Es sah gut aus für Laura Poitras. Die US-Dokumentarfilmregisseurin hatte sechs Jahre Material über einen der gefragtesten Menschen der Welt. Sechs Jahre lang begleitete sie in unregelmässigen Abständen Wikileaks-Gründer Julian Assange, führte zig Interviews, lernte sein Umfeld kennen, seine Freundin, seine Mutter. Während sechs Jahren baute sie an einem Bild dieses Menschen – und musste am Ende aufgeben. Trotz dieser Umstände wurde daraus ein Film. Und wegen dieser Umstände kein guter Film.

Aber der Reihe nach: Laura Poitras ist bekannt dafür, dort hinzusehen, wo die meisten Augen nicht hinreichen. 2006 dreht sie den Film «My Country, My Country», der die Rolle der US-Amerikaner im Irakkrieg kritisch beleuchtet. Seither wird Poitras von Homeland Security als terrorverdächtig eingestuft. Sieben Jahre später kontaktiert sie den US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden, es entsteht der Film «Citizenfour». Poitras wird für ihre Aufklärungsarbeit gelobt, «Citizenfour» gewinnt 2015 den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

Was tut Assange eigentlich?

Da ist die Regisseurin bereits mit der Produktion eines neuen Streifens beschäftigt, mit einem Protagonisten, der mindestens so weltbekannt ist wie Edward Snowden: Julian Assange. Wie Snowden ist auch der Australier im Exil, allerdings in London. Seit 2012 sitzt er in der ecuadorianischen Botschaft und tut – ja, was tut er da eigentlich? Wer sich «Risk» angeschaut hat, weiss es. Oder?

Offizieller Filmtrailer zu «Risk»

Offizieller Filmtrailer zu «Risk»

Die Antwort ist nicht ganz einfach. «Risk» folgt nur sehr lose einem Erzählstrang, Szene folgt auf Szene, mal ist man an einem geheimen Treffpunkt mit Assanges Entourage, mal in der Botschaft, mal in Aufnahmen, die das gegenwärtige Weltgeschehen zeigen. Letztere wirken merkwürdig forciert, als würde sich Poitras wünschen, mit ihnen diesen platinblonden Menschen erklären zu können, der vor seiner Anwältin in der Botschaft sitzt und behauptet, die Vergewaltigungsvorwürfe seien ein Witz, schauen Sie sich doch nur diese Frauen an. Gerade diesen Schlüsselmoment lässt Poitras so stehen, einzig eine Nahaufnahme der genervten Anwältin folgt.

Ihre direkte Meinung tut die Regisseurin lieber via Produktionstagebuch kund, aus dem sie stellenweise im Off zu hören ist. «Es ist mir ein Mysterium, wieso er mir vertraut» sagt sie da, oder «Ich glaube, er mag mich nicht».

Beim Scheitern zusehen

Statt dem Film die benötigte Schärfe zu geben, schwächen diese Kommentare aber Poitras’ Position: Der Film über Julian Assange wird zu einem Film über Laura Poitras’ schwierige Beziehung zu Julian Assange. Sie lässt ihm den Vortritt, will offenbar, dass man ihr beim Scheitern zusieht. Auch das könnte sehenswert sein, scheitert aber ausgerechnet an der fehlenden Distanz: Je näher Poitras ihm kommt, desto weniger weiss sie, was sie eigentlich erzählen will. Am Ende dieser verworrenen Nabelschau bleibt immerhin die Genugtuung, einen Blick hinter geheime Kulissen bekommen zu haben. Das Schauspiel davor und dahinter hat man dabei aber immer noch nicht begriffen.

Risk (D/USA 2017) 86 Min. Regie: Laura Poitras. Ab heute Donnerstag im Kino.