Kultur

Neues Videospiel «Ghost of Tsushima» im Test: Beim Nachbar abgeschaut

Die Landschaft Tsushimas ist spektakulär.

Die Landschaft Tsushimas ist spektakulär.

Der neuste Playstation-4-Titel lässt euch in die Haut eines Samurais schlüpfen.

Der Wind heult auf. Zwei Männer stehen sich gegenüber, ein Duell steht bevor. Die Szene stammt aber aus keinem Western, sondern aus dem neuesten Videospiel für die Playstation 4, «Ghost of Tsushima», einem Samurai-Abenteuer im fernen Japan. Dass im Game Erinnerungen an Cowboys wach werden, ist nicht weiter verwunderlich: Das Spiel ist ein Liebesbrief an die Filme des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa, dessen Samurai-Filme das Genre des Italo-Western massgeblich beeinflusst haben.

Im Spiel schlüpft man in die Rolle von Jin Sakai, einem hochgeborenen Samurai, der die japanische Insel Tsushima bewohnt. Die real existierende Insel liegt zwischen Japan und Südkorea – und ist im Spiel Startpunkt einer Mongoleninvasion, die von Tsushima aus ganz Japan erobern wollen. Jin stellt sich ihnen entgegen, nachdem ein Grossteil der anderen Samurai auf der Insel ausgelöscht wurden. Er greift dabei aber auf Mittel zurück, die sich für einen ehrenwerten Samurai nicht ganz ziemen. Doch für die Sicherheit seiner Leute ist Jin bereit, seine Prinzipien aufzugeben.

Jin muss sich in Schwertduellen gegen verschiedene Gegner behaupten.

Jin muss sich in Schwertduellen gegen verschiedene Gegner behaupten.

Jin wird dadurch in den Augen seiner Leute zu einer Art Superheld, ein «Geist», der die Mongolen mit allen Mitteln aus seiner Heimat vertreiben wird. Ganz alleine ist er aber dabei nicht: die Story wird durch einige Nebenfiguren abgerundet, die eigene Rechnungen mit den Mongolen offen haben. Diese sind teilweise fast interessanter als Jin, da seine Figur wenig Persönlichkeit aufweist. Verwunderlich ist auch, dass obwohl Jins Methoden des hinterlistigen Mordens von Figuren im Spiel stets kritisiert werden, man ständig dazu ermuntert wird, diese zu verwenden. Jins interner Konflikt ist für den Spieler deshalb nicht ganz nachvollziehbar. Das hat die Folge, dass sich Spielmechanik und Story oft nicht ganz sauber ergänzen.

Eindrücklicher ist dafür die Insel selbst: Tsushimas Landschaft ist eine Augenweide, die zwar nichts mit der realen Insel zu tun hat, aber alle Landschaftsarten Japans auf engem Raum zu vereinen versucht. Weite Blumenfelder, verschneite Berge, ruhige Wälder – Tsushima ist ein grosser Spielplatz, in dem man sich gerne aufhält. Zu tun gibt es mehr als genug, denn Sony scheint inzwischen ihre Spiele nach einer festen Formel zu entwickeln: Wie schon «Horizon: Zero Dawn», «Days Gone» und auch «Spider-Man» liefert auch «Ghost of Tsushima» eine grosse Menge an Nebenaktivitäten, mit denen man sich die Zeit vertreiben kann. Die meisten davon sind nichts, was man nicht schon in anderen Spielen gesehen hat: feindliche Stützpunkte einnehmen, Leuchttürme anzünden oder Altare anbeten. Eine Ausnahme sind die Haikus, die Jin an besonders schönen Orten schreiben kann. Diese stillen Momente stehen im starken Kontrast zum hektischen Kriegsgeschehen und bleiben deshalb umso mehr in Erinnerung.

Leider vermisst man mehr solche einzigartigen Momente: «Ghost of Tsushima» bedient sich fast schamlos von anderen Videospielen, allen voran der «Assassin’s Creed»-Reihe. Auch der Schwertkampf ist zwar kompetent, wer sich aber nach einer Herausforderung im Stil der ebenfalls in Japan angesetzten Videospiele wie «Sekiro» oder «Nioh» sehnt, wird hier kaum gefordert. «Ghost of Tsushima» ist deswegen keinesfalls ein schlechtes Videospiel - Kenner werden hier aber wenig Neues finden.

Die Lichteffekte in «Ghost of Tsushima» sorgen immer wieder für stimmungsvolle Momente.

Die Lichteffekte in «Ghost of Tsushima» sorgen immer wieder für stimmungsvolle Momente.

Fazit

Eine interessante Story, wunderschöne Landschaften und solides Gameplay – «Ghost of Tsushima» macht wenig falsch. Wer seine Samurai-Fantasien ausleben will, ist hier aber definitiv an der richtigen Adresse. Jedoch: Im Bestreben, Kurosawas Filme einzufangen, haben die Entwickler es leider versäumt, dem Ganzen eine eigene Note zu verleihen. Das zeigt sich symbolisch im «Kurosawa-Modus», den man von Beginn an einschalten kann. In diesem Modus wechselt das Spiel zu Schwarz-Weiss-Bildern, mit Kratzspuren und veränderten Audioeffekte, die das Gefühl geben, ein Film aus den 60er-Jahren vor sich zu haben. Das ist ganz nett, aber unpraktisch: Ohne Farbe erkennt man die Angriffe seiner Gegner nicht. Was bleibt ist eine farblose Kopie, welche zwar durchaus unterhaltend ist, aber kaum in Erinnerung bleibt – im Gegensatz zu Kurosawas zeitlosen Klassikern.

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