Literatur
Ohrenstäbli, Mokkajoghurt, Seitensprünge: Max Küng analysiert pointiert den urbanen Menschen

Journalist Max Küng zeigt in seinem neuen Roman erneut, dass ein obsessiver Beobachter in ihm steckt. In seinem Zweitling wird allen Mietern eines Wohnhauses wegen einer Sanierung gekündigt. Und plötzlich haben die Bewohner mehr miteinander zu tun, als ihnen lieb ist.

Nadine Meier
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Autor Max Küng beschreibt lustvoll das Leben der AnderenGetty Images

Autor Max Küng beschreibt lustvoll das Leben der AnderenGetty Images

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«Stell dir vor, du wärst ein Riese. Ja ein Riese. Und das Haus an der Lienhardstrasse 7, das ist dein Puppenhaus.» So beginnt das zweite Buch von Max Küng. Man kennt ihn als Kolumnisten des «Magazins». 2015 hat er bereits sein Romandebüt «Wir kennen uns doch kaum» gegeben, eine grösstenteils autobiografische Geschichte, in der wir erfahren, wie er seine heutige Frau kennen lernte. Etwas mehr als ein Jahr später schickt er bereits seinen nächsten Roman, «Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück», nach, in dem die Nachbarschaft im Zentrum steht.

Der Titel legt eine falsche Fährte – ein grösseres Unglück erwartet einen nämlich beim Lesen nicht. Ein Haus spielt aber trotzdem die Hauptrolle. Der Block an der Lienhardstrasse 7 muss nämlich saniert werden. Die Firma Immokauz kündigt allen Bewohnern, weil sie «wichtige Sanierungs- und Renovationsarbeiten» vornehmen will. Und plötzlich haben die Bewohner mehr miteinander zu tun, als ihnen lieb ist.

Ein Haus, 7 Bewohner, ein Brief

Während die bevorstehende Kündigung sich als roter Faden durch die Geschichte zieht, beobachtet Küng, was im Leben der Bewohner passiert. Als der eingangs beschriebene Riese nähert er sich den jeweiligen Mikrokosmen der Bewohner und hält die Lupe überall dort drauf, wo sich die grossen, aber auch die ganz kleinen Lebensfragen abspielen.

Bei der jungen Kunststudentin Delphine zum Beispiel, die sich mit dem absoluten Nichts beschäftigt, stellt er fest, dass sie gerne Mokka-Joghurt isst. Aber bitte nur stichfest, von der Migros muss es sein und nur mit einem gelben Löffel. Virginia, die Frau vom zweitobersten Stock, begleitet er bei ihren ausschweifenden Streifzügen durch das Zürcher Nachtleben, in dem sie ihre verpasste Jugend nachholt.

Das heisst für die 38-Jährige schon mal eine Nacht auf MDMA im Club «Friedas Büxe» oder ein Quickie mit einem Koch in dessen Raucherpause. Unangenehm wirds erst, als sie im Ausgang auf ihre 14-jährige Tochter trifft. Eine Etage unter Virginia residieren Paola und Fabio mit Mops Momo. Die stolze Boulevard-Journalistin jagt ständig der nächsten Story nach, während Immobilienheini Fabio vergeblich versucht, eine Wohnung in Wollerau zu verticken. Ein Paar, das zwar einen coolen Lifestyle teilt, aber irgendwie trotzdem völlig aneinander vorbeilebt.

Im ersten Stock wohnt Tim – ein «unterschwellig dauererotisierter TV-Moderator», wie Küng formuliert – und sich sogleich bei seinen realen Nachbarn via Kolumne für den Ausdruck entschuldigt: «alles erfunden!»

Nach Tims aufgedecktem Seitensprung konzentriert sich dessen Gattin Judith hauptsächlich auf das Mutterdasein, was den narzisstischen Sonnyboy noch mehr frustriert. Der skurrile Vischer aus dem Erdgeschoss hinterlässt bei all seinen Nachbarn einen rätselhaften Eindruck. Arbeitslos und allzeit in hautenger Rennradmontur irritiert der wortkarge Sonderling seine Nachbarn, wenn er mit seinen Adiletten in die Waschküche schlurft.

Klar, die Figuren sind überzeichnet und stilisiert. Genau das ist aber Küngs Stärke. Seine Stereotypisierungen lassen einen schmunzeln – und sofort tauchen im Leserkopf eigene Beispiele aus dem Bekanntenkreis auf, die glatt Verwandte der jeweiligen Protagonisten sein könnten. Küng lässt seine Schützlinge dann und wann aufeinandertreffen, interagieren und stellt stets einen anderen Bewohner des Hauses ins Zentrum eines Kapitels.

Weniger Details, bitte!

Journalisten, die Bücher schreiben, sind zweifelsohne im Trend, nicht immer kann man dieses Fremdgehen verstehen. Bei Küng können wir aber aufatmen. Sein Roman liest sich gut. Sogar so leicht, als hätte Küng nie etwas anderes getan. Die Episoden der Bewohner sind raffiniert miteinander verwoben. Oft lose, selten explizit stellt Küng Zusammenhänge zwischen den Figuren her.

Und dann schaut er wieder genau hin. So genau, dass man sich manchmal wünscht, die Szene würde aufhören – natürlich nur, sofern man nicht ohnehin von Charlotte Roche abgehärtet ist natürlich. Wie zum Beispiel beim Ohrenputzen oder Mitesser-Ausdrücken, das er genüsslich und mit grösstmöglicher Akribie beschreibt und dabei die Ekel-Grenzen des Lesers auslotet.

«Mehr Diskretion!» ist man geneigt, ins Buch zu schreien, provoziert etwa von der Genüsslichkeit, mit der Paola die Mitesser auf dem Rücken ihres Lebenspartners ausdrückt: «Er kommt. Wow! Extrem! Reicht es für das Abendessen?»

Ekeln hat zum Glück aber keine Priorität beim Lesen. Man freut sich vor allem, lacht, ärgert sich, schämt sich fremd. Wie zum Beispiel als Fabios Mops das Modellflugzeug eines kleinen Jungen frisst. Anstatt sich zu entschuldigen, kommt er so richtig in Fahrt und schreit den Vater zusammen.

Mitleid hat man mit Tim, als dieser einem jungen Lockvogel auf den Leim geht, den Judith entsandte, um seine Treue zu testen. Paola mit ihrer oberflächlich-doofen Art geht einem meistens auf die Nerven. Als sie aber in Delphines schalldichtem Atelier eingesperrt ist und es mit der Panik zu tun kriegt, muss man fast Mitleid haben.

Als Leser von Küngs Zweitling geht man in der Obsession als Nachbarschafts-Spanner auf. Der dachlüpfende Riese eben. Yogamatte, Zalando-Paket, Drogenexzesse, Gentrifizierung: Küng liefert eine pointierte zeitgemässe Analyse des urbanen Menschen mit der nötigen (Selbst-)Ironie.

Max Küng Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück. kein&aber, 2016. Erscheint heute. 384 Seiten.