Skandal
Hat der Starphilosoph Michel Foucault Buben missbraucht?

Michel Foucault, Ikone der französischen Philosophie und der sexuellen Freiheit, wird mit 50-jähriger Verspätung pädophiler Untaten bezichtigt. Beweise gibt es nicht. Nur Indizien im Lebenswerk.

Stefan Brändle
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Der französische Philosoph Michel Foucault 1981 in einem Studio in Paris. (Archivbild)

Der französische Philosoph Michel Foucault 1981 in einem Studio in Paris. (Archivbild)

Keystone

Kommt jetzt die Wahrheit über den 1984 verstorbenen Autor von «Sexualität und Wahrheit» ans Licht? Laut einem Augenzeugen bestellte Michel Foucault in den Osterferien 1969 an seinem Wohnort in der tunesischen Stadt Sidi Bou Saïd acht- bis zehnjährige Kinder nachts in den lokalen Friedhof und verging sich auf den Gräbern an ihnen. Bei einem Besuch von Journalisten seien Kinder dem homosexuellen Philosophen nachgerannt und hätten gerufen: «Und ich? Nimm mich, nimm mich!» Foucault habe ihnen darauf Geld zugeworfen.

Der Augenzeuge ist nicht irgendwer, sondern Guy Sorman, ein liberaler – auch im ökonomischen Sinn – , in Paris bekannter Essayist. In Interviews erklärte er, die Szenen auf dem Friedhof natürlich nicht selber gesehen zu haben; doch habe er auf der fraglichen Journalistenreise selber gehört, wie sich Foucault mit den Knaben „um 22 Uhr am üblichen Ort“ verabredet habe.

Warum Sorman seine Beobachtungen in Sidi Bou Saïd erst jetzt bekanntmacht, begründet er mit der MeToo-Bewegung, die in Paris mit der herrschenden «Doppelmoral»aufräume. Etliche Pariser Starintellektuelle sind in letzter Zeit geoutet worden – der Politologe Olivier Duhamel etwa wegen Inzest oder der Schriftsteller Gabriel Matzneff wegen Sex mit Minderjährigen.

Und jetzt Michel Foucault, der Hardcore-Philosoph, der Grösste unter den seinen? Was er in Tunesien vollbracht habe, «hätte er in Frankreich nie zu tun gewagt,» befindet Sorman. Beweise für seine schweren Anschuldigungen hat der 77-jährige Essayist nicht vorzuweisen. Zwei Stimmen sprechen für ihr: Die Journalistin Chantal Charpentier, offenbar eine frühere Lebenspartnerin Sormans, berichtete, sie habe in Sidi Bou Saïd mitgekriegt, wie Foucault einen 18-jährigen Tunesier, der dem Philosophen Liebhaber verschaffte und ihm selber zu entlöhnten Sexdiensten war, vor anderen als «Hure» abkanzelte. Der wohl genauste, heute verstorbene Foucault-Biograph David Macey beschrieb, wie der Philosoph in Sidi Bou Saïd eines frühen Morgens mit Kindern erwischt worden sei.

Die Zeitschrift «Jeune Afrique» hat sich in dem - bei Parisern einst sehr beliebten - Künstlerdorf nördlich von Tunis umgehört. Belege oder gar Opfer hat sie nicht gefunden; Einwohner betonten nur Foucaults Vorliebe für «17-jährige Epheben». Sorman präzisierte darauf, er könne das – ziemlich entscheidende – Alter der misshandelten Burschen nicht anzugeben. Auch seine Daten sind nicht über jeden Zweifel erhaben. Der Foucault-Spezialist Philippe Chevallier behauptet nämlich, der Philosoph habe Sidi Bou Saïd schon 1968 verlassen, auch wenn nicht auszuschliessen sei, dass er 1969 für kurze Perioden an seinen früheren Wohnort zurückgekehrt sei.

In Paris werfen die Anschuldigungen weniger Wellen, als man erwarten würde. Das Vordenkerblatt Le Monde schweigt nicht als einziges zur Infragestellung des «Philosophenkönigs», wie ihn Sorman nennt. Das Medienportal «Arrêt sur images», das in Sachen Pädophilie sonst unerbittlich ist, tut die Foucault-Affäre als «Erregung rechter und ausländischer Medien» ab. Dabei stammt die fundierteste, wenn gleich unergiebige Nachrecherche von der deutschen «Zeit».

Imperialismus der Weissen nachgelebt

Angelsächsische Medien berichten seit der Initialzündung durch die «Sunday Times» mit einer gewissen Verlegenheit: Gerade für die derzeit Ton angebende «Woke»-Bewegung in den USA ist Foucault, früher Mitglied der maoistischen «Gauche prolétarienne», ein Pionier des «dekolonialen» Denkens. Sorman hebt den politischen Aspekt seiner Behauptungen selber hervor: Foucault, der Kritiker jedweder Machtstrukturen, der Kämpfer für die Entrechteten von Palästina bis in die französischen Kolonien - er habe mit dem Kauf tunesischer Knabenkörper selber dem «Imperialismus der Weissen» nachgelebt.

Falls die Behauptungen denn stimmen. Unbestreitbar ist nur eines: Foucault hatte sich 1977 mit anderen Intellektuellen in einer Petition für drei strafrechtlich verfolgte Pädophile sowie für straflosen Sex mit willigen Unter-15-Jährigen eingesetzt. Die heute nicht mehr denkbare Petition, die den Kinder ihr Einvernehmen überlässt, hatte etwas sehr Ambivalentes: Zu den Unterzeichnern gehörten unbelastete Namen wie Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir oder Jacques Derrida, aber zum Beispiel auch der nachmalige Kulturminister Jack Lang, dem schon verschiedentlich Teilnahme an Sexorgien mit Minderjährigen in Marokko vorgehalten wurden. Urheber der Petition war Matzneff, der in seinen Büchern detailreich vom Sex mit Kindern auf den Philippinen berichtete. Das Frappierende daran: Niemand in Paris fand etwas an diesen teils preisgekrönten Romanen.

Dass Foucault die Kindersex-Petition unterschrieb, war kein einmaliger Floh gegen die etablierte Ordnung: Es passte in einem gewissen Sinn zum Konzept seiner Tetralogie «Sexualität und Wahrheit». Der zweite Teil namens «Der Gebrauch der Lüste» (Deutsch bei Suhrkamp) beschreibt die Sexualität im antiken Griechenland und widmete sich dabei auch dem „Verhältnis zu Knaben“.

Von diesen Indizien allein auf die Pädophilie Foucaults zu schliessen, wäre ein gewagter Schritt. Denn Sormans Vorwürfe der Pädophilie und des Sextourismus lasten schwer und haben das Zeug, die ganze Foucault-Exegese zu überschatten. Das wird vor allem deutlich, wenn man mit anderen frankophonen Autoren vergleicht, die mediterran geprägt waren. Albert Camus, der aus Algerien stammende Literaturnobelpreisträger, feierte in «Hochzeit des Lichts» seinerseits die griechische Ästhetik und die gebräunten Knabenkörper bei ihrem Spiel im glitzernden Meer der nordafrikanischen Küste. Das war indessen ein sinnenfroher Ausdruck von Freiheit und Lebenslust, nicht von päderastischer oder gar pädophiler Domination durch den spendablen weissen Mann aus Paris. Konsterniert lernt die Nachwelt, dass das für Foucault womöglich das Gleiche war.