Literatur

Sind die Deutschen jetzt verrückt? Hitler und Sarazin führen die Bestsellerliste an

Mit «Mein Kampf» und «Wunschdenken» steht schwere Kost an der Spitze der deutschen Bestsellerliste. Die Autoren: Adolf Hitler und Thilo Sarrazin. Was ist nur los mit den deutschen Leser?

Vielleicht gibt es ihn doch, den Geist der Geschichte, und wenn, dann hat er jüngst ein gehöriges Mass an Ironie bewiesen. Denn ausgerechnet in der Woche rund um den 20. April, also den Tag, an dem sich der Geburtstag des Menschheitsverbrechers Adolf Hitler jährt, wollte man beim Blick auf die deutsche «Spiegel»-Bestsellerliste seinen Augen kaum trauen: Auf Platz eins bei den Sachbüchern stand erstmals Hitlers «Mein Kampf»!

Anfang Januar war, herausgegeben vom Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ), eine opulente «kritische Edition» dieser autobiografischen Hetz- und Programmschrift erschienen – zwei Bände, fast 2000 Seiten dick, 5,4 Kilogramm schwer –, die auf unerwartet grosses Interesse stiess.

Die erste Auflage war jedenfalls schon bei Erscheinen vergriffen, die Zahl der Vorbestellungen bewegte sich im fünfstelligen Bereich, und erst jetzt, mit den Folgeauflagen, konnte die enorme Nachfrage befriedigt werden und das Buch an die Bestsellerspitze rücken. Aktuell sind 58 000 Exemplare verkauft, die vierte Auflage wird gerade gedruckt.

Beleg für einen Rechtsruck?

Doch für die Poleposition in den deutschen Verkaufscharts reichte selbst das nur für einen kurzen Moment. Schon eine Woche nach «Führergeburtstag» sicherte sich ein anderer Autor den Platz an der Sonne, und zwar einer, der dieses Gefühl, ganz oben zu sein, bereits gut kennt. Thilo Sarrazin, Ex-Finanzsenator, Ex-Bahn- und Ex-Bundesbankvorstand, hat ein neues Buch geschrieben.

«Wunschdenken» heisst es, und es handelt, wie der etwas sperrige Untertitel verrät, von «Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert». Dass eine neue Streitschrift des höchst umstrittenen ehemaligen Politikers (der noch immer der SPD angehört) sich in Zeiten von Flüchtlingskrise, Islamangst und Erfolgen der «Alternative für Deutschland» (AfD) zum Bestseller entwickeln würde, war zu erwarten. Den Erfolg seines Erstlings «Deutschland schafft sich ab» (2010) wird er aber kaum wiederholen können. Bis heute sind davon mehr als 1,5 Millionen Exemplare verkauft worden.

Sarrazin vor Hitler – angesichts dieser Bestsellerkonstellation drängt sich unweigerlich die Frage auf: Spinnen die Deutschen? Tatsächlich gibt kaum etwas unbarmherziger Aufschluss über die wahren Sehnsüchte und Nöte einer Nation als die Bücher, die in einem Land massenhaft verschlungen werden. Wobei die Belletristik eher für die geheimen Wünsche und Fantasien steht – Stichwort «Shades of Grey» –, während die meistverkauften Sachbücher meist von handfesteren Problemen und Interessen zeugen. Ist die aktuelle Bestsellerliste also ein Beleg für einen Rechtsruck im Land, ja gar für eine Wiederkehr der Vergangenheit?

Streit, aber auf zivilisierte Weise

Zunächst einmal zeigt das Phänomen, dass es sich die Deutschen bei der Lektüre nicht leicht machen. Sarrazins Buch hat immerhin fast 600 Seiten, bietet wie gewohnt viel Zahlenmaterial und ist alles andere als ein leicht verdauliches Pamphlet. Natürlich enthält es wieder die eine oder andere provokante These und grenzwertige Zuspitzung, aber dass es lediglich «Mehr Unsinn von Sarrazin» bietet, wie der «Spiegel» schreibt, kann man nicht behaupten.

Selbst die linksliberale «Süddeutsche Zeitung» bescheinigt dem Verfasser, er habe «etwas zu sagen». Überhaupt ist die öffentliche Reaktion – von den üblichen Verdächtigen einmal abgesehen – diesmal auffallend gelassen, all die Hysterie, die Sarrazin 2010 geradezu dämonisierte und eine sachliche Diskussion um seine Thesen kaum zuliess, fehlt völlig. Ja, es wird gestritten über dieses Buch, aber doch auf erstaunlich zivilisierte Weise, was in den letzten Monaten beim Thema Flüchtlinge oder AfD keineswegs selbstverständlich war.

Und auch «Mein Kampf» ist schwere Kost. Mehr als 3500 Anmerkungen, die die Herausgeber in mehrjähriger Arbeit akribisch erstellt haben, kreisen Hitlers Text förmlich ein und nehmen ihm jede noch so geringe Chance, Verführungskraft zu entfalten. Und so ist der grosse Erfolg dem IfZ auch keineswegs unangenehm, im Gegenteil: Ziel der Ausgabe war es ja gerade, mit dem Auslaufen des Urheberrechtsschutzes für dieses Werk möglichen anderen Neueditionen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Das scheint bislang gelungen, jedenfalls ist nicht bekannt, dass irgendein anderer Verlag es gewagt hätte, «Mein Kampf» neu auf den Markt zu bringen. Und wer sich durch die IfZ-Ausgabe durchgekämpft hat, ist anschliessend mit Sicherheit kein glühender Hitler-Verehrer, sondern jemand, der ziemlich gut über den Nationalsozialismus und seine Vorgeschichte Bescheid weiss.

Es wird wieder heiss diskutiert

Die Deutschen sind also alles andere als verrückt geworden. Vielmehr wird nach Jahren der geistigen Erlahmung wieder heiss diskutiert im Land, und dass das Interesse an der NS-Vergangenheit weiterhin gross ist, straft all diejenigen Lügen, die fortwährend vor einem «Schlussstrich» und «Geschichtsvergessenheit» warnen.

Und wen das noch nicht tröstet, der möge einen Blick auf die seit kurzem existierende Bestsellerliste für Paperbacks werfen. Dort wechseln sich auf den beiden ersten Plätzen ein Buch über die «Generation beziehungsunfähig» und das meistverkaufte Sachbuch des vergangenen Jahres ab: «Darm mit Charme». Zum Glück haben die Deutschen also auch noch ganz normale Probleme.

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