Kultur

Neues Buch von peruanischem Nobelpreisträger: Intrigen, Machtspiele und Bananen

«La Gloriosa Victoria» ist ein Gemälde von Diego Rivera aus dem Jahr 1954. Es zeigt den Staatsstreich, um Präsident Jacobo Arbenz zu stürzen.

«La Gloriosa Victoria» ist ein Gemälde von Diego Rivera aus dem Jahr 1954. Es zeigt den Staatsstreich, um Präsident Jacobo Arbenz zu stürzen.

In jungen Jahren war Mario Vargas Llosa Journalist. Wer seinen neuen Roman «Harte Jahre» liest, merkt, dass er zu seinen Wurzeln zurückkehrt.

Mit den eigenen blutigen Erfahrungen in Lateinamerika im Kopf zögert man, diesen Roman aufzuschlagen. Denn als meine Frau Marlies und ich 1970 journalistisch in Guatemala unterwegs waren, wurde während unseres Aufenthalts bei Freunden der deutsche Botschafter Graf Spreti auf offener Strasse erschossen. Später kriegte ich mal in Kolumbien bei einem Überfall einen Dolch in den Bauch und habe knapp überlebt. Wenn Schweizer Ärzte die Narbe auf meinem Bauch sehen, fragen sie immer: Wer hat Sie denn da operiert? Die Gewalt in Lateinamerika bleibt unverändert fürchterlich – und der Peruaner Mario Vargas Llosa ist da ein Fachmann.

«Warum ist die Banane krumm?» lautet ein Kindervers. Wegen der «krummen» Geschäfte der amerikanischen United Fruit Company? Das wohl nicht. Aber ihre kriminellen Praktiken haben für die Länder Mittelamerikas wie Honduras, Panama oder Guatemala den Begriff «Bananenrepublik» hervorgerufen. Wie niedlich übrigens die berühmte Marke «Chiquita» – «kleines Mädchen»!

Der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, 83, hat die Geschichte Guatemalas gründlich recherchiert und in seinem neuen Roman «Harte Jahre» verarbeitet – in einer spannungsvollen Mischung von Fakten und Fiktion. Es schüttelt einen richtig durch, wenn man diesen guatemaltekischen Musterfall einer Bananenrepublik nacherlebt bei der Lektüre: die krakenhafte «Umarmung» eines kleinen, armen Landes durch einen internationalen Grosskonzern mit seinem Fremdkapital, ohne Steuerpflicht, aber mit Arbeiter-Ausbeutung – samt der Kungelei mit der «Elite» des Landes, also Unternehmern und hohen Militärs. Generäle putschten sich überall in Latein­amerika an die Spitze von «Hybrid­regimen», also formalen Demokratien als eigentlichen Diktaturen.

Mario Vargas Llosa «Harte Jahre» Suhrkamp, Berlin 2020 411 Seiten

Mario Vargas Llosa «Harte Jahre» Suhrkamp, Berlin 2020 411 Seiten

Romancier Llosa fokussiert auf einen Ausnahme-Oberst-Präsidenten der Jahre 1950 bis 1954: Jacobo Arbenz Guzman, Vater Schweizer, Mutter Guate­maltekin. Er trat ein für Land- und Sozialreformen. «Sozial» – bereits ein Reizwort im Kalten Krieg! Präsident Eisenhower, sein Aussenminister John Foster Dulles und dessen Bruder Allan als CIA-Chef – beide früher United-Fruit-­Anwälte! – taten sich mit guatemaltekischen Gegnern des «Kommunisten» Arbenz zusammen. Oberst ­Carlos Castillo Armas stürzt den Kameraden Oberst Arbenz, macht als Präsident dessen Reformen rückgängig. 1957 wird Castillo ermordet. Immerhin. Doch Guatemala bleibt Hybrid­regime. Bis heute.

Warum soll ich denn diesen Geschichtsstoff auch bei Llosa lesen? Dar­um: weil Llosa einerseits historisch ­exakt und gleichzeitig filmisch anschaulich die Charaktere der Macht-­Männer, ihre mittelamerikanische Aussenwelt und machotypische Innenwelt erfasst. Aufs Konto des Romanciers gehen natürlich die ausgefeilten Dialoge zwischen den Protagonisten, die nicht «wahr» sind, aber wahrscheinlich, gemäss ihren bekannten Charaktereigenschaften. Angeekelt-­fasziniert blicken wir in die schwarzen Seelen all dieser machtgeilen Obersten und rasch wechselnden Präsidenten, die von einem Militärputsch hoch- und vom nächsten wieder weggespült werden. Gewalt herrscht überall im «Land des ewigen Frühlings». So übrigens das Staatsmotto Guatemalas.

Zeitgeschichte verdichtet Llosa einprägsam zu Romanzeit. Schockiert nehmen wir teil an den (Un-)Taten der Protagonisten, ihren Intrigen und Gegen-­Intrigen – um Bananenhandel plus Mord und Tod.

Der Vergleich mit Bolsonaro, Maduro und Ortega

Als Höhepunkt gestaltet Llosa die Auseinandersetzung zwischen Reformer Arbenz und dem amerikanischen Botschafter John Emil Peurifoy, mächtiger als der Präsident Guatemalas. Geradezu verzweifelt sucht Arbenz dem amerikanischen Diplomaten klarzumachen, dass er ja nichts anderes wolle als eine Demokratie mit Gewaltenteilung und Sozialreformen – von den bananenrepublikanischen Caudillos stets rüde missachtet. Doch die US-Regierung und United Fruit haben Peurifoy auf Harthörigkeit trainiert: Der Sozialreformer Arbenz ist ein Kommunist und muss weg.

Immerhin hat man ihn nicht umgebracht. 1971 starb er verarmt in ­Mexiko. Zu Fall gebracht hat ihn neben der politisch-militärischen auch die Mediengewalt aus den USA und den Caudillo-Staaten rund um Guatemala. Llosa zitiert aus dem Buch «Propaganda» des amerikanischen PR-Mannes für die United Fruit, Edward L.Bernays: «In einer demokratischen Gesellschaft ist die bewusste und intelligente Manipulation der formierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ein wesentliches Element. Diejenigen, die diesen verborgenen Mechanismus steuern, bilden eine unsichtbare Regierung, sie ist die wahre Macht in unserem Land...»

Llosa spricht von Guatemalas Geschichte und zielt auf ganz Lateinamerika bis heute. Da sind noch immer die Caudillos los. In Chile putschte Pinochet CIA-gesteuert gegen ­Allende, gefolgt von dessen Suizid 1973. Heute haben wir Bolsonaro, Maduro, Ortega...

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