Familie

Papi im Dilemma

Die Zahl der Väter, die nicht nur Wochenend-Papis sein wolen, steigt.

Väter

Die Zahl der Väter, die nicht nur Wochenend-Papis sein wolen, steigt.

Väter, die zu Hause aktiver sein wollen, sind vom Goodwill des Chefs abhängig . Zunehmend mehr Männer fragen sich, wie sie Job- und Familienengagement hinkriegen sollen – und suchen eine Beratung.

Eine neue Studie aus Grossbritannien beweist es wieder einmal schwarz auf weiss: Männer wollen sich mehr im Familienleben engagieren - zumindest ein grosser Teil von ihnen. Unter dem Titel «Work Life Balance: Funktioniert das bei Vätern?» wurden über 1000 Väter zu Arbeit und Familienleben befragt.

Das Resultat: 82 Prozent der Vollzeitarbeitenden gaben an, mehr Zeit mit der Familie verbringen zu wollen. Die Studie, die von der Lancaster University in Zusammenarbeit mit der Organisation Working Families durchgeführt wurde, brachte noch weitere interessante Erkenntnisse zutage. So sind Väter, die flexibel arbeiten können, deutlich weniger gestresst als solche mit festen Präsenzzeiten. Auch tut es ihrer Gesundheit gut, wenn sie mehr im Haushalt mithelfen, und sie fühlen sich besser, wenn die Partnerin hundert Prozent arbeitet. Mit anderen Worten: Den Vätern geht es offenbar besser, wenn die Lasten besser verteilt sind.

Väter wollen Gleichberechtigung

Bei der Fachstelle «UND - Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen» ist man darob nicht verwundert. «Eine steigende Zahl von Männern will für die Kinder mehr sein als ein Sonntagsvater», weiss UND-Geschäftsführer Daniel Huber. Doch viele sind unsicher, wie sie diese Erkenntnis in die Praxis umsetzen sollen, und suchen deshalb Hilfe. «Als unsere Fachstelle vor 15 Jahren ins Leben gerufen wurde, hatten wir nur Frauen in der Beratung. Heute besteht ein Drittel unserer Privat-Kunden aus Männern, darunter ein grosser Teil Väter», sagt Daniel Huber. Einige kommen aus eigenem Antrieb, andere, weil die Ehefrau nicht mehr bereit ist, die bisherige Rollenverteilung zu akzeptieren. Die Experten der Fachstelle bieten Betroffenen eine Standortbestimmung und ein Coaching an.

Abhängig vom Chef

Denn die Hürden für Väter, die im Job Veränderungen zugunsten des Familienlebens initiieren wollen, sind gross. So kann beispielsweise das Gespräch mit dem Vorgesetzten über die Möglichkeit von Teilzeitarbeit oder Home-Office zur heiklen Angelegenheit werden. Wie formulieren, ohne dass man karrieretechnisch gleich aufs Abstellgleis kommt? «Viele Chefs leben in traditionellen Rollenmustern und belächeln deshalb oft jene Männer, die sich zu Hause verstärkt engagieren wollen», sagt Paul Gemperle, Geschäftsführer von männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Das untermauert auch die britische Studie. Ob Väter mit ihren Forderungen nach flexibleren Arbeitsmöglichkeiten durchdringen würden, hänge primär von der Einstellung der Linienvorgesetzten ab und nicht von den offiziellen Regelungen einer Firma, heisst es.

Auch das eigene Selbstbild kommt den Vätern in die Quere. «Teilzeitarbeit bringt Männer mit ihrer Identität in Konflikt, denn sie sehen sich als Brotverdiener. Auch fürchten sie die Reaktion der Kollegen, als Weichei zu gelten», weiss Gemperle. Deshalb seien Vorbilder in den Unternehmen, aber auch in der Öffentlichkeit, extrem wichtig. Er ärgert sich zum Beispiel darüber, dass Topmanager und prominente Politiker ihre Vaterrolle nie nach aussen tragen. «Ich kenne einige CEOs, die sich sehr für die Familie engagieren, aber leider nie öffentlich darüber reden». Dabei könne man (Kader-)Männer heute genau über dieses Thema abholen.

Weichei oder Vorreiter?

Das sieht auch Daniel Huber von der Fachstelle für Familien- und Erwerbsarbeit so. «Das Thema Väter ist bei den Unternehmen noch wenig präsent. Dabei wäre es eine riesige Profilierungschance für Arbeitgeber, wenn sie vermehrt auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe eingehen würden», meint der Experte. Immerhin eines aber haben sie offenbar erkannt: dass Familienfreundlichkeit generell zum immer wichtigeren Kriterium wird, wenn es darum geht, Personal zu rekrutieren oder gute Leute ans Unternehmen zu binden.

So zeigt eine steigende Zahl von Unternehmen Interesse, das Prädikat «Famile UND Beruf» der Fachstelle zu erwerben. Dieses zeichnet Firmen aus, die mit gezielten Massnahmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vereinfachen. Bis jetzt sind erst neun Unternehmen ausgezeichnet, doch eine Vielzahl von neuen Anwärtern - darunter SMI-Konzerne - befindet sich laut Daniel Huber im Prüfverfahren, das rund eineinhalb Jahre dauert.

www.und-online.ch

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