Literatur

Roman über Ehekrieg aus den USA: «Wenn sie nicht stritten, war die Intimität verschwunden»

Taffy Brodesser-Akner.

Taffy Brodesser-Akner.

In den USA wurde die Magazin-Journalistin Taffy Brodesser-Akner berühmt für ihre Starporträts. In ihrem jetzt auf Deutsch vorliegenden Debütroman «Fleishman steckt in Schwierigkeiten» liefert sie einen burlesken Abgesang auf die Tücken modernen Ehe-Wahnsinns.

Alles begann mit einer Abfuhr. Die Chefredaktorin des «New York Times Magazine» hatte sich von ihrer Redaktorin Taffy Brodesser-Akner einen längeren Artikel dazu gewünscht, weshalb die meisten Ehen scheitern und geschieden werden. Also war die verheiratete 45-jährige Mutter zweier Kinder losgezogen, hatte sich umgehört, recherchiert, Betroffene und Spezialisten befragt und Statistiken gelesen – und das bestellte Stück geliefert. Doch ihre Chefin fand das Stück zu literarisch – und lehnte dankend ab. Und Brodesser-Akner, die für ihre launigen Magazin-Porträts von Sam Smith, Billy Bob Thornton oder Gwyneth Paltrow gefeiert worden war, holte – so verriet sie später in diversen Interviews dazu – erst einmal tief Luft.

Doch statt den Text, wie man hätte erwarten dürfen, frustriert in die Tiefen ihres Redaktionsschreibtischs zu verbannen oder durch den Reisswolf zu jagen, zog sie das Thema im Gegenteil gross auf – und formte daraus ihren ersten, jetzt auch auf Deutsch vorliegenden Debütroman «Fleishman steckt in Schwierigkeiten».

In der Ehe wird Intimität zur Waffe des Hasses

Und man darf sagen: Der Einsatz hat sich gelohnt. Denn ihr Buch, des gekonnt auf der Klaviatur gehobener Unterhaltungsliteratur spielt, porträtiert keinen Geringeren als den Prototypen des in den Mühlen seiner Ehe immer ein bisschen farb- und energieloser werdenden Mannes unserer Tage. Und dies mit sicherem Gespür für die Schilderung all jener wahrscheinlich auf Dauer zwangsläufig entstehenden Risse und Verwerfungen in den Seelen all derer, die sich gegen alle Vernunft in die Schlacht namens «Ehe» gestürzt haben. Bei Brodesser-Akner klingt das dann – vorgeführt am Beispiel ihres Protagonisten Toby Fleishman und seiner Frau Rachel – so: «Es war lange her, dass ihre Liebe von Intimität geprägt war. In den letzten Jahren traf das nur noch auf ihren Hass zu, soll heissen, dass sie im Streit den Finger in die Wunden des anderen legten, von deren Existenz sie aus langjähriger Erfahrung wussten. Er trampelte rücksichtlos auf ihrer Unzuverlässigkeit als Mutter herum; sie zielte auf seine Männlichkeit, als wäre die eine lebenswichtige Ader. Und wenn sie nicht stritten, war die Intimität verschwunden.»

Nach vierzehn Ehejahren trennen sich die Wege der beiden – und Toby, der als Hepatologe sein Geld verdient und seiner Frau stets treu war, entdeckt nun die scheinbar unbegrenzte Welt der Dating-Apps.

Keine bedeutende Literatur, aber cooles Augenzwinkern

Ruhelos jagt er von Date zu Date, um sich ganz der neuen sexuellen Freiheit hinzugeben. Bis Rachel ihm eines Tages überraschend die beiden gemeinsamen Kinder Solly und Hannah bringt – und Toby bald in echten Schwierigkeiten steckt. Denn statt sie wie vereinbart wieder abzuholen, verschwindet Rachel wochenlang spurlos. «In dieser Nacht träumte er, dass er im Weltraum schwebte und Rachel auch dort war, doch er konnte nicht ausmachen, ob sie ein Planet oder ein Stern war... Er wachte dreimal auf. Beim ersten Mal mit dem Gefühl der Panik: Du steckst in Schwierigkeiten. Beim zweiten Mal wachte er auf, weil er wütend war. Als er zum dritten Mal aufwachte, war es wieder aus Panik. Er floh aus dem Bett, bevor ein Phantom seiner toten Frau sich zu ihm umdrehen und sagen konnte: Warum hast du mich nicht gerettet, Toby?»

Rasant treibt Taffy Brodesser-Akner, die schreiben kann wie der Teufel, ihre Burleske dem überraschenden Finale entgegen. Zu behaupten, ihr sei darüber ein bedeutendes Stück Literatur geglückt, das ist, um es freundlich auszudrücken, verwegen. Auch wenn ein offenbar leicht verwirrter US-Kritiker schrieb, in seinen besten Momenten erinnere dieser Roman an Philip Roths erzählerische Klarheit und psychologisches Einfühlungsvermögen. Als cooler, augenzwinkernder Unterhaltungsroman jedoch, der das Thema Ehe auf gehobenem US-Magazin-Niveau lustvoll seziert, überzeugt Fleishmans Geschichte sehr wohl.

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