Königsfelden
Kein Grund für Lampenfieber: 100 Jugendliche proben für den grossen Auftritt

Über 100 Jugendliche üben zurzeit schnelle Schritte und flinke Finger. Im Juni ist das mit «Gib mir die Hand» auf der Bühne zu sehen.

Elisabeth Feller
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Rund 100 Jugendliche aus Badener Schulen sind am Projekt «Gib mir die Hand» beteiligt.

Rund 100 Jugendliche aus Badener Schulen sind am Projekt «Gib mir die Hand» beteiligt.

Alex Spichale

Einmal angenommen, ein Brötchen könnte sprechen und flehte die Käuferin so an: «Gib mir die Hand», um es aus der Tüte zu befreien? Zugegeben, das ist eine abenteuerliche Vermutung, doch Fantasie darf sein, wenn in Baden Gebäck in schwarz-blau-roten Tüten steckt. Diese fallen nicht bloss durch ihre Farben, sondern auch durch zwei einen Kreis formende Hände sowie die Worte «Gib mir die Hand» und «Tanz & Kunst Königsfelden» (T&KK) auf.

Ein Werbegag? Mehr. Das Badener Residenzzentrum tanz+ der interdisziplinären Tanzplattform T&KK spielt bewusst mit optischen Reizen. Es überrascht mit seinem «Winken» auf der Brötchentüte für das neue pädagogische Projekt «Gib mir die Hand». An dem Projekt sind über 100 Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren der Badener Schulen Tannegg und Ländli beteiligt.

Die Welt mit den Händen erforschen

Dass ein solches Mammutprojekt für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie professionelle Mitwirkende eine Heidenarbeit ist, weiss Brigitta Luisa Merki aus langjähriger Erfahrung. Bei ihr, der künstlerischen Gesamtleiterin, laufen die Fäden zusammen; sie behält die Übersicht über die seit Januar in Workshops der Sparten Tanz, Film und Bühnengestaltung erarbeiteten Teile, die sich an der Premiere am 9. Juni als staunenswertes Puzzle entpuppen werden.

Dieses Jahr sind auch Studierende der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) mit von der Partie an einem Stück, dessen Titel die täglich mit dem Kriegsgeschehen in der Ukraine konfrontierte Öffentlichkeit wohl mit anderen Augen liest. Nachdenklich betont Brigitta Luisa Merki:

«‹Gib mir die Hand› ist gerade heute im übertragenen Sinn wichtiger denn je.»

Dass Hände generell ein aussagekräftiges, nonverbales Kommunikationsmittel sind – wer wüsste es nicht? Hände erforschen Gegenstände oder – für sehbehinderte Menschen wichtig – auch das Gegenüber; etwa durch das Betasten des Gesichts. Hände spielen zudem für Gehörlose eine entscheidende Rolle. Wie sehr, haben die Jugendlichen erfahren, weil sie dank Yasemin Özedimir die Gebärdensprache erlernt haben, die sie nun beherrschen.

In eine Workshop lernten die Jugendlichen die Gebärdensprache.

In eine Workshop lernten die Jugendlichen die Gebärdensprache.

Alex Spichale

Hier lernen sie ihr neues «Hand-»Werk

Das sieht auch die Besucherin, als sie eine Probe im Oederlin-Areal besucht. Rund 22 Schülerinnen und Schüler haben sich an diesem Nachmittag eingefunden. Zu Beginn gibt es ein Warm-up mit Valentina Pedica, der Choreografin für zeitgenössischen Tanz. «Push, Push», fordert sie nun freundlich, aber bestimmt die Schar auf, die sich auf die Musik von Bálint Dobozi einlässt. Heftige Bewegungen wechseln mit gemässigteren ab; die Spannung schaukelt sich hoch, aber: «Die Luftsprünge müssen möglichst hoch sein», wirft Brigitta Luisa Merki ein. Ihrem strengen Blick entgeht nichts:

«Bitte noch einmal und das überzeugender – ich möchte euch das gerne glauben.»

Also formieren sich die Jugendlichen abermals, murmeln Worte und lassen dazu ihre Hände sprechen. Das sieht gut aus, denkt die Besucherin und findet sich akustisch unversehens im Hip-Hop-Teil, den Patrick Grigo einstudiert hat – eine lässige, aber anstrengende Sache. Deshalb: Pause.

Volle Begeisterung bei den Jugendlichen

Sofort wird das Sofa im Vorraum von Neva, Miro, Lory, Larissa, Elin, Julia, Anaïs, Ingrid und Johanna in Beschlag genommen. Die Elf- und Zwölfjährigen wollen erzählen: etwa von der Schreibwerkstatt, in der sie Wörter aus Zeitungen ausgeschnitten und zu kurzen poetischen Gedanken wie «Probier’s mit der Hand und mit dem Herzen» oder «Die Hand führt dich zur Freiheit» zusammengefügt haben. Man wird diesen optisch folgen können, wenn sie riesig vergrössert auf die Stirnseite der Klosterseite projiziert werden.

Mit viel Energie sind die Jugendlichen beim Hip-Hop dabei.

Mit viel Energie sind die Jugendlichen beim Hip-Hop dabei.

Alex Spichale

Lory haben das Bedrucken von Taschen mit Siebdruck und die Video-Installationen, die auf den Wänden und am Boden zu sehen sein werden, «am meisten Spass gemacht». Apropos: Hat er Lampenfieber? Lory schüttelt den Kopf: «Wieso denn?» Kollege Miro geniesst es, dass er in den Proben «einfach Vollgas geben kann». Ihn haben der Hip-Hop und das Basteln von Klanginstrumenten aus Holz begeistert, «aber», sagt er, «das Ganze ist manchmal etwas nervig, weil es so anstrengend ist». Ingrid pflichtet ihm bei, setzt dann hinzu: «Ich finde es toll, dass es zwei verschiedene Tanzstile gibt.» Für Johanna wiederum steht fest:

«Dieses Projekt wird man nie vergessen.»

Die neun nicken, denn sie sind sich einig: «Das ist eine coole Sache.»

Gib mir die Hand: 9. bis 14.6., Klosterkirche Königsfelden www.tanzundkunst.ch