Ikone

Skandalautor Charles Bukowski: Dieses Jahr wäre er hundert Jahre geworden – und verhasster denn je

Man hasst ihn oder man liebt ihn: Kultautor Charles Bukowski in den 1980er-Jahren in Los Angeles. (Bild: Thomas Hepker/Keystone; Magnum (Los Angeles, 14. Juni 1986

Man hasst ihn oder man liebt ihn: Kultautor Charles Bukowski in den 1980er-Jahren in Los Angeles. (Bild: Thomas Hepker/Keystone; Magnum (Los Angeles, 14. Juni 1986

Die Wildsau der US-Literatur mutet den heutigen Lesern einiges zu – aber es lohnt sich, ihn nicht vorschnell aus dem Kanon zu löschen. Eine Annäherung.

Wie herzlich kann man das Jubiläum eines Mannes feiern, der sich selbst, und mit Recht, als «Dirty Old Man», als dreckigen alten Mann bezeichnet hatte? Der die Frauen unumwunden auf vielfältigste Weise als Sexobjekt dargestellt, der in Hunderten von Geschichten die Kopulations-Superkräfte seines Ich-Erzählers besungen und der unliebsame Personen und Gruppen mit wüstesten Beleidigungen eingedeckt hat? Der das Inkorrekte, Vulgäre, Gewalttätige, Dreckige zu seinem literarischen Programm machte und dabei auch keine Berührungsängste mit schwulenfeindlichen oder rassistischen Sentiments kannte?

Charles Bukowski (1920-94) ist seit seinem Aufstieg zum Starruhm in den 1970ern ein Kultautor: Man liebt ihn, oder man hasst ihn. In unserem gegenwärtigen polarisierten Klima scheint es mehr denn je zuvor, als müsste man sich entweder gänzlich gegen ihn stellen, ihn aus Gründen der moralischen Korrektheit für unlesbar erklären – oder ihn aber als trotzig-populistische Gallionsfigur der bedingungslosen Meinungs- und Kunstfreiheit zu feiern.

Differenzierung, nicht Verurteilung tut Not

Es wäre schade, wenn Bukowski in einer Säuberung im Zeichen des Schwarzweiss-Denkens entsorgt würde. Denn mit seinem Werk als Erzähler, Dichter und Kolumnist gehört er zu einer langen und immer länger werdenden Liste von Figuren der Vergangenheit, denen man heute am besten mit einem differenzierten Blick begegnet. Aristoteles' Theorie der Demokratie kann man würdigen, auch ohne den Ausschluss von Frauen und Sklaven gutzuheissen; und von Rudolf Steiners Menschenbild kann man sich inspirieren lassen, ohne deswegen seinen Antisemitismus herunterzuspielen.

In diesem Sinn und Geist hat sich auch Frank Schäfer dem Jubilar Bukowski zugewandt und arbeitet neben dem Schön-Dreckigen auch das Unschön-Dreckige heraus. Statt einer Biografie (die Bukowski ja in seinen autofiktionalen Romanen selbst mitliefert) oder einer systematischen Auslegung der teilweise repetitiven und ähnlich gestrickten Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Kolumnen, schreibt Schäfer ein ABC, das nicht nur Bukowskis Werke und wichtigste Anekdoten thematisiert, sondern sich seinem Gegenstand mit breitem Blickwinkel nähert.

So bekommt der «alte Drecksack», wie ihn Schäfer zuweilen zärtlich nennt, unter den Stichworten «Rassismus», «Homos» oder «Nazi» alles andere als einen Persilschein ausgestellt. Vor allem aber kommt das erstaunliche Phänomen von Bukowskis Erfolg und Kultstatus selbst in den Blick. Schäfer zeichnet insbesondere die Rolle seines deutschen Übersetzers und Herausgebers Carl Weissner für die breite Rezeption in Deutschland, dem Herkunftsland seiner Mutter, nach. Hier erzielte er weit höhere Auflagen als in den USA.

Schäfer verhehlt nicht, dass es beträchtliche Längen und Schwächen in Bukowskis Werk gibt, aber er lässt gelten, dass die ganze Packung an gewalttätigem, pornografischem, pathologischem Dreck, den er so deftig und verstörend beschreibt, schlicht dem entspricht, was er in seinem Leben beobachten musste. Bukowskis Schweinkram widerspiegelt den Schweinkram der Welt – den er ausgiebig am eigenen Leib erfahren hat. In der stark autobiografischen Erzählung seines eigenen Lebens, etwa in den Romanen «Post Office» oder «Ham on Rye» – als misshandelter Junge, als von schwerer Akne entstellter Teenager, als Malocher in Niedriglohnjobs, als Alkoholiker und so weiter – hatte er schliesslich zu seiner literarischen Form gefunden.

Ein Chronist der Kehrseite des American Dream

Dass Bukowski damit gleichsam zu einem schonungslosen Chronisten der düsteren Unterseite des American Dream wurde und implizit die kapitalistische Ausbeutung anprangerte, hätte ihn zu einer Ikone der Linken machen können. Für alle, die es sehen wollen, springt bei Bukowski die Sozialkritik ins Auge. Doch dafür, dass sich diese nicht allzu fest mit ihm identifizieren, sorgten seine unverhohlen konservativen und anti-elitären Ressentiments, die sich gegen alles und jeden richten konnten: Politiker, Aktivisten und Hippies ebenso wie Dichterkollegen, Verleger und vor allem Literaturwissenschaftler.

Sein Werk wird kaum je eine Leserin oder einen Leser finden, der sich darin nicht früher oder später selber als angepieselt erkennen muss. «Buk» wollte dies zweifellos. So bleibt am Ende vielleicht schlicht die lebenslange unbestechliche Eigenwilligkeit seines Lebens und Wirkens, die ihn vor allzu einhelliger Bewunderung und vor jeglicher Vereinnahmung bewahrte, die uns noch heute Respekt abnötigt.

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