Kulturförderung
«Die kritischen Stimmen sollen sich weiterhin melden!»: Stefan Wagner zum Ausgang des Thurgauer Kulturwettbewerbs

Es gab viel Kritik, nachdem die Thurgauer Kulturstiftung beschlossen hatte, ihre Fördergelder per Publikumswahl zu vergeben. Stefan Wagner, Beauftragter der Thurgauer Kulturstiftung erklärt im Interview, warum er nach wie vor an die Idee glaubt, und was es am Wettbewerb «Ratartouille» noch zu verbessern gilt.

Roger Berhalter
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Stefan Wagner, Beauftragter der Kulturstiftung des Kantons Thurgau.

Stefan Wagner, Beauftragter der Kulturstiftung des Kantons Thurgau.

Bild: Andrea Stalder (3. November 2020)

Die Thurgauer Kulturstiftung hat ihre Kulturförderung umgekrempelt und den Ideenwettbewerb «Ratartouille» lanciert. Zum ersten Mal hat nicht eine Expertenjury, sondern die Bevölkerung entschieden, welche Kulturidee mit 100000 Franken unterstützt wird. Beim Publikumsvoting vom 2. Juli im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden gewann «Promenaden», ein Projekt von Reto Müller und Richard Tisserand vom Kunstraum Kreuzlingen.

Die Thurgauer Bevölkerung durfte zum ersten Mal über Ihre Kulturfördergelder bestimmen. Publikumsvoting statt Expertenjury: Hat das funktioniert?

Stefan Wagner: Ja. In der Finalrunde waren drei gute Projekte, die alle unterstützungswürdig sind. Das Siegerprojekt «Promenaden» verbindet Thurgauer Kulturorte mit einer App, das ist eine spannende Idee.

Gewonnen hat damit aber auch jenes Team, das beim Publikumsvoting die mit Abstand brötigste Präsentation hielt. Damit überzeugte es niemandem im Saal, die Meinungen waren schon vorher gemacht.

Wir wollten gar keinen knallharten Wettbewerb. Wir wollten vor allem, dass darüber diskutiert wird, welche Art von Kultur im Thurgau stattfinden soll. Leider konnten wir den Theatersaal in Weinfelden wegen Corona nicht ganz füllen. Wir haben aber ein möglichst faires, differenziertes Abstimmungssystem gewählt.

Was heisst das konkret?

Jedes der drei Finalistenteams bekam ein fixes Kontingent an Tickets. Die restlichen Plätze haben wir ausgelost. Es galt also nicht: De Schneller isch de Gschwinder. Zudem konnten die Besucherinnen und Besucher nicht einfach ihren Favoriten auf den Wahlzettel schreiben, sondern mussten eine Rangliste machen. Jede und jeder im Saal musste Position zu allen drei Projekten beziehen.

Trotzdem: Es gewannen diejenigen, die am meisten Leute mobilisieren konnten.

Ich habe allen, die ein Projekt bei uns eingereicht haben, schon im ersten Gespräch gesagt, dass es sich bei unserem Wettbewerb um ein Publikumsformat handelt. Da gehört es natürlich dazu, dass man Leute mobilisiert und seine Netzwerke aktiviert!

Über Netzwerke verfügen vor allem jene, die schon lange in der Kulturszene aktiv sind ­­– so wie eben auch die Gewinner. Hatten neue, unkonventionelle Ideen so überhaupt eine Chance?

Auch im Team des zweitplatzierten Projekts «Kultur im Tankkeller» sind langjährige Kulturnetzwerker wie Adrian Bleisch vertreten. Wir haben «Ratartouille» jetzt zum ersten Mal durchgeführt und ja: Es haben etablierte Personen gewonnen. Die Beteiligung müssen wir noch verbessern und auf eine breitere Basis stellen: Wie bringen wir Menschen ohne Schweizer Pass dazu, eine Idee einzureichen? Wie holen wir junge Leute ins Boot?

Es wird also ein nächstes Mal geben? «Ratartouille» wird fortgesetzt?

Ja, das ist so vorgesehen. Wobei der Stiftungsrat dies im August noch einmal diskutieren und erst dann formell entscheiden wird. Es ist möglich, dass wir den Rhythmus variieren, also zum Beispiel einmal ein Jahr Pause machen.

Es gab viel Kritik an Ihrem Publikumswettbewerb. Trotzdem machen Sie so weiter?

Die kritischen Stimmen sollen sich weiterhin melden! Ich stelle mir eine offene Diskussion vor. Man muss auch sehen: Die Projekte im Wettbewerb haben viel Aufmerksamkeit bekommen, gerade auch die Zweit- und Drittplatzierten. Das wäre ohne Publikumsvoting nicht so gewesen. Wir müssen neue Wege in der Kulturförderung gehen. Einfach irgendwelche Juryentscheide durchdrücken, das geht heute nicht mehr.

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