Kultur

Neu auch in der Schweiz: Unternehmen bauen spektakuläre Firmensitze, die ganze Stadtbilder dominieren

Der neue Swatch-Hauptsitz in Biel. Der Entwurf des futuristischen Gebildes mit einer Trägerkonstruktion aus Holz stammt vom japanischen Architekten Shigeru Ban.

Der neue Swatch-Hauptsitz in Biel. Der Entwurf des futuristischen Gebildes mit einer Trägerkonstruktion aus Holz stammt vom japanischen Architekten Shigeru Ban.

Das Bild der Städte war jahrhundertelang geprägt durch Kirchen, Palazzi und Bürgerbauten. Sie erhalten optische Konkurrenz durch Firmen, die mit Signalbauten Macht und Potenz markieren.

Spektakulär, futuristisch, einmalig: Superlative prägen die Diskussion über den neuen Hauptsitz von Swatch in Biel. Optisch ist die gebaute Schlange mit ihren Glas-, Solarpanel- und Kunststoff-Schuppen über einer Holzwaben-Konstruktion eine gewaltige Erscheinung. 240 Meter lang und 22 Meter hoch windet sie sich durch die Parzelle und kriecht gar auf das Dach des Nebenbaus. Elegant und verspielt wirkt das Gebäude aus der Luft.

Ziel von Swatch ist es, in diesem aufsehenerregenden Bau des japanischen Exzentrikers Shigeru Ban 400 Arbeitsplätze der Swatch-Gruppe zu konzentrieren und – mindestens so wichtig – nach aussen ein Zeichen für die eigene Innovationskraft, Fantasie und wirtschaftliche Potenz zu setzen.

, erklärt Carlo Giordanetti, Creative Director von Swatch. 125 Millionen Franken hat alleine die Schlange gekostet, insgesamt 200 Millionen der ganze Uhrencampus. Nicht nur für sich setzt Swatch ein Signal, sondern bezeichnet den Bau bereits als neues Wahrzeichen für Stadt und Region Biel. Das heisst aber auch, Swatch prägt mit seiner dominanten Neuerscheinung die Stadt Biel noch stärker als bisher.

Basler und Baslerinnen werden ob der Bezeichnung «dominante Erscheinung» lächeln, denn die optische Dominanz von Firmensitzen kennen sie gut. Besser als jede andere Schweizer Stadt. An die Erscheinung des scharfkantigen Lonza-Hochhauses konnte man sich seit 1962 gewöhnen, ebenso an die Bauten von Sandoz, Ciba-Geigy und Syngenta. Sie sind und waren prominente, aber im Stadtgefüge verankerte Bauten oder setzten am Stadtrand einen Akzent.

Von Firmen gebaute Städtewahrzeichen

Doch seit 2015 gibt es in Basel nur noch ein Wahrzeichen: den weissen Roche-Turm. Ob man in der Stadt oder Kilometer entfernt unterwegs ist. Man sieht ihn. 178 Meter hoch (Schweizer Rekord) prägt er, alles andere weit überragend, die Silhouette und damit die Wahrnehmung der Stadt. Der auf einer Seite abgetreppte Turm von Herzog und de Meuron ist mehr als ein Bau. Das 500-Millionen-Franken-Hochhaus ist eine klare Botschaft der Firma: Wir sind gross. Wir sind reich. Hier herrschen wir. Bereits ist ein Zwilling im Bau, weitere Türme sollen folgen.

Das Phänomen, dass ein Firmensitz ein Stadtbild dominiert, ist in der Schweiz neu. Die Industriebauten der Gründergeneration wurden wegen ihrem Lärm und Rauch meist grossflächig ausserhalb der Zentren angelegt. Sulzer in Winterthur, BBC in Baden oder Escher-Wyss und Maag in Zürich waren eigene Städte am Stadtrand. Der Novartis-Campus in Basel (Masterplan von 2001) folgt diesem Muster der verbotenen Stadt.

Das Mass aller Dinge waren die Kirchen

Einzig saubere, kundenorientierte Branchen dagegen liebten die Stadt. Banken und Versicherungen erstellten im 19. Jahrhundert repräsentative Hauptsitze mit prächtigen Schaufassaden. Sie beherrschten damit allenfalls eine Strasse – oder wie in Zürich den Paradeplatz –, aber nicht das Bild der ganzen Stadt. Den optischen Lead überliessen sie öffentlichen Bauten. Als höchste Gebäude und Wahrzeichen der Städte figurierten unangefochten und jahrhundertelang die Kirchtürme.

Im zweiten Rang der Bauhierarchie folgten seit dem Mittelalter Rathäuser und die Paläste des Adels. Als vor rund 150 Jahren die Städte in die Breite und Höhe wucherten, etablierten sich Bahnhöfe und Postämter als neue Landmarken. Diese Kathedralen der Moderne wiesen monumentale Ausmasse auf, die Silhouette der Stadt nach oben durchbrachen sie selten.

