Pop
Der vergessene Weltstar: Anita Kerr wohnt seit 50 Jahren in der Schweiz – doch nur wenige kennen sie

Tina Turner ist nicht der einzige Superstar in der Schweiz. In Carouge lebt die mehrfache Grammy-Gewinnerin Anita Kerr. Eine Künstlerin, die Musikgeschichte geschrieben hat. Eine Wiederentdeckung.

Richard Köchli
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Anita Kerr ist heute 93 Jahre alt und lebt zurückgezogen in Carouge im Kanton Genf.

Anita Kerr ist heute 93 Jahre alt und lebt zurückgezogen in Carouge im Kanton Genf.

Sie ist Sängerin, Musikerin, Komponistin, Arrangeurin, Produzentin und hat mit den Grössten der Grossen zusammengearbeitet: mit Johnny Cash, Roy Orbison, Willie Nelson, sogar mit Elvis. In den USA hat sie dicke Spuren hinterlassen und hat den Sound von Nashville massgeblich geprägt.

Inzwischen ist die Grande Dame 93 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann, dem Schweizer Geschäftsmann Alex Grob, zurückgezogen in Genf. Wie konnte es passieren, dass die Grande Dame in der Schweiz völlig vergessen ging? Wir haben uns mit ihrem Mann über ihre einmalige Bilderbuch-Karriere unterhalten.

Mit 20 heiratete die 1927 geborene Anita Jean Grilli den Radio-DJ Al Kerr und zog mit ihm in die Musikstadt Nashville. Aus Spass gründete sie einen fünfstimmigen Chor und wurde von einer Radiodirektorin entdeckt. «The Anita Kerr Singers» wurden im Nu zur gefragtesten Gesangsgruppe in der Hauptstadt der Country-Musik.

«In Nashville verehrt sie jeder», sagt Albi Matter, Programmchef des internationalen Country Music Festivals in Zürich, «sie gilt unbestritten als eigentliche Architektin des berühmten Nashville-Sounds». Mit ihrem feinen Gespür für Harmonien veredelte die Sängerin und Arrangeurin unzählige Hits von unzähligen Stars aus der Topliga.

«Our Lady of Fatima» von Red Foley mit den Anita Kerr Singers war ihr erster Hit 1950.

Unter den vielen war zum Beispiel auch Chet Atkins (1924–2001), der Gitarrengott! Mit ihm ging Anita Kerr 1964 auf Europatournee, und mit ihm arbeitete sie oft im Studio. Country-Legende Ronnie Milsap erinnert sich im «Rolling Stone Magazin» an Anita Kerr, «die auf allen grossen Platten mitsang und jeweils auch die Streicher arrangierte» – und offenbar sogar Alben produzierte, «bei denen am Schluss Chet Atkins als Produzent aufgeführt wurde».

Ähnliches berichtet Dottie Dillard (1923–2015), langjähriges Mitglied der Kerr Singers: «Atkins kam jeweils kurz ins Studio, um die Zeitkarte der Musikergewerkschaft zu unterschreiben, dann ging er Golf spielen – und tauchte dennoch in den Album-Credits auf, obwohl es Anita war, die die Arbeit machte!» Anita Kerr brauchte keinen Ruhm, Chet Atkins verschaffte ihr Traumjobs. Am 18. März 1965 sogar mit Elvis Presley, als sie für sein achtes Studioalbum «Elvis For Everyone» den Song «Tomorrow Night» arrangierte.

«Tomorrow Night» Elvis Presley mit den Anita Kerr Singers (1965)

Lediglich eine Background-Sängerin also? Keinesfalls! Zwischen 1959 und 1963 nahm Kerr nicht weniger als sechzig eigene Produktionen auf, zeitweise unter anderen Namen (als «The Little Dippers» 1960 zum Beispiel die Hit-Single «Forever»). Auch beim renommierten Label RCA Victor unterschrieb sie; das erste und von Atkins produzierte Album trug 1962 den treffenden Titel «From Nashville, The Hit Sound».

Überaus erfolgreich waren auch Tribute an Ray Charles und Henry Mancini; die Platte «We Dig Mancini» bescherte ihr 1965 bei den Grammy Awards die Auszeichnung «Best Vocal Group Performance». Dieser Grammy hatte es doppelt in sich, Anita Kerr schnappte ihn nämlich den ebenfalls nominierten Beatles und ihrer Platte «Help!» weg. In der Musikbranche sorgte dies für ziemlichen Wirbel. Doch die Beatles-Bezwingerin verlor die Bodenhaftung nicht.

Vorbild für den Surfsound à la Beach Boys

Szenenwechsel. 1965 liess sich Anita scheiden und heiratete Alex Grob, einen Schweizer Geschäftsmann. Er wurde ihr Manager, mit ihm und ihren Töchtern Suzie und Kelly zog Anita Kerr nach Kalifornien. Gerade zur rechten Zeit, im Golden State herrschte Aufbruchstimmung. In der Hippie-Metropole Los Angeles war ein neuer Sound am Entstehen, «Sunshine Pop», später «Westcoast-Sound» genannt.

Verschiedene Genres beeinflussten sich gegenseitig – Folk, Pop, Country, Blues, Soul, Jazz, Easy Listening. Für Anita Kerr ein Spirit, den sie bereits verkörperte; sie hatte längst keine Lust mehr, ausschliesslich Country zu singen, experimentierte mit Pop, Jazz, orchestraler Musik – und war mit ihren mehrstimmigen Gesangsharmonien sogar Vorläuferin und Vorbild für den aufkommenden Surfsound à la Beach Boys.

Kerr produzierte ihre eigenen Alben jetzt für Warner Brothers, gewann drei weitere Grammys und nahm zudem zwölf erfolgreiche Platten mit dem kalifornischen Poeten Rod McKuen auf.

Neuer Szenenwechsel: Der sympathische Weltstar und ihr Ehemann zogen 1970 definitiv in die Schweiz, nach Genf. Anita Kerr wirkte weiterhin international, gründete in London eine neue Gesangsgruppe, dirigierte während einer Aufnahmesession sogar das Royal Philharmonic Orchestra, komponierte Musik für den Soundtrack zum Kinofilm «Limbo» und reiste ab und zu wieder nach Nashville, um erfolgreiche Gospel-Alben sowie eine letzte Platte mit Chet Atkins aufzunehmen.

Musikalische Spuren in der Schweiz

Anita verkaufte ihre «Mountain Studios» in Montreux an Queen. Hier wurde Freddie Mercurys letztes Album «Made In Heaven» aufgenommen.

Und dann gleich noch ein historischer Streich, diesmal auf helvetischem Boden: Anita Kerr und Alex Grob gründeten im Casino Montreux ein eigenes Tonstudio, nannten es «Mountain Studios», öffneten am 3. Juli 1975 die Pforten – und verkauften es vier Jahre später an die Rockgruppe Queen. Genau, jenes legendäre Studio, in welchem 1984 Freddie Mercurys allerletztes Meisterwerk «Made In Heaven» produziert wurde. Ohne Kerr und Grob wäre die Musikgeschichte definitiv anders verlaufen.

1984 in Nashville: Hardy Hepp, Chet Atkins, Anita Kerr und Alex Grob (von links).

1984 in Nashville: Hardy Hepp, Chet Atkins, Anita Kerr und Alex Grob (von links).

Ebenso die Geschichte der Schweizer Musik. Anita Kerr begegnete der Schweizer Rock- und Poplegende Hardy Hepp; daraus entstand eine Freundschaft, Kerr und ihr Ehemann gingen in den 80er-Jahren in Hepps ausgedientem Schulhaus im Prättigau ein und aus.

«Eine grossartige Frau, aussergewöhnliche Pianistin und Arrangeurin», schwärmt Hepp. «Ich war gerade 40 Jahre alt und wollte meine Karriere an den Nagel hängen – Anita gab mir sehr viel Kraft und Mut, unterstützte mich.» Die beiden reisten nach Nashville, um dort gemeinsam Hepps Album «Sunboat» aufzunehmen.

In Rolf Lyssys Film über Hardy Hepp («Hard(ys) Life» 2009) erinnert sich Anita Kerr daran, wie ihn alle mochten in Nashville, weil Hardy in keine Kategorie passte. Kerr war von Hepps Originalität fasziniert: «Von 10000 Klavierspielern würde ich dich im ersten Moment wiedererkennen!»

Anita Kerr wirkte weiter auch hierzulande, schrieb 1985 den Song «Piano, Piano» für Mariella Farré & Pino Gasparini, die die Schweiz am Eurovision Song Contest in Göteborg vertraten (Platz 12). Heute lebt sie mit Alex Grob in Carouge bei Genf, beide sind bei erfreulich guter Gesundheit. Ihr grossartiges Lebenswerk würde ein Buch füllen.

1975 gewann Anita Kerr den ASCAP-Award «A lady of class and a first-class musician for her significant contributions to the birth and development of the Nashville sound» («Eine Dame von Klasse und eine erstklassige Musikerin für ihren bedeutenden Beitrag zur Geburt und Entwicklung des Nashville-Sounds»), und 1992 den NARAS Governors Award «In recognition of outstanding contribution to American Music» («In Anerkennung des herausragenden Beitrags zur amerikanischen Musik»). Damit ist alles gesagt – wir verneigen uns.

Die besten Alben von Anita Kerr

From Nashville, The Hit Sound (1962)

We Dig Mancini (1965)

And Now – The Anita Kerr Orchestra! (1966)

All You Need Is Love (1967)

The San Sebastian Strings – The Sea (1967, Anita Kerr & Rod McKuen)

I Sang With Jim Reeves (1968)

Reflect On The Hits Of Burt Bacharach & Hal David (1969)

Gentle As Morning (1976)

Walk A Little Slower (1976)

Precious Memories (1977)

We Dig Anita. The Oohs And Aahs Of The Nashville Sound (2016, mit Chet Atkins, Roy Orbison, Patsy Cline, Jim Reeves, Brenda Lee, Johnny Cash, Roger Miller, Don Gibson)

Hardy Hepp with Anita Kerr: Sunboat (1985)

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