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Sie sang wie zehn Millionen Schweine: Jetzt kommt Florence Foster Jenkins ins Kino

Florence Foster Jenkins war die schlechteste Sängerin der Welt. Nun wird sie Kino-Star. Wieso?

Benno Tuchschmid
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Florence Foster Jenkins singt 1937 im Salon ihrer Wohnung in New York City für geladene Gäste. Margaret Bourke-White/Getty Images

Florence Foster Jenkins singt 1937 im Salon ihrer Wohnung in New York City für geladene Gäste. Margaret Bourke-White/Getty Images

The LIFE Picture Collection

Ihr Gesang klang «wie ein tobender Insasse einer Gummizelle», sie war die «Königin der Unmusikalischen», ihre Stimme «schwankte wie ein betrunkener Matrose in einem Sturm» und ihre Konzerte, ja, die waren «die kompletteste und absoluteste Form von Talentfreiheit, die in Manhattan je öffentlich gezeigt wurde». So und ähnlich klangen die Kritiker nach Auftritten von Florence Foster Jenkins. Der schlechtesten Sängerin aller Zeiten. Selbst für musikalische Laien war ihr komplettes Unvermögen unüberhörbar. Und deshalb diente Foster Jenkins zu ihren Lebzeiten als Boxsack für Kritiker.

Das ist die eine Geschichte von Foster Jenkins. Sie endet mit ihrem Tod 1944, nur ein Monat nach ihrem grossen Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall und einer weiteren gehörigen Tracht Prügel durch die Presse. Todesursache: Herzinfarkt. Ein Zusammenhang mit der vernichtenden Presse: nicht ausgeschlossen.

Die andere Geschichte kommt nun in die Kinos, es ist jene einer furchtlosen Heldin, die durch kompromisslose Leidenschaft unsterblich wurde. Gespielt von Meryl Streep, der grössten Schauspielerin unserer Zeit. Der Plot geht so: Wohlhabende Frau verfolgt, trotz schweren gesundheitlichen Problemen und noch schwereren musikalischen Defiziten, ihre Passion für den klassischen Gesang. Sie wird zu einem Ereignis und tritt sogar vor Tausenden tobenden Kriegsveteranen auf. «Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte», sagt Florence Foster Jenkins im Film, bevor sie stirbt. Es ist die Bettflaschen-warme Synopsis einer teilweise bitteren, aber letztlich doch ordentlich nachgezuckerten Hollywood-Geschichte. Der Satz steht aber auch tatsächlich auf Foster Jenkins’ Grabstein.

Der Reiz des Slapstick-Scheiterns

Der britische Bestseller-Autor Alexander McCall Smith ist Experte für musikalische Fehlleistungen. Er hat das «Really Terrible Orchestra» mitgegründet, ein Orchester von Laienmusikern, das sich selbst die Crème de la Crème der musikalisch Benachteiligten nennt. Er erklärt die Beliebtheit Foster Jenkins’ in der «New York Times» so: «Wir alle lieben das Slapstick-Versagen, speziell wenn es geschmackslos gekleidet und als grosse Kunst daherkommt.» Und tatsächlich: Mindestens so wenig stimmig wie Foster Jenkins’ Gesangkünste war ihre Bühnengarderobe. Doch es ist nicht einzig die Schadenfreude, die das Publikum zu Foster Jenkins hinzieht. Die Musikwissenschafterin Christiane Tewinkel arbeitet an der Universität der Künste Berlin an einem Forschungsprojekt zum Thema Fehler in der Musik. Sie sagt: «Hinter dem Gelächter über Florence Foster Jenkins verbirgt sich insgeheim auch Bewunderung. Sie glaubt an sich und die Musik. Das verdient Respekt.»

Florence Foster ist totale Imperfektion in einem Genre, das eigentlich keine Fehler kennt. Seit etwa 1800 werden die schriftlichen Anweisungen in der klassischen Musik laut Tewinkel für die Ausführenden immer präziser. Der Interpret werde schon fast zum Handlanger des Komponisten, man könne mitunter sogar von Gängelung sprechen. An diesem Zwang zur Perfektion könnten Musiker auch zerbrechen. «Florence Foster Jenkins setzt da, wenn auch unwillentlich, einen wohltuenden Kontrapunkt», sagt Tewinkel. Versagen als Freiheit.

Sieger der Herzen

Tatsächlich feiert die Gesellschaft Versager insbesondere in Disziplinen als Helden, in denen sonst nur Höchstleistung und Perfektion zum Erfolg führen. Skispringer Micheal «Eddie the Eagle» Edwards hüpfte an den Olympischen Spielen von Calgary 1988 zweimal auf den letzten Platz und trotzdem in die Herzen der Zuschauer. An den Goldmedaillengewinner Matti Nykänen erinnern sich dagegen nur noch Fachleute. Dasselbe gilt für das jamaikanische Bob-Team «Cool Runnings», das ebenfalls 1988 antrat und zu Sieger der Herzen wurde.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett bezeichnete Scheitern einst als das grosse Tabu unserer Gesellschaft. Florence Foster Jenkins zeigte mit ihrem Gesang, der sich laut einem Kritiker wie «zehn Millionen Schweine» anhörte, dass Scheitern auch gelingen kann. Die Tonträger von Florence Foster Jenkins sind jedenfalls heute noch erhältlich. Ihre Kritiker sind dagegen tot.

«Florence Foster Jenkins» von Stephen Frears, mit Meryl Streep und Hugh Grant läuft ab morgen in den Schweizer Kinos.

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