Oper
Trotz Buhrufen gibts am Opernhaus Zürich Weltklasse

Das Debüt als Chefdirigent ist Gianandrea Noseda am Opernhaus Zürich mit Verdis «Il Trovatore» geglückt. Der Abend ist aber nicht wegen ihm ein Ereignis.

Christian Berzins
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Ferrando (Robert Pomakov) und Leonora, rechts (Marina Rebeka).

Ferrando (Robert Pomakov) und Leonora, rechts (Marina Rebeka).

Monika Rittershaus/Opernhaus

Singt sie noch oder betet sie schon? Als Marina Rebeka am Sonntagabend ihre zweite Arie anstimmte, schenkte sie dem Publikum jedenfalls so innige Töne, wie sie im Opernhaus Zürich seit dem 16. 12. 2017 – seit fast vier Jahren! – nicht gehört worden waren (damals sangen Sabine Devieilhe und René Barbera eine konzertante Aufführung von Donizettis «Fille du Regiment»). Gesang ist bei ihr hart erarbeitete Kunst.

Das zeigte die 41-jährige Sopranistin gleich zu Beginn. «Tacea la notte placida» singend, bebte diese Stimme, blieb aber immer kontrolliert: Keine Koloratur, die wackelte, kein Ton, um den man fürchten musste – und doch ist alles voller Emotion.

Wir stecken im Giuseppe Verdis 1853 uraufgeführtem «Il Trovatore», in einem Werk, das gerne herbeigezogen wird, wenn es darum geht, wie unsinnig Opernhandlungen sein können. Zugegeben: Die eine oder andere Wendung überrascht, aber die Charaktere der Figuren werden dadurch nur noch spannender.

Der Vergleich mit Anna Netrebko ist reizvoll

Im Finale schien eine krankhafte Blässe ihre Wangen und ihre Stimmbänder zu belegen: Marina Rebeka spielt die Todesschauer nicht nur, sie drückte sie auch durch ihren Gesang aus, streute noch im Sterben ihr Wunder durch das Haus. In dieser Stimme leuchtete an einem Abend süsseste Zartheit und toste brennende Wut.

Tenor Piotr Beczala und Sopranistin Marina Rebeka

Tenor Piotr Beczala und Sopranistin Marina Rebeka

Monika Rittershaus/Opernhaus

Rebeka ist eine Sopranistin, in deren bernsteinfarbenen Timbre zauberhafte Schönheiten versteckt sind. Ob Forte oder Piano: Sie gestaltet es genauso formvollendet. Da stand eine Sängerin auf der Höhe ihrer Kunstausübung, gesegnet mit Selbstvertrauen und Mut.

Diese Sängerin muss keinen Vergleich fürchten, auch nicht mit Primadonna Anna Netrebko. Die Russin füllt die Pianowellen in Verdis «Trovatore» prächtiger als Rebeka, malt sie mit tropfendem Blutrot (aber auch vibratoreicher) aus. Aber Netrebko schafft es als Leonora nicht, so viel Variabilität wie Rebeka in die Phrasen zu legen und gleichzeitig so exakt zu singen. Kühnheit und Risikoreichtum ist jedoch beiden geschenkt.

Piotr Beczala - einer der weltbesten Tenöre – sang die Titelrolle zum ersten Mal und musste einsehen, dass er in dieser Produktion die Nummer 2 auf der Bühne ist. Gewiss strömt seine Stimme in «Amor…sublime amore» prächtig, Schönheit und Kraft paarten sich. Aber eben: Warum sang er die Arie so laut? In der berüchtigten Stretta, die Beczala abkürzt, zeigt er seine Muskeln, hat aber in Details Mühe, und versagt im ersten Hohen C. Erst im Finale schien er ganz befreit, vorher war er immer leicht am Kämpfen und wollte zeigen: «Schaut, ich kann das!» An einem idealen Abend mag da vieles zusammengehen und stimmen, am Sonntag erwischte er ihn nicht. Die 50-jährige Polin Agnieszka Rehlis schaffte das Kunststück, die Azucena zu singen statt zu fauchen: Jede Regung war hier aus dem korrekten Gesang gezeichnet, allein die Regie überhäufte sie mit tausend Klischees.

Verdis Partitur lässt im «Trovatore» sängerische Mängel unerbittlich zum Vorschein kommen: Keiner kann sich verstecken. Quinn Kelsey (Conte) gibt zu Beginn mächtig an, meint, ein Kleiner Leonard Warren zu sein – und kann dann nur noch mit (nicht getragenen) Piani in «Il balen» punkten. Die Stimm-Duelle mit Rebeka und Beczala sind reizlos, da er dieser Kraft nichts entgegensetzen kann.

Über dem Abend lag dennoch etwas Ereignishaftes, da der 57-jährige Italiener Gianandrea Noseda erstmals als Chefdirigent im Graben stand. Mit Gewinn.

Der grosse Verdi-Dirigent Riccardo Muti hatte zwar einst über Dirigenten gespottet, die nicht den «Trovatore», sondern den «Trrrrrrrrovatore» dirigieren würden: Gemeint waren Dirigenten, die hier alles messerscharf zeichnen, Verdis Lyrismen keine Luft geben, keine Details aus der reichen Partitur aufblühen lassen können. Noseda ist im Prinzip ein solcher Dirigent, aber er geht seinen Weg so konsequent und mit einem so enorm engagierten Orchester, dass diese Orchesterleistung jeden mitreisst.

Buhs für eine lächerliche, aber nicht störende Regie

Die mit Buhs bedachte Inszenierung einer gewissen Adele Thomas ist brav, stört trotz unsäglichen Albernheiten erstaunlich wenig. Wie man einer international so unerfahrenen Regisseurin ein so schwieriges Werk, indem fast alles zwischen den Szenen passiert, geben kann, bleibt ein Rätsel. Umso schöner und erstaunlicher, dass dieser Zürcher «Trovatore» dank teilweise überragender Sänger und Sängerinnen sowie einer tollen Orchesterleistung dennoch zum Ereignis geworden ist.

Il Trovatore: Opernhaus Zürich, bis 26. November.

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