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Roland Butis neuer Roman: Durch die Seitentür aus dem Leben – in den schützenden Garten

Der Lausanner Schriftsteller Roland Buti.

Der Lausanner Schriftsteller Roland Buti.

Nach seinem Bestseller «Das Flirren am Horizont» legt der Lausanner Schriftsteller wieder einen fabelhaft komponierten Roman vor: In «Das Leben ist ein wilder Garten» spiegelt er Midlifekrise und Demenz.

Es gibt Bücher, deren letzter Satz vieles zusammenfasst. Im neuen Roman des Lausanner Schriftstellers Roland Buti ist «und sie hatte sich durch die Seitentür hinausgeschlichen» genau so ein Satz. Oder sagen wir: Der Satz beschreibt die Lebenssituation des Erzählers Carlo Weiss. Dem 45-jährigen Landschaftsgärtner entgleitet gerade sein Leben. Allerdings ohne erkennbare Schuld, ohne Streit oder benanntes Versagen: Seine Frau hat ihn verlassen, erschöpft von ihrem Beruf im Spital und dem bisherigen Leben; seine Tochter studiert Kunst in London, mit deren schrillen Skulpturen er aber nichts anfangen kann und die wie das Symptom einer Entfremdung wirken; Carlos demente Mutter ist aus dem Altersheim abgehauen, in ein Luxushotel, wohin sie als junge Frau Brot geliefert und wo sie eine Affäre mit einem vor den Nazis geflüchteten Vogelkundler hatte. Alle drei sind Carlo wie durch die Seitentür und ohne Türenknallen entwischt.

Zwei Lebensverluste: Midlifekrise und Demenz

Kein Spektakel also. Dass Roland Buti trotzdem ein hochspannender, humorvoller, welthaltiger und auch erotischer Roman gelungen ist, liegt an der vielschichtig symbolgesättigten Komposition mit allerlei Spiegelungen und Parallelen.

Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten. Zsolnay, übersetzt von Marlies Russ. 173 S.

Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten. Zsolnay, übersetzt von Marlies Russ. 173 S.

Denn der Garten ist Butis Thema, das er mit Leitmotiven, lockerem Szenenwechsel und einer Entdeckungsreise in die Vergangenheit der Mutter filigran zusammenknüpft: Midlifekrise und Demenz erscheinen als parallele Lebensverluste. Der Garten entfaltet einen Raum der Erinnerung, wird zum symbolischen, lebensschützenden, poetischen Raum. Schutz vor dem entgleitenden Leben findet Carlo im üppigen Schrebergarten mitsamt Häuschen seines kosovarischen Gärtnerkollegen Agon, der vor seiner Flucht in die Schweiz Französischlehrer war. Dieser Gefühlsmensch mit magischer Ausstrahlung besitzt Baudelaires Kultbuch «Blumen des Bösen», die Zimmernachbarin von Carlos Mutter trägt einen blumengeschmückten Morgenrock, mit seiner nach «harzigen Bäumen und fruchtigem Laub» duftenden Frau hat Carlo nach der Trennung noch einmal Sex in der Natur und wird von einem Gleitschirmsegler gestört. Wie gesagt: Ein Buch voller symbolischer Verweise und einer Prise Humor. Carlo erzählt einmal: «Ich liess mich sanft vom Geklimper in den Ästen wiegen.» Ein typischer Buti-Satz, der einen präzisen sinnlichen Moment auch ohne psychologische Erklärung mit dem Romanganzen verknüpft.

Butis Sprache beeindruckt mit zartfühlender Präzision

Bei der bildhaften Sprache von Roland Buri kommt man leicht ins Schwärmen. Sie ist von zart empfundener Präzision. Als Carlo seine Mutter tot in ihrem Stuhl findet, heisst es: «Mamas Kinn war auf ihre Brust gesunden. Sie fixierte den Boden, also wolle sie einen winzigen Gegenstand auf dem Teppich ausfindig machen und hätte dabei plötzlich den Faden verloren.» Ohne Spektakel, eher versöhnlich, endet der fabelhaft übersetzte Roman. Carlos Schnittwunden heilen und Agons Gartenhäuschen wird zu dessen Zufriedenheit per Helikopter neu platziert.

Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten. Roman. Zsolnay, übersetzt von Marlies Russ. 173 S.

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Autor

Hansruedi Kugler

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