Besuch bei Jonas Lüscher

Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher wohnt seit 20 Jahren in München und sagt: «Ich trinke ja nicht mal Bier!»

Der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher auf dem Viktualienmarkt in München.

Der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher auf dem Viktualienmarkt in München.

Beim Besuch bei Jonas Lüscher am 4. März ist München noch belebt - vor der Corona-Krise. Lüscher ist einer der Hoffnungsträger politisch engagierter Schweizer Literatur. Im aktuellen Buch «Ins Erzählen flüchten» erklärt er sein literarisches Prinzip: Verstören statt bestätigen. Was ihn in München inspiriert und ärgert, zeigt er auf einem Stadtrundgang.

Nein, einen bayerischen Akzent hat Jonas Lüscher noch nicht. Auf Berndeutsch läuft die Begrüssung. Ein lupenreines Hochdeutsch kann er auch. Aber fort mit den Klischees, her mit dem Einzelfall! Das ist Lüschers Motto. Anbiederung kommt für ihn nicht in Frage. Weder in der Literatur, noch im Leben: «Ich trinke nicht mal Bier», gibt er preis – und das im Bier-Freistaat Bayern! Einmal Oktoberfest, dann nie wieder. Und in der Literatur?

Das sagt er dezidiert auf die oft gehörte Kritik zu seinen komplexen, langen Sätzen. Auch das gehört zu ihm: Keine Angst vor Fremdwörtern, «das darf man den Lesern doch zumuten!»

Mit dem Begriff der Heimat verbindet er wenig Sympathien

Von seiner Literatur fordert er gerade im neuen Buch «Ins Erzählen flüchten» Vielschichtigkeit, Verstörendes statt Erwartbares, Erweiterung der Erfahrungswelt, distanzierte Ironie statt Identifikation, deshalb unsympathische Helden. Es ist ein steter Kampf gegen Klischees.

Lüscher selbst ist so ziemlich das Gegenteil von unsympathisch: Gekleidet im elegant gepflegten Casual-Look, feinrandige, kleine Brille, leicht verschmitztes Lächeln, ohne Allüren, höflich, ein wenig spröde. Ein freundlicher, zugänglicher Intellektueller. Einer, der statt im Biergarten lieber mit Freunden, Künstlern, Schauspielern im Café diskutiert. Am liebsten im Restaurant der Münchner Kammerspiele.

Beim Ausgang des Restaurants der Kammerspiele München, wo Lüscher oft zu Mittag isst.

Beim Ausgang des Restaurants der Kammerspiele München, wo Lüscher oft zu Mittag isst.

Streng genommen ist München aber nicht mal seine Wahlheimat. Dies nicht nur, weil ihn mit dem Begriff Heimat wenig Sympathien verbindet. Er könnte auch anderswo leben, sagt er. Solche Allgemeinbegriffe wie «Heimat» sind ihm ohnehin ein Dorn im Auge. München ist einfach der Ort, wo seine Frau Ulrike Arnold als Schauspielerin und Regisseurin tätig ist, wo er als Drehbuchentwickler für Fernsehfilme arbeitete und später als Kellner sein Philosophiestudium finanzierte. Heute bezeichnet er die Stadt als geografisch idealen Standort. In vier Stunden ist er in Frankfurt, Berlin, Wien, Zürich. Ideal für einen Schriftsteller, der mindestens 100 Tage im Jahr auf Lesereisen ist.

Am Sankt Jakobs Platz ist der Reichtum von München besonders sichtbar.

Am Sankt Jakobs Platz ist der Reichtum von München besonders sichtbar.

Aber München ist für Lüscher auch ein Ort der Reibung, des Ärgers, der Freundschaften. Beim Rundgang macht er klar: Die Stadt mit ihrem Reichtum, ihrer aktuellen Wohnungsnot und ihrer totalitären Geschichte hat sein Denken geschärft.

Treffpunkt ist das Café Kosmos, nördlich des Münchner Hauptbahnhofs. Eine für Münchner Verhältnisse raue Gegend. Bettler oder Obdachlose sind trotzdem keine zu sehen. «Für Junkies und Arme ist München viel zu teuer», sagt Lüscher. Ausser Romas sehe man in der Innenstadt kaum Bettler. Und diese würden entgegen dem weit verbreiteten Klischee nicht von einem Mafiaboss geschickt. Gegen die Klischees setzt er den Einzelfall. Deren Geschichten seien zu erzählen. Es ist sein Kernanliegen einer «narrativen Gesellschaft», literarisch und politisch.

Komplexe soziale Phänomene liessen sich besser durch die Literatur und Einzelschicksale statt über Statistiken verstehen, sagt er. Und führt das gleich aus am Beispiel der Bettler: «Viele dieser Romafrauen kommen wie Gastarbeiterinnen hierher – einfach zum Betteln», erzählt er.

