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Hermanns zweites Album «K.O. Boomer»: Genussvoll verspielte Seitenhiebe in Richtung Wohlstandsgesellschaft

Die Luzerner Synthiepop-Band Hermann bringt morgen ihr zweites Album heraus. Das Werk weitet das Erfolgskonzept des Erstlings um komplexere Kompositionen aus.

Stefan Welzel
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Michael Zezzi, Jonathan Winkler und Hannes Herger (v.l.n.r.) bilden das Trio Hermann.

Michael Zezzi, Jonathan Winkler und Hannes Herger (v.l.n.r.) bilden das Trio Hermann.

Bild: PD

New-Wave-Synthiepop und Indie-Rock in Kombination mit