösen, nichtssagend» bezeichnet. Aber diese Joyce DiDonato singt dafür Koloraturen, als wäre es ein Kinderspiel, zeigt einen frischen Stimmklang, betont kühn, was wahrlich herausgeschleudert werden soll, singt leise, muss aber aus einem Pianissimo nicht gleich einen Hauch eines Tones machen. Kurz: DiDonato macht Bartolis Mängel locker wett. Und dass ihr Bartoli Vorbild ist, macht DiDonatos Kunst keinen Ton schlechter.

Die 43-jährige Amerikanerin nimmt sich in «Drama Queens» den Verlassenen den Betrogenen und sonst gequälten Königinnen an, singt Arien von Giuseppe Orlandini, Giovanni Porta, G.F.Händel, Reinhart Keiser, Johann Adolf Hasse oder anderen Komponisten, Werke, die zwischen 1643 und 1784 entstanden.

DiDonatos Stimme ist unpersönlicher als jene der Bartoli, aber durchaus farbenreich und voller Emotion. Wer aber aus Mängeln bestehende Charakterstärke bevorzugt, noch dazu einen Komponisten entdecken will, ist mit Bartolis CD besser bedient. Wer eine wahrlich schöne Stimme auf der Höhe ihrer Zeit hören will, noch dazu grossartige Musik, nehme «Drama Queens».


Konzerte

DiDonato: 3.11., Baden-Baden
Bartoli: 7.12., Zürich.

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