Die Pracht der Funde

Originalgetreu nachgebaut: Die spektakuläre Geschichte von «Tutanchamun wird nun in einer Ausstellung in Zürich präsentiert

Originalgetreu nachgebaut: Die Vorkammer des Pharaonengrabes – mit gestapelten Kostbarkeiten.

Originalgetreu nachgebaut: Die Vorkammer des Pharaonengrabes – mit gestapelten Kostbarkeiten.

Die Schau mit Nachbildungen zeigt nicht nur die Pracht der Funde, sondern erzählt auch die unglaubliche Geschichte ihrer Entdeckung im Jahr 1922. Bis Anfang November ist die Ausstellung in Zürich zu sehen.

Das moderne Storytelling oder das gute, alte Geschichtenerzählen ist in der Welt der Ausstellungsmacher angekommen. Bereits seit 2008 tourt die Schau «Tutanchamun. Sein Grab und die Schätze» um die Welt und macht nun zum zweiten Mal in Zürich Station. Sie lockt ihre bisher 6,5 Millionen Besucher nicht mit kostbaren Exponaten – die rund 1000 Objekte sind allesamt Repliken. Sie lockt auch nicht mit Neuem – die Grabkammer wurde bereits 1922, also vor fast 100 Jahren entdeckt.

Die Schau lockt aber mit einer guten Geschichte voll Abenteuer, Entdeckerlust, Sieg und Niederlage: Mit der Geschichte des ägyptischen Königs Tutanchamun, der im Alter von neun Jahren den Thron bestieg und mit 18 Jahren starb. Und mit der Geschichte des Archäologen Howard Carter, der verzweifelt Tutanchamuns Grab suchte, es nach fünf Jahren endlich fand und dann weitere zehn Jahre brauchte, um die vielen Objekte akribisch zu dokumentieren und zu katalogisieren.

Carter stammelte nur: «Ja, wunderbare Dinge»

«Die Entdeckung des Grabes liest sich wie ein Roman», sagte Wolfgang Wettengel, Ägyptologe und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung, gestern bei einem Presserundgang. Diese Geschichte erfahren die Besucher in einem etwas arg bombastischen Kinofilm, mit dem der Rundgang beginnt – und der zusammen mit den zeitlich festgelegten Tickets ein coronakonformes Limitieren der Zuschauermenge ermöglicht.

Götterfiguren, deren Symbolik auf Tafeln erklärt wird.

Götterfiguren, deren Symbolik auf Tafeln erklärt wird.

Im Film ist zu sehen, wie am 4. November 1922 einer der Arbeiter meldete, man habe in den Felsen gehauene Stufen gefunden. Die Treppe führte zu einer Wand, in die Carter eine Öffnung schlug. «Dann erweiterte ich das Loch und spähte hinein», erzählte er später, «als meine Augen sich an das Licht gewöhnten, tauchten Einzelheiten im Innern der Kammer auf, seltsame Tiere, Statuen und Gold – überall glänzendes und schimmerndes Gold.» Sein Geldgeber Lord Carnarvon stand hinter ihm. Als er ungeduldig fragte, ob Carter etwas sehen könne, stammelte der nur: «Ja, wunderbare Dinge!»

In der Tat, es waren wunderbare Dinge. Sie waren allerdings nicht ordentlich aufgestellt, sondern gestapelt, unter-, über- und nebeneinander. In der Vorkammer etwa thronten Truhen auf tiergestaltigen Betten, darunter türmten sich merkwürdig geformte Kästen, in einer Ecke lag ein auseinandergenommener Goldwagen, Räder lehnten nebeneinander an der Wand. Auch die Schatzkammer glich einer Rumpelkammer. Beide sind in der Ausstellung detailgetreu aufgebaut, das Auge weiss kaum, woran es sich festhalten soll. So viele Dinge stehen da, deren Sinn sich heute nur Spezialisten erschliesst. Überall glänzt Gold, verblüffen unzählige Details. Und immer wieder lässt allein die schiere Masse an Objekte und an Pracht Bauklötze staunen.

Ein Audioguide erschliesst Geheimnisse der Objekte

Auf der einen Seite der Vorkammer standen zwei menschengrosse Figuren. Sie bewachen die Wand, hinter der sich die Grabkammer befindet. Diese wiederum ist von einem engen Gang umgeben, der um den Schrein herumführt. Was die Entdecker zu der Zeit noch nicht wissen: Sie stehen nicht vor einem Schrein. Sondern vor vier Schreinen, einem Sarkophag und drei Särgen, alle wie russische Puppen ineinander geschachtelt. Jeder Schrein trägt ein umfassendes religiöses Programm in Inschriften und Reliefs. Auch die Wandmalereien sind zu sehen. Wer will, kann sich historische Basiskenntnisse, Umstände und Details vom Audioguide erklären lassen. Auch eine Kinderversion ist erhältlich, die altersgerecht die Prächtigkeiten erläutert.

Die vier ineinander gestellten Schreine, in deren Mitte der Sarkophag Tutanchamuns stand, sind wie alle andere Objekte, originalgetreu nachgebaut.

Die vier ineinander gestellten Schreine, in deren Mitte der Sarkophag Tutanchamuns stand, sind wie alle andere Objekte, originalgetreu nachgebaut.

Als – wörtlich zu nehmen – strahlender Höhepunkt folgen die drei inneren Särge, die 3300 Jahre lang mit ihren insgesamt 1100 Kilogramm auf einem Löwenbett ruhten. Der äusserste ein vergoldeter Holzsarg, darin ein zweiter, auch er vergoldet und mit Einlagen aus Glaspaste bunt verziert. Der dritte, 110 Kilo schwer, aus massivem Gold. Er gleicht der berühmten Goldmaske, die im Innern das Gesicht der Mumie bedeckte, wirkt aber starrer und noch idealisierter.

Die berühmte Gesichtsmaske ist wie einige der ausgestellten Stücke doppelt zu sehen. In der Einzelvitrine und auf der reproduzierten Mumie. Denn die Schau zeigt zunächst die Situation bei der Entdeckung durch die Archäologen und erklärt dann einzelne Objekte.

Die berühmte Gesichtsmaske des Tutanchamun.

Die berühmte Gesichtsmaske des Tutanchamun.

Schliesslich kann man beim Betrachten der Mumie nicht ahnen, dass sie mit rund 1100 Amuletten und Schmuckstücken belegt und bedeckt war. Und auch den Reichtum des goldenen Throns sieht man kaum, wie er da so unter dem Bett in der Vorkammer hervorlugt. Ebenso wenig versteht man auf Anhieb die Funktion der Gewänder, Kosmetika, Brettspiele, Musikinstrumente und auch nicht der Waffen, die der Pharao für seinen Zeitvertreib und die Verteidigung auf seine Reise ins Jenseits mitbekam. In ihnen gewidmeten Vitrinen und in kurzen informativen Texten dürfen auch sie ihre Geschichte erzählen.

Tutanchamun. Sein Grab und die Schätze 10.7. bis 1.11.2020, Halle 622 Zürich-Oerlikon. Infos und zeitgebundene Tickets: tut-ausstellung.ch

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