«Die Kinder lassen sie in Rumänien, fahren mit dem Bus nach München und schlafen wochenlang am Stadtrand in grossen Schlafsälen, die als Notschlafstellen eingerichtet worden sind. Es ist für sie oft die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Und das in der EU!» Er selbst gebe regelmässig ein paar Euro. «Das Prinzip heisst teilen», sagt er. Ein zentraler Begriff für den politischen Menschen Lüscher.

Über die EU, in der er die Schweiz gerne sähe, ärgert er sich trotzdem immer wieder, gerade jetzt wegen der Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze: «Das war doch vorhersehbar und ist schlicht unwürdig.» Laut wird er zwar nicht, findet aber klare Worte: «Den Begriff der Solidarität scheinen viele europäische Politiker vergessen zu haben.» Lüscher ist Gründungsmitglied der EU-Gruppe der SP Schweiz und stritt vor kurzem auf einem Podium mit SVP-Nationalrat Andreas Glarner.

«Da habe ich sie fürchten gelernt, die schlechten Geschichten»

Um die Ecke ein gepinselter Protest: «Kino statt Profit». Den Spruch auf einem geschlossenen Kino quittiert er mit Achselzucken: «Kleine Kinos sterben, Buchhandlungen darben. Ich sehe es an mir selbst, ein Teil meiner Zeit, die ich früher zum Lesen genutzt habe, geht nun für Serien drauf.» Pessimismus aber mag er nicht verbreiten.

Schliesslich ist er selbst aus der Filmbranche geflüchtet, weil er die klischierten Drehbücher nicht mehr ertrug: «Da habe ich sie fürchten gelernt, die schlechten Geschichten. Vorhersehbarer Kitsch, abgegriffene Erzählmuster. Von Erweiterung der Erfahrung konnte keine Rede sein.»

Theater mit seinen intensiven Diskursen liege ihm da näher. Und einige Jahre später flüchtete er aus der akademischen Philosophie in die Literatur, um seine Vision der «narrativen Gesellschaft» literarisch umzusetzen. Mit seinen beiden bisherigen Büchern hat er gleich für Furore gesorgt, Bestseller produziert und Preise abgeräumt.

Nach der Novelle «Der Frühling der Barbaren» und dem Roman «Kraft» gilt Lüscher neben Lukas Bärfuss als literarischer Hoffnungsträger der politisch engagierten Schweizer Literatur. In beiden Büchern liess er neoliberale Banker und Intellektuelle spektakulär und mit groteskem Einschlag scheitern. Auf seinen nächsten Roman aber wird man noch länger warten müssen: «Da brauche ich noch etwa drei Jahre», sagt Lüscher. Zum Thema mag er nichts sagen.

Nur so viel: «Es wird ein ziemlich umfangreicher Roman werden.» Und wie kommt er finanziell bis dahin über die Runden? Da habe er dank Literaturpreisen und sehr vielen Lesungen ein kleines Polster ansparen können.

Hier an den Münchner Gleisen hätten Hochhäuser gebaut werden müssen, kritisiert Lüscher, damit Wohnraum in der Stadt frei würde und die akute Wohnungsnot gelindert werden könnte.

Hier an den Münchner Gleisen hätten Hochhäuser gebaut werden müssen, kritisiert Lüscher, damit Wohnraum in der Stadt frei würde und die akute Wohnungsnot gelindert werden könnte.

Als Mitglieder der SPD geht er manchmal an Versammlungen seines Ortsvereins. Dominierendes Thema in München: Die Wohnungsnot. «Es ist verrückt. Im Vergleich mit den 1980er- Jahren hat es in München heute fast 70 Prozent weniger sozialen Wohnungsbau. Dreissigtausend Münchner warten auf eine Sozialwohnung.

Die Wohnungsnot ist ein politisches Versagen. Selbst gut situierte Leute geben bis zur Hälfte ihres Einkommens für Miete aus.» Deshalb schüttelt er den Kopf über die niedrigen Neubauten am Bahnhof. «Da hätten Hochhäuser für Büros gebaut werden müssen, damit Wohnraum in der Stadt frei wird.»

Aber anders als in Frankfurt dürfe man in München nicht höher bauen als die Frauenkirche. «Hier mischt sich Nostalgie mit reaktionärer Haltung», sagt Lüscher. Und kommt wieder auf sein neues Buch und die «narrative Gesellschaft» zu sprechen. Investoren und die Politik sollten besser mal in die Literatur schauen statt nur auf Quadratmeterquoten zu starren. «Quantitative Blendung» nennt er das in seinem Buch «Ins Erzählen flüchten».

