«Ich mache nichts lieber, als am Tisch zu sitzen, zu arbeiten und zu schauen, was entsteht.» So sagt es Otto Lehmann selber, als wir ihn im Kunstmuseum Solothurn treffen. An seinem Tisch sind in den letzten Jahren Farbstiftzeichnungen entstanden: Verschlungene Wesen und Pflanzen, einfachste Menschenkörper, grosse Augen, pulsierende Partikel. Die Farben wirken angenehm bunt und erstaunlich kräftig im Vergleich zu den früheren schwarz dominierten Arbeiten.

Doch man spürt, da passiert Intensives. Mit strahlendem Blau wird ein Rahmen umrissen. Die Binnenformen verdichten sich für die Betrachterin zum gestelzten Vogel mit leuchtend rotem Schnabel und Rücken, in den sich ein zweites Wesen zu verbeissen scheint. «Noli me tangere» (Rühr mich nicht an) heissen diese Serien, und so lautet auch der Titel der Solothurner Ausstellung.

Das Leben beschwören

Man erfährt, dass der 76-jährige Otto Lehmann seit 2015 von seiner lebensbedrohenden Krankheit weiss. Dass dies beim Künstler, der seine Bilder stets aus seinem Innern schöpft, sichtbar werden muss, ist klar. So liest man die schwebenden Partikel als Verwandte von mikroskopisch erfassten Zellbildern, versteht die Erstarrung der rundum von spitzen Haaren bewachsenen Menschenfigur und das Wuchernde als Symbol. Und doch, welche Energie, welche Vitalität strahlen gerade seine neuesten Arbeiten aus. Will er so die Krankheit bannen? Otto Lehmann zögert, sucht sorgfältig nach Worten. «Bannen? Nein, es ist eher eine Art Beschwören», sagt er. Und man begreift, hier beschwört einer zwar die Krankheit, ihn loszulassen, aber noch viel mehr wendet er sich dem Leben zu, das er liebt.

Einst ein Neuer Wilder

Geschickt sind in der Ausstellung den neuesten Serien seine alten Arbeiten gegenübergestellt. Klaustrophobische Räume und Gitter, spitzböse Zickzackmuster und bedrängte oder beschädigte Körper. Kein Wunder, galt der gebürtige Solothurner, der seit 1963 im luzernischen Adligenswil lebt, als Vertreter der Innerschweizer Innerlichkeit. Da hängt aber auch eines seiner grossen Gemälde, in dem in heftiger Geste ein gespensterhaftes Wesen aus der Tiefe aufsteigt. Solch expressive Malerei machte ihn in den 80er-Jahren zu einem wichtigen Vertreter der Neuen Wilden.

Sein Werk wird oft mit der Art Brut, der Kunst von Aussenseitern, verglichen, die ohne akademische Ausbildung ihre Seelenlage aufs Papier bringen. Otto Lehmann liebt sie und kombiniert im zweiten Ausstellungsteil frühe eigene Arbeiten mit Art-Brut-Werken der Solothurner Sammlung. Seine Arbeit passiere sicher bewusster, sein Wissen und seine Ausbildung als Grafiker und Künstler könne er ja nicht ausschalten. «Aber ich teile die Haltung der Art-BrutKünstler, frage wie sie nicht nach Richtig oder Falsch, sondern nach Wichtig.» In «Noli me tangere» taucht Lehmann wie diese Aussenseiter tief ein in seinen verschatteten Körper, an die Oberfläche aber bringt er starke Seelenbilder.