Kunst
Riehen ist auch Giverny

Die Fondation Beyeler leistet sich mit Claude Monet ein Fest aus Licht und Farbe.

Isabel Zürcher
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Claude Monet, «Vue de Bordighera», 1884, Öl auf Leinwand.

Claude Monet, «Vue de Bordighera», 1884, Öl auf Leinwand.

Hammer Museum

Als eröffnete der Meister seine Ausstellung selbst, empfängt Claude Monet, auf einen Spazierstock gestützt, die Besucher im ersten Saal. Da ist er, der Monolith und stolze Pionier jener Malerei, die als Impressionismus die Zentralperspektive verwerfen und das Bild revolutionieren sollte. Der Künstler zeigt sich in einer Schwarz-Weiss-Fotografie, überlebensgross, um 1889, als bärtiger Mann mittleren Alters, mit Schlapphut und Holzschuhen im Garten. Auf der Rückseite der Stellwand eine Äusserung, ein paar Jahre später datiert: «Ich verfolge einen Traum – Ich will das Unmögliche.»

Die obsessive Annäherung ans Unmögliche ist das Leitmotiv der Präsentation von 62 Gemälden, die ab heute Abend in der Fondation Beyeler ein Fest der Farbe feiern. Und sie ist der Grund, weshalb sich die hochkarätige Bildauswahl auf Monets Schaffen nach 1880 bis ins frühe 20. Jahrhundert konzentriert. Hier löst sich der Maler vom Anspruch der Objektivität, von da an überprüft er am Sichtbaren vor allem die Beweglichkeit von Schatten und Licht. Nicht mehr, nicht weniger: Darin zeigt sich Monet als ein Meister des Übergangs.

«Das grosse Projekt von Monet war, die Landschaft als eine statische Ansicht zu verabschieden», so der Kurator Ulf Küster an der gestrigen Medienkonferenz. Denn Monet hat sich nicht ins Freie gesetzt, um Landschaften zu malen. Er ging hinaus, um Veränderungen festzuhalten. Ihm lag an der Schönheit von Licht, die er in Myriaden von Buntwerten einfing und am liebsten mit Diamanten verewigt hätte. «Mein ganzes Leben habe ich sie gemalt, zu jeder Stunde, zu jeder Jahreszeit ... Ich wurde ihrer nie müde», ist aus seiner Feder überliefert, «sie ist immer wieder anders.» Er spricht vom Fluss der Seine.

Orte am Wasser

Nicht zufällig waren seine Arbeits- und Lebensorte von Wasser geprägt. Das bewegte Element, in dem sich der Wind verfängt, das Eisschollen und Seerosen trägt, während es Wolken oder Pappeln spiegelt, hat Monets Palette an zahlreichen Küsten und Ufern herausgefordert. Er suchte den Atlantik auf, studierte die Lichtverhältnisse am Mittelmeer, fand im dunklen Strom der Londoner Themse sein Motiv. Und in seinem eigenen Garten in Giverny richtete er mit Teich und Brücken sein eigenes Freilichtstudio ein.

Distanzlos ist seine Malerei, unabhängig davon, ob sie den Betrachter einer blühenden Wiese oder einem Baudenkmal aussetzt. Darin liegt ein Teil ihrer anhaltenden Faszination. Man meint, bei Ebbe in Varengeville 1882 neben dem Maler im Sand zu stehen; man stürzt mit Monets Auge 1886 in die gekrausten Wellen bei Belle-île; man erkennt die Aufruhr des Pinsels, der am Abend den verschatteten Felsen von Port-Domois ein dunkles Glühen abringt. Durch und durch nachvollziehbar bleibt seine Arbeit, der rasche Duktus von Monets Handschrift ist in über hundert Jahren um keine Spur gealtert.

Im Gegenteil: Wenn er einem Wellengang den Puls abnimmt oder die Temperatur eines von Gras überwachsenen Felsens ertastet, sieht das aus wie von jetzt. Das gilt nicht nur da, wo die Natur Vorbild war, sondern auch bei städtischen Motiven. Verwischt ist das Aufgebot der Heiligen an der Kathedrale von Rouen – die fast religiöse Andacht gilt dem Licht, das je nach Witterung ein bläuliches oder warm getöntes Monument in den Himmel meisselt. Wenn sich der Ausstoss einer Dampflokomotive in London mit dem bewölkten Himmel trifft, rückt nicht zuerst die Industrialisierung in den Blick. Die Entzündlichkeit der Farbe behält die Oberhand.

Bilder ohne Kommentare

Die Fondation tut gut daran, den Bildern bis auf einige ausgesuchte Zitate keinen Text zuzumuten und alles Lesenswerte über Monets familiären und ökonomischen Lebensbedingungen, über seine Beweggründe und Reisedestinationen im Begleitkatalog zusammenzufassen. In seinem künstlerischen Vorhaben ging’s ihm um Phänomene, nicht ums Wissen, das andere Maler als Kategorie der Malerei aufrechterhielten. Kommentarlos kommen seine Bilder zur Geltung entlang von sechs Sälen und Motivgruppen. Das helle Grau der Wände unterstreicht jeden Buntwert. Eine freie Sicht auf Malerei ist das Ergebnis – und die Motivation spürbar, die dem mächtigen Leihverkehr mit öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit zugrunde lag: «Dass man im Vergleich sehen kann, wie’s gemacht ist!» Ein Genuss ist das nicht nur für den Kurator und das Team, das mit Monet zugleich das Jubiläumsjahr einleitet: zwanzig Jahre Fondation Beyeler. Monet war nicht ganz unbeteiligt, als das Haus 1997 erstmals seine Türen öffnete. Verdankt es doch dem impressionistischen Maler mehr als eine exquisite Auswahl an späten Werken.

Als Eigentümerin unter anderem eines seiner grossen Seerosen-Teiche hat sich die Fondation zu Monets Ehren südseits auf eine spiegelnde Wasserfläche ausgerichtet und das Erlebnis der Malerei so nahe wie möglich an den Blick in die Umgebung herangeführt. In der neuen Ausstellung stösst sein «Bassin aux Nymphéas» nicht ans Fenster und nicht an den tatsächlichen Teich. Da, wo der Blick des Malers ganz unter den Horizont gesunken und die Wasseroberfläche mit dem Bildfeld in Deckung ist, geht die Ausstellung zur Sammlung über. Claude Monet trifft auf Mark Rothko – und weist sich aus als ein Wegbereiter der Moderne. Riehen bei Basel ist auch ein bisschen sein Paradies, sein Garten Giverny.

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