Als neue Wahrzeichen setzten Staat und Volk damals Bildungs-, Kultur- und Sozialbauten über ihre Städte: Die ETH und die Universität in Zürich sollten den aufgeklärten, modernen Geist des Landes widerspiegeln. Ebenso Museen, Theater und Verwaltungsbauten. Es ist kein Zufall, steht das Bundeshaus von weither sichtbar über der Aare oder thront der Suva-Hauptsitz über Luzern: Sie sind die Paläste der Demokratie – und geben sich gleichberechtigt zu den Kirchen.

In London galt gar jahrhundertelang die Regel, dass kein Gebäude die Kuppel der St.-Pauls-Kathedrale mit ihren 111 Metern überragen dürfe. Königshaus, Adel und staatliche Institutionen unterwarfen sich, selbst Richard Rogers richtete sich 1978 beim Sitz für Lloyds mit den berühmten Glasliften noch danach.

Doch nach der Jahrtausendwende und dem Grössenwahn in der abgelegenen Canary Wharf fiel die moralische Schranke in der Londoner City. Eine der Vorreiterinnen war 2003 die Swiss Re mit einer gläsern-glitzernden Spiralkonstruktion. Die Versicherung verkaufte es wieder – wohl nicht, weil sich dafür der Name The Gherkin eingebürgert hat, was anständig mit Gurke übersetzt wird, im Slang aber Penis meint.

Phallische Auftrumpfsymbole sind die Türme allesamt, ob rund oder eckig. Angefangen hat die gebaute Potenzdemonstration von Firmen in den USA. Frank Lloyd Wrights hermetischer Hauptsitz für Johnson&Johnson von 1936 mit dem trutzigen, angefügten Laborturm in Racine, Wisconsin, gilt als einer der Urbauten für ein zentralisiertes Headquarter und gebaute Corporate Identity. Walter Chrysler leistete sich den höchsten Wolkenkratzer in New York als Marketinginstrument für die Firma und schuf ein Wahrzeichen für die Stadt, das bis heute wirkt. Selbst wenn die Gebäude rundum sein Alleinstellungsmerkmal seither stark nivelliert haben.

In Europa machte dieses Streben der Firmen erst später Schule. Eines der ersten, bis heute ikonenhaft verehrten Beispiele schufen 1960 Gio Ponti und Pier Luigi Nervi für Pirelli in Mailand. Seither schiessen Signalbauten aus dem Boden: Karl Schwarzer baute 1968 für BMW in München einen Vierzylinder und Zaha Hadid für die Reederei CMA CGM in Marseille ein Doppelsegel-Hochhaus.

Wettkampf um Aufmerksamkeit und Wirkung

Solch zeichenhaften Monumentalbauten hat die Schweizer Firmenlandschaft wenige vorzuweisen. Hierzulande agiert man mit bescheidener, durch Baugesetze begrenzter Geste. Man setzt dafür auf Eleganz und wird allenfalls im Detail ausgefallen. Damit der Auftritt trotzdem stimmt, besetzen Firmen gerne gute Lagen.

Swiss Re hat sich am Zürichsee festgesetzt, der neuste Bau von Diener&Diener mit der gläsernen Wellenfassade ist das weithin sichtbare Signal. Der Würth-Glaskoloss lagert breit an schönster Bodenseelage und Nestlés Hauptsitz in Vevey ist dank des Ausblicks auf den Genfersee unglaublich fotogen. Wer in der Stadt bleibt, muss anderweitig für Aufmerksamkeit sorgen: Ein Quartier in der Firmenfarbe einfärben zu lassen, es als Kunst und Geschenk an die Bevölkerung zu deklarieren, muss man können. Raiffeisen hat es in St. Gallen geschafft.

Wahrzeichen müssen nicht unbedingt gross sein. Die Taschenfirma Freitag hat 2006 aus siebzehn Schiffscontainern das kleinste, aber witzigste Hochhaus in Zürich errichtet. Als Hauptsitz ist es zu klein, als Flagship Store und Werbeturm für die Kultmarke taugt es alleweil – und kann sich gar neben dem Prime Tower behaupten.

Weltweit – am krassesten in arabischen und asiatischen Städten bis hin zum Silicon Valley – führt das Buhlen der Firmen um Aufmerksamkeit, ihre Demonstration von Macht und Potenz zu immer ausgefalleneren Firmensitzen, zu immer originelleren Grundrissen und Fassaden, zu noch gigantischeren und fotogeneren Bauten, die werbewirksam von Stararchitekten entworfen werden. Das Ziel ist klar: Die Bewunderung für den Bau soll sich auf die Firma und ihre Produkte übertragen.

Ebenso klar ist auch, dass die Omnipräsenz der Firmensitze in den Städten nicht nur eine visuelle Veränderung ist. Die neue gebaute Rangordnung, zeugt von einer Gewichtsverschiebung der Macht. Die Kirchen sind marginalisiert, ebenso die Paläste des Volkes.

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