Kultur

Nach Krieg und Pandemie stürzten sich die Menschen ins wilde Vergnügen – wie die goldenen 20er uns noch heute beeinflussen

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Nie war der Hunger auf Neues und auf betäubendes Vergnügen grösser als in den wilden, goldenen 1920er-Jahren. Ein kurzes Aufbäumen mit verblüffend grossen Folgen, die bis heute nachwirken.

1926 erfand die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky die Frankfurter Küche. Ohne ihren Entwurf würden wir heute anders wohnen. Denn was sie auf dem knappen Platz in den Mietwohnungen der riesigen neuen Siedlungen in Frankfurt so akribisch wie genial einpasste, ist nichts weniger als der Urtyp der Einbauküche.

© Das neue Frankfurt; 1926

Alles sollte mit einem Handgriff erreichbar sein, alles seinen fixen Platz haben. Effizienz war nun auch beim Haushalten angesagt, Hygiene wurde (nach der Spanischen Grippe 1918) gross geschrieben, der Platz in den Städten war teuer. Vor allem passte die Küche zur neuen Frau, die den Haushalt ohne Angestellte schmiss, die auch Arbeiterin war und die gar noch Freizeit haben sollte und wollte.

Ähnlich umgekrempelt wurde in den 1920ern die Arbeitswelt. Henry Fords Fliessbänder rollten nun auch in Europa für die Massenfertigung an Arbeiterinnen und Arbeitern vorbei, die schnell und wie Maschinen zu agieren hatten. Und Frederick W. Taylors Lehre von der wirtschaftlichen Effizienz liess von Freizeit nicht nur träumen.

Kurzum: Leben und Arbeit, aber auch die gesellschaftlichen Werte änderten sich rasant. Sichtbar wird das an der Architektur wie am Mobiliar, an Kleidern, Frisuren und Manieren, in Film und Theater, in der Kunst wie in der Küche. Das zeigt im Moment eine breit aufgestellte Ausstellung im Kunsthaus Zürich.

Katastrophen lösen die Euphorie aus

Auslöser für das radikale Umkrempeln von Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft, für die Lust auf Neues und eine unglaubliche Gier nach sorglosem Vergnügen waren die Katastrophen im Jahrzehnt zuvor: Der Erste Weltkrieg und die Spanische Grippe mit Hunderttausenden Toten an seinem Ende 1918. Die deutschen und französischen Soldaten, die aus dem Krieg heimkehrten, millionenfach versehrt an Körper und Geist, mussten verkraften, dass Krieg nicht mehr heldenhafter Manneskampf, sondern Ausharren im Schützengraben hiess, beschossen und besiegt durch Maschinen.

Ihre Tragik, ihr Elend fanden ihr Abbild in der Kunst. Entweder in expressiven Gesten, wie sie sich schon ein Jahrzehnt früher etabliert hatten – oder im kühl sublimierten Stil der neuen Sachlichkeit. Doch eigentlich wollte man sie nicht sehen, die Verlierer, die Invaliden, die Zitterer.

Welche Fähigkeit zum Vergessen und Verdrängen, welcher Überlebenswille und wie viel Zukunftsgläubigkeit steckt im Menschen! Kuratorin Cathérine Hug schreibt im Katalog der Zürcher Ausstellung:

Cathérine Hug Kuratorin

Cathérine Hug Kuratorin

Und weiter: «Neu wurde zum Schlagwort der Stunde.» Dazu kam eine Lust am Vergnügen und auf Ablenkung, neben der die Spassgesellschaft der 1990er-Jahre geradezu brav wirkt.

Allein in Berlin boten 900 Tanzlokale (dreimal mehr als heute) den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen Ablenkung im Rausch der Nacht zu Charleston und Foxtrott. Dazu kamen neue, riesige Kinos und Cabarets. Zahlreiche Romane und Gedichte aus der Zeit scheinen im Kokaintaumel verfasst. Josephine Baker feierte ab 1925 in Paris und Berlin mit ihrer «La Revue nègre» Erfolge und trat, nur mit einem Bananenröckchen bekleidet, auch in Zürich unter Jubel auf.

Josephine Baker: Das Symbol der wilden Zwanziger. Mit ihrer «Revue nègre» feierte sie von Paris über Berlin bis Zürich Erfolge.

Josephine Baker: Das Symbol der wilden Zwanziger. Mit ihrer «Revue nègre» feierte sie von Paris über Berlin bis Zürich Erfolge.

Ja, sie soll gar Le Corbusier zu neuen Architekturformen inspiriert haben.

Neue Rollen für die Frau in Beruf und Freizeit

Tagsüber schuftete das Volk – so fern es Arbeit hatte – in den Fabriken, und die Hautevolee traf sich im Café. Die Männer hatten Bart und Frack abgelegt, trugen elegante Halbschuhe statt Stiefel. Noch frappanter trat die neue Frau auf. Sie hatte in den Kriegsjahren ihren Mann gestellt – und verteidigte danach die neu gewonnenen Rechte.

In Deutschland wurde im November 1919 das Frauenwahlrecht eingeführt. Das Mieder wurde abgelegt, die Röcke rutschten bis zum Knie hoch und hingen taillenlos bequem, dafür mit Fransen und Federn verziert am möglichst schlanken Körper. Das kleine Schwarze von Coco Chanel würde frau sich heute noch anziehen.

Mode für die neue Frau: kurz, bequem und sexy. Das Kleine Schwarze von Coco Chanel würde frau heute noch gerne anziehen.

Mode für die neue Frau: kurz, bequem und sexy. Das Kleine Schwarze von Coco Chanel würde frau heute noch gerne anziehen.

Auch die alten Zöpfe fielen: Der Bubikopf (welch ein Wort!) und die Zigarette, an langer Spitze und öffentlich geraucht (welch ein Skandal!), wurden zum Symbol dieser neuen Frau.

Die – etwas despektierlich – als Flappers bezeichneten Vorreiterinnen feierten und tranken – und sie machten beruflich vorwärts. Nicht nur als Arbeiterinnen, Sekretärinnen oder sonst im Gehilfinnen-Status, sondern auch als Modeentwerferinnen, Fotografinnen, Architektinnen und Künstlerinnen. Das geriet im Laufe der Geschichte – wie so viele weibliche Taten – in Vergessenheit.

Die so witzigen wie gesellschaftskritischen Collagen der Dadaistin Hanna Höch, die neusachlichen Malereien von Jeanne Mammern, die abstrahierenden Figurationen von Marianne (My) Ullmann oder die Collage mit Zeitung und Auto vom Warwara Stepanowa sind tolle Wieder-Entdeckungen.

Die Collage ist das Medium, das Auto das Symbol der 20er. Warwara Fjodorowna Stepanowa, 1929/1930.

Die Collage ist das Medium, das Auto das Symbol der 20er. Warwara Fjodorowna Stepanowa, 1929/1930.

Apropos Auto. In den 1920er-Jahren wurde nicht nur die Magd als Gehilfin der Hausfrau abgeschafft, sondern auch der Chauffeur als Kutscher des Mannes. Herrenfahrer steuerten ihre eigenen Automobile. «Damenfahrer» existierte als Wort nicht, aber es gab Frauen, die sich ans Steuer setzten, gar Abenteurerinnen wie die deutsche Rennfahrerin Clärenore Stinnes, die von 1927 bis 1929 als erster Mensch mit einem Auto die Welt umrundete.

Clärenore Stinnes Rennfahrerin

Clärenore Stinnes Rennfahrerin

Klarheit in der Architektur – Rausch im Bauch

Wer einen Eindruck bekommen will von der gesellschaftlichen Nonchalance und dem städtisch hektischem Leben, schaue sich Walther Ruttmanns rhythmisch hervorragend gestalteten Montagefilm «Berlin. Sinfonie einer Grossstadt» von 1927 an.

Mut zum Experiment zeigte sich in vielen Lebensbereichen. Das 1919 gegründete Bauhaus strebte mit der Vision eines Gesamtkunstwerkes aus Design, Kunst, Handwerk nicht nur eine schönere Wohnwelt an, sondern wollte gar einen besseren Menschen heranziehen. Letzteres hat nur bedingt funktioniert, aber die Möbel – etwa die Freischwinger von Marcel Breuer – prägen unsere Wohnungen bis heute.

Richtig nachhaltige Wirkung erzielte die Architektur. Mies van der Rohe und Walter Gropius am Bauhaus, Le Corbusier in der Schweiz und in Frankreich waren einige der wichtigsten Vertreter des International Style. Unsere heutigen Städte, Wohnblöcke und Villen sähen ohne dieses Neue Bauen anders aus! Beispielhaft zeigte die 1927 errichtete Weissenhofsiedlung in Stuttgart an 21 Häusern die Ideen der Moderne. Noch heute wirken diese architektonischen Würfe so zeitgemäss, dass man am liebsten einziehen würde.

Nicht nur die Umgebung des Menschen wurde umgekrempelt, sondern ebenso seine Wahrnehmung infrage gestellt – und erweitert. Film und Fotografie experimentierten mit ungewohnten Perspektiven, technischen Erfindungen, mit Licht und Geschwindigkeit.

Im Animationsfilm «Ballet mécanique» von Fernand Léger und Dudley Murphy von 1924 tanzen Gegenstände und Körperteile.

Auf der Theaterbühne wurde das klassische Ballett durch den Ausdruckstanz ersetzt. Hier zeigt sich die überraschende, neue Freiheit, die der Mensch an und in sich selber fand. So frech und frei, so ironisch und ausdrucksstark wie Valeska Gert oder Greta Palucca wünschte man sich heutige Performerinnen und Performer.

Die Parallelen zu heute: oft gezogen, aber hoffentlich falsch

Und ja, wie steht es mit dem oft beschworenen Gleichtakt unseres eben angebrochenen Jahrzehnts mit den 1920er-Jahren? Mit der Beschleunigung des Alltags, der Neugier auf das Neue kann es die Jetztzeit nicht mit den wilden Zwanzigern aufnehmen. Die Lust auf Neues war damals wohl deshalb viel stärker, weil wir jetzt so wohl und gut und bequem leben und die Wirtschaftskrise 2008 oder die aktuelle Coronakrise nicht existenzielle Katastrophen sind, wie es der Erste Weltkrieg oder die Spanische Grippe waren.

Auch war der Graben der sozialen Ungerechtigkeit (man denke an den Generalstreik 1918, die hohe Arbeitslosigkeit ohne soziale Absicherung, die rechtlose Situation der Arbeiter) viel tiefer als heute. Die Lust auf Aufbruch, auf reale oder intellektuelle Grenzüberschreitungen wie globales Denken scheint im Moment gebremst.

Ob die Digitalisierung, die Black-Lives-Matter-Bewegung, die Klimaschutz-Aktivisten oder die Queer-Denkenden solch einschneidende und vor allem nachhaltigen Auswirkungen auf Alltag, Gesellschaft und Werte haben werden wie die Verwerfungen und Errungenschaften der 1920er-Jahre, wird sich erst im Blick zurück zeigen.

Wünschenswert ist eine zu starke Parallelität sowieso nicht. Vergessen wir nicht: Die wilden, die goldenen Zwanziger dauerten nicht lange. Im Oktober 1929 crashte die Börse in New York, und die Welt schlitterte Anfang der 1930er-Jahre in die grösste Weltwirtschaftskrise aller Zeiten. In Deutschland rissen danach Hitler und die Nationalsozialisten die Macht an sich – und die Welt 1939 damit in den Zweiten Weltkrieg.

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