Literatur

Nachdem er den Prix Goncourt 2019 gewann: Jean-Paul Dubois’ spannender Roman erscheint jetzt auf Deutsch

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns be­wohnt die Welt auf seine Weise dtv

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns be­wohnt die Welt auf seine Weise dtv

Die Geschichte des Hausmeisters, der sich seinem Schicksal fügt und einen Gefängnisaufenthalt akzeptiert, berührte letztes Jahr Frankreich.

«Wenn ich Ihre Akte lese, ist mir schon klar, dass Ihr Platz nicht hier ist», sagt der Beamte der Gefängnisverwaltung zu Paul Hansen. Dieses Erstaunen teilt man als Leserin ein ganzes Buch lang mit ihm. Denn wie kann jemand, der so unauffällig, fast lautlos durchs Leben geht wie er, der seine Frau Winona zärtlich liebt und die kluge Hündin Nouk, die Winona in der Wildnis gefunden hat – wie also kann einer wie er zum Mörder werden? Um ein Haar jedenfalls.

Sein Zellengefährte Patrick, mit dem Paul seine Tage und Nächte verbringt, ist sich sicher: Wenn ihm das passiert wäre, er hätte «das Arschloch gekillt. Solche Typen gehören auf­geschlitzt.» Verbal bringt Patrick von den «Hells Angels», dessen innigste Beziehung die zu Fat Boy, seinem Motorrad ist, täglich einen Teil der Menschheit um die Ecke. Aber je länger man die erzwungene Gemeinschaft der Gefangenen lesend beobachtet, desto erstaunlicher offenbart sich Patrick als redegewandter sowie abenteuerlicher Denker von unzweifelhafter Menschlichkeit.

Mensch werden und bleiben

Denn Menschen sind ja oft ganz anders, als man auf den oberflächlichen Blick erkennt. «Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine eigene Weise», sagt der schöne Titel des Romans programmatisch, und davon wusste Paul auch schon eine Menge, bevor der Horizont seines Leben sich auf ein paar Quadratmeter vergitterten Raums verengte. Wie man in erzählerischen Etappen, verschränkt mit dem Gefängnisalltag, erfährt, war schon Pauls Herkunft von Vielfalt und Kontrasten geprägt.

Der Vater, dänischer Pfarrer aus Jütland, verkündete allen Glaubensanfechtungen zum Trotz, Pauls Kindheit und Jugend hindurch Gottes Wort in der südfranzösischen Heimat seiner Frau, bis die Kluft zwischen ihren Lebenswirklichkeiten zu gross wurde.

Als Pauls Mutter, dem Zeitgeist aufgeschlossene Kinobetreiberin, auch freizügiger Pornografie die Leinwand freigab, strich der Pfarrer die Segel und hielt fortan seine Predigten in einer kanadischen Bergarbeiterstadt. Paul, zwischen den markanten Eltern fast unsichtbar, folgte dem Vater und wurde nach dessen Tod zum guten Geist und Hausmeister einer Wohnanlage mit 68 Wohnungen.

Der Ort scheint auf jemanden wie ihn gewartet zu haben: den es glücklich macht, den gewaltigen Organismus der Anlage vom Hygienesystem des Schwimmbads bis zur seelischen Verfassung seiner Bewohner am Laufen zu halten. Als noch die Pilotin Winona und Hündin Nouk in sein Leben treten, scheint ein vorher nicht dagewesenes Licht in Pauls Leben. Und dann kommt alles anders, und mit Beginn des 21. Jahrhunderts ein Zeitgeist, der Rendite und Rentabilität über alles und die Koordinaten von Pauls Leben auf den Kopf stellt. Mit unabsehbaren Konsequenzen.

Staunenswert in Jean-Paul Du­bois’ Geschichte ist die Mühelosigkeit, mit der er die Figuren erzählt, und die Eindringlichkeit, mit der er seine Nicht-Schauplätze zu vermitteln vermag.

Jean-Paul Dubois Autor

Jean-Paul Dubois Autor

Man kann in diesem Buch einiges über Autos und Motorräder lernen. Vor allem aber lernt man etwas über Lebenshaltungen, die nicht an der Garderobe einer neuen Zeit abgegeben werden, und über die immer wieder zu fällenden Entscheidungen, was man aus dem eigenen Menschenmöglichen macht.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1