Der Wandel aus dem totalitären ins humanistische München

Mit Lüscher wird ein Spaziergang durch München unweigerlich politisch. Er steuert den Königsplatz an, wo während der Nazizeit Hitlers Führerbau stand und Naziaufmärsche stattfanden. «Als ich vor zwanzig Jahren nach München kam und zum ersten Mal den Königsplatz sah, konnte ich es mir lebhaft vorstellen. München hat eine perfekte Kulisse für die Bewegung geboten.» Der weitläufige Platz sei aber seit Jahren ein Ort der Weltoffenheit. «Mindestens einmal im Jahr bin auch ich hier am Demonstrieren.»

Am riesigen Obelisken aus dem Jahr 1833 geht Lüscher vorbei. Über die Inschrift zur Erinnerung an die napoleonischen Kriege «Auch sie starben für die Befreiung des Vaterlandes» schüttelt er den Kopf. «Wenn ich mir vorstelle, wie hier Männer auf das Heldentum und den Heldentod verpflichtet wurden, graust es mir.» Schliesslich würden wir jetzt zum Glück in postheroischen Zeiten leben. «Viel mehr interessiert mich das NS-Dokumentationszentrum», erklärt Lüscher. Dieses steht am Ende des Platzes – ein leuchtend weisser Kubus. Genau dies liebt er an München: «Toll, wie hier Geschichte sichtbar gemacht wird.»

Auch an der Feldherrnhalle bei der Residenz geht er mit Abstand vorbei. Es ist das Zentrum des «totalitären München». Dort mussten während der Nazizeit alle Passanten unter Strafandrohung mit dem Nazigruss die getöteten Hitlerputschisten von 1923 ehren. «Viele machten deshalb einen Umweg und gingen hinter der Halle durch die Viscardigasse, die seither im Volksmund Drückebergergasse heisst», erzählt Lüscher. Eine ihm sympathische Bezeichnung. Hätte er wohl auch so gemacht.

Seine Aversion gegen das Heldentum legt er auch am Geschwister Scholl-Platz vor der Universität nicht ab, in deren Eingangshalle Sophie und Hans Scholl ihre Flugblätter von der Empore warfen. «Die letzte Scholl-Verfilmung war abgeschmackter Heldenkitsch», ärgert sich Lüscher. In der Ausstellung im Untergeschoss versteht man sofort, was er meint: Da liest man, dass Sophie Scholl zunächst in den 1930er Jahren eine glühende Scharführerin im NS-Bund Deutscher Mädel gewesen war. Erzählen müsste man also von einer gebrochenen, widersprüchlichen Figur.

Der im Architekturstil der Nachkriegs-BRD errichtete Anbau an die Bayerische Staatsbibliothek, ein Symbol demokratischer Bildungspolitik.

Der im Architekturstil der Nachkriegs-BRD errichtete Anbau an die Bayerische Staatsbibliothek, ein Symbol demokratischer Bildungspolitik.

Unbedingt zeigen will er die Bayerische Staatsbibliothek mit ihrem Hauptgebäude aus dem 19. Jahrhundert und dem modernen Anbau im Geist der Nachkriegs-Bundesrepublik von 1966. Nicht nur, weil er da selbst oft Bücher ausleiht. Sehr schön wird da nämlich absolutistische Tradition in eine architektonisch luftige, demokratische Bildungsgegenwart überführt. Auch hier faszinieren Lüscher die sichtbaren Brüche, die Widersprüche und die Veränderung ins Demokratische, Humanistische. Letztlich zeigt Lüscher dem Besucher eine mögliche Entwicklung aus der Historie hin zum Guten.

Symbol für den Wandel des totalitären ins humanistische München der Gegenwart: Die neue Synagoge im Herzen der Innenstadt.

Symbol für den Wandel des totalitären ins humanistische München der Gegenwart: Die neue Synagoge im Herzen der Innenstadt.

Das Symbol schlechthin für diese optimistische Haltung: Die neue Synagoge in der Münchner Altstadt. Ein Monument, auf allen vier Seiten umgeben von einer der Klagemauer in Jerusalem nachempfundenen Mauer aus grossen Steinquadern, darin die Synagoge in einem Glaskubus. Gleich daneben steht das neue jüdische Kulturzentrum.

So sieht er denn auch bei aller Skepsis sein Engagement in der EU-Gruppe der SP Schweiz: «Die EU bleibt ein Friedensprojekt, auch wenn dieses Begründungsnarrativ bei den Jungen nicht mehr im Vordergrund steht. Bei denen steht das gemeinsame Handeln in der Klimakrise im Vordergrund. Das stimmt mich optimistisch, denn da spielt die EU eine wichtige Rolle.»

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