Porträt zur Aargauer Jahresausstellung
Mattia Comuzzi macht Kunst wie konzentrierte Stadtspaziergänge

Mattia Comuzzi lässt sich normalerweise vom Stadtleben inspirieren. Dass dieses zur Zeit stark runtergefahren ist, zeigt sich auch in seiner Kunst.

Anna Raymann
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Die 5-teilige Installation «inconcrete» ist zurzeit in der Auswahl 21 im Aargauer Kunsthaus zu sehen.

Die 5-teilige Installation «inconcrete» ist zurzeit in der Auswahl 21 im Aargauer Kunsthaus zu sehen.

Alex Spichale

Was zum kollektiven Pandemie-Hobby wurde, ist für Mattia Comuzzi schon lange Teil seiner Kunst: Spaziergänge, Streifzüge durch Strassen am liebsten bei Nacht sind Anregung und Recherche für den jungen Aargauer Künstler. Was er dabei zusammenträgt, ist aktuell in der Aargauer Jahresausstellung Auswahl 21 zu sehen. Lose hängen graue Platten im Raum, versperren dem Publikum den Weg und zwingen hinzuschauen. Da sind verwaschene Fotografien von Häuserecken und städtischen Unorten, da sind kleine Objekte, verlorene Schmuckstücke, Knöpfe, Bändel oder Gröberes wie die Lachgaspatrone. Die Fundstücke sind unverrückbar in Beton gegossen.

Mattia Comuzzi gehört zu den jüngsten Teilnehmenden der diesjährigen Auswahl 21.

Mattia Comuzzi gehört zu den jüngsten Teilnehmenden der diesjährigen Auswahl 21.

zvg

Die Arbeit erzählt von einem urbanen Leben, von dreckigen Strassen und den Menschen, die darauf ihre Spuren hinterlassen. Mattia Comuzzi verarbeitet Eindrücke von ewigen Exkursionen durch die Stadt:

«Mich interessiert der öffentliche Raum: Wo beginnt er, was ist er – und gibt es ihn überhaupt? Ich denke, in der Stadt gibt es kaum wirklich öffentlichen Raum.»

Es ist eine junge, von Subkultur geprägte Perspektive, die sich in der Installation auftut. Fast meint man, die Bässe aus einem Club aus den Betonplatten dröhnen zu hören. Tatsächlich beschäftigt sich Comuzzi schon lange mit Musik und Sound: «Klänge sind im urbanen Raum zentral.»

Ein Werkbeitrag vom Aargauer Kuratorium

Dennoch verzichtet er darauf, seine Collagen um eine Klangebene zu erweitern. Auch so verwebt er ein dichtes und sinnliches Bild, das auch das Aargauer Kuratorium überzeugte. Es unterstützt Mattia Comuzzi mit einem Werkbeitrag von 30000 Franken. Mattia Comuzzi gehört zu den jüngsten Künstlern der diesjährigen Auswahl 21. Er ist 1992 in Schafisheim geboren. Er machte eine Lehre zum Textiltechnologen, bevor er sich der Kunst zuwandte. Nach einem Austauschsemester in Tokio lebt er heute in Zürich.

Das Atelier ist in einer Zwischennutzung in einem ehemaligen Kinderheim untergebracht. In den Gängen sieht man noch einzelne Basteleien, die Zimmer werden von verschiedensten Kreativen genutzt. Der Raum, den sich Mattia Comuzzi mit einer Kollegin teilt, ist spartanisch eingerichtet, auf einem Tisch stehen eine Wärmeplatte und ein Topf mit Wachs, mit dem er aktuell arbeitet. «Ich bin nicht gerne angewiesen auf aufwendige Technik. Ich arbeite gerne unabhängig», erzählt er.

Fotografische Notizen für die Kunst

Mattia Comuzzi sammelt, was er auf der Strasse findet und macht es zu Kunst.

Mattia Comuzzi sammelt, was er auf der Strasse findet und macht es zu Kunst.

zvg

Die Fotografie zieht sich durch die meisten seiner Arbeiten. Tatsächlich hat Mattia Comuzzi mit dem Schwerpunkt Fotografie an der Zürcher Hochschule der Künste studiert, trotzdem ist sie selten Hauptakteur:

«Die Fotografie ist für mich ein Werkzeug. Mit der Kamera mache ich mir sozusagen Notizen, die ich für meine Arbeiten nutzen kann.»

Was daraus entsteht, geht oft als grosszügiges Objekt oder ausschweifende Installation in den Raum zurück. Seine aktuelle Arbeit ist da vergleichsweise kleinformatig. An der Wand hängen Kerzen in verschiedenen Farben und Formen – dazwischen sind wiederum einzelne Fotografien platziert. «Mein Fokus hat sich in den letzten Monaten – wie bei vielen – verändert. Wo ich mich vorher nach aussen orientierte, schöpfe ich heute eher aus dem Inneren.» Comuzzi spricht mit seiner Arbeit für eine Generation, deren Alltag von der Pandemie auf links gedreht wurde.

Als Nächstes steht für den jungen Künstler ein Atelierstipendium in Berlin an, das ihm das Aargauer Kuratorium ermöglicht. Man kann gespannt sein, ob die Grossstadt der neuen Innerlichkeit entgegenwirkt.

Porträtserie zur Auswahl 21: Jahresausstellung bis 2. Januar im Aargauer Kunsthaus.

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