Interview

Serdar Somuncu: «Die Schweizer haben mit Populisten mehr Geduld»

Sich angreifbar zu machen, ist Teil seiner künstlerischen Strategie: der deutsche Satiriker und Musiker Serdar Somuncu.

Sich angreifbar zu machen, ist Teil seiner künstlerischen Strategie: der deutsche Satiriker und Musiker Serdar Somuncu.

Ob der deutsche Satiriker Serdar Somuncu am 23.4. trotz Coronavirus wirklich im Zürcher Volkshaus auftreten wird, kann er momentan nicht einmal selbst sagen.  Im Gespräch erklärt er,  warum ihn die Gesprächskultur der Klimajugend auf die Nerven geht.

Weil Serdar Somuncu dem Schweizer Fernsehen vor vier Jahren öffentlichkeitswirksam Zensur vorwarf, kennt man ihn auch hierzulande gut. Der deutsche Satiriker hatte SVP-Politiker Christoph Blocher am Arosa Humorfestival mit «Arschblocher» betitelt, der Beitrag wurde vom Schweizer Fernsehen nie ausgestrahlt. Jetzt zeigt er am 23.4. im ausverkauften Volkshaus Zürich seine neue Show «GröHaz - der grösste Hassias aller Zeiten» . Ob Somuncu wegen der Coronavirus-Beschränkungen auftreten kann, ist noch offen.

Serdar Somuncu, Sie sagten vor drei Jahren mal, Sie seien nicht sicher, ob Sie jemals auf die Bühne zurückkehren. Jetzt tun Sie es doch. Bands tun dies, wenn ihnen das Geld ausgeht. Wie war das bei Ihnen?

Serdar Somuncu: Wahrscheinlich genauso! (Lacht.) Ne, mit Geld hatte das nichts zu tun. Bei meinem letzten Programm gingen mir irgendwann die Geschichten aus. In der Zwischenzeit haben sich die Ereignisse in der Weltpolitik aber so überschlagen, dass ich wieder aus dem Vollen schöpfen kann.

Als Schweizer staunt man über die Unruhe, welche die AfD in Deutschland auslöst. Was machen Ihre Landsleute im Umgang mit dieser Partei falsch?

Die Schweizer haben mit Populisten mehr Geduld. In der Schweiz verdrängt man nicht, dass populistische Parteien Politik beeinflussen. In Deutschland werden die Inhalte der AfD per se verteufelt. Man setzt sich nicht damit auseinander, obwohl auch die AfD richtige Dinge sagen kann.

Ein Beispiel?

Nehmen wir die populistische Forderung von AfD-Politiker Stephan Brandner, der eine Impfpflicht für Migrantenkinder fordert. Nicht, weil er um das Wohl von Migrantenkindern besorgt wäre, sondern weil er unterscheidet zwischen Migrantenkindern und einheimischen Kindern. Man muss sehr genau hinhören, um die Argumentation der Populisten zu ziselieren. Das tun die Politiker anderer Parteien aber nicht.

Warum?

Weil dann in Deutschland sofort diese latente Angst im Raum steht, man stehe vor einer neuen Nazi-Machtergreifung. Wie absurd ist das! In Holland, der Schweiz oder Dänemark wird viel unverhohlener kokettiert mit nationalistischen Ansichten. Natürlich sollte man sensibilisiert sein. Aber nicht jede Straftat muss man gleich irgendeiner Ideologie zuordnen oder als Anfang einer Apokalypse deuten wie im Fall des Täters, der in Hanau mehrere Menschen in Sisha-Bars erschossen hat.

In der Schweiz haben sich populistische Parolen abgenutzt, die SVP hat Wähler verloren. Woran liegts?

Der Populismus kommt mir vor wie ein Sechsjähriger, der am Frühstückstisch von Kaka bis Pipi alle ihm bekannten Fäkalbegriffe rausschleudert, damit er von seinen Eltern eine Reaktion bekommt. Wenn ich mit populistischen Schweizer Politikern in Fernsehsendungen sitze, dann kokettierten die bewusst mit dem Unsagbaren. Man sagt Dinge, bei denen man weiss, dass sie anderen wehtun. Aber wenn man Dinge nur sagt um eine Reaktion zu bekommen, dann meint man oft gar nicht, was man sagt. Und da haben die Schweizer den Deutschen gegenüber etwas voraus: Sie erkennen das.

Warum kriegen die Deutschen das nicht hin?

Der Schweizer fühlt sich inflationär herausgefordert, eine Meinung zu bilden. Immer, wenn ich durch die Schweiz fahre, hängen irgendwo Wahlplakate. Es bleibt einem hier gar nichts übrig, als zu unterscheiden, wo es sich wirklich lohnt, eine Meinung zu haben.

Serdar Somuncus Auftritt am Arosafestival 2017:

«Die Schweizer sind, was sich die Deutschen nicht mehr trauen: gepflegt ausländerfeindlich»: Serdar Somuncus Auftritt am Arosa Humor-Festival aus dem Mitschnitt von TV24 in voller Länge.

«Die Schweizer sind, was sich die Deutschen nicht mehr trauen: gepflegt ausländerfeindlich»: Serdar Somuncus Auftritt am Arosa Humor-Festival aus dem Mitschnitt von TV24 in voller Länge.

Die CDU sucht nach einem neuen Vorsitzenden. Wer soll es werden?

Nicht aus einem persönlichen Anliegen heraus, aber für das politische Gleichgewicht in Deutschland würde ich mir wünschen, Friedrich Merz würde Kanzlerkandidat und CDU-Vorsitzender. Die CDU ist zu sehr in die Mitte gewandert. Sie hat der SPD Platz genommen und am rechten Rand zu viel Platz freigelassen. Die Lösung wird sein, dass das politische Koordinatensystem sich wieder eindeutiger gliedert.

2013 haben Sie mal gesagt, political correctness sei «versteckte Intoleranz». «Jede Minderheit» habe ein «Recht auf Diskriminierung.» Würden Sie das heute wiederholen?

Mehr denn je! Da hat sich die Aussage meines alten Programms von der Realität geradezu überholen lassen. Das, was ich meine Bühnenfigur damals sagen liess, war ursprünglich aus einem ganz anderen Gedanken heraus entstanden: Ich wollte kein Opfer sein, sondern mich als Täter angreifbar machen. Toleranz bedeutet für mich, zu beiden Seiten hin etwas auszuhalten – auch eine andere Meinung. Wenn Sie sehen, mit welcher Geschwindigkeit wir heute Debatten führen, mit welcher Aggression wir auf andere Meinungen reagieren, dann spricht das nicht dafür, dass wir toleranter geworden sind.

Zum Beispiel?

Bei der Klimadebatte! Wenn man kritisch ist gegenüber der Haltung der Gesellschaft, die jetzt entdeckt, dass es wichtig ist, das Klima zu schützen, obwohl sich das schon jahrzehntelang spürbar verändert, wird man automatisch zum Klimaleugner. Das ist keine Diskussionskultur, das ist Mittelalter.

Haben Sie eine Lösung?

Ich rede mit jedem, egal, aus welchem politischen Lager er kommt, weil es wichtig ist, dass man sich austauscht, um den anderen zu verstehen, wenn man sich selbst verständlich machen will. Dieses simple Prinzip habe ich auch angewendet, als Neo-Nazis meine Hitler-Satire-Abende stürmten.

Hat diese Aggression auch damit zu tun, dass wir als mehrstimmige Gesellschaft von diesem Wirrwarr an Meinungen überfordert sind, und uns mit Aggression schützen?

Je mehr Meinungen es gibt und je mehr Möglichkeiten, diese zu verbreiten, desto schwieriger ist es die Wahrheit eruierbar. Auch das Debattieren darüber wird komplexer. Leider nutzen wir die neuen Kommunikationswege des Internets nicht sinnvoll genug. Internetdebatten sind selten substanziell, sondern münden in Beschimpfungen, Oberflächlichkeiten und in Affekten.

Der Lärm beweist doch, dass unsere Demokratie funktioniert. Wären Sie bei stiller Eintracht nicht beunruhigter?

Meiner Meinung nach bräuchte es dennoch eine moralisch-ethische Kontrollinstanz aus der Mitte der Gesellschaft, die Regeln aufstellt, nach denen das Internet funktioniert. Schliesslich muss jeder Mensch, der Autofahren will, auch eine Fahrprüfung ablegen.

Übertreiben Sie da nicht etwas?

Ich glaube tatsächlich, dass wir die Qualität des realen Lebens wiederentdecken müssen. Das Internet ist in unser ganzes Leben eingedrungen. Vom Bücherkauf, über Freundschaftspflege, Stammtischgesprächen bis zum Sexualleben findet alles im Internet statt. Wenn man ein Buch berührt oder einen Menschen spürt im Gespräch, wird das Leben wieder menschlicher und berechenbarer. Wir sollten uns das wieder zurückholen.

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Autor

Julia Stephan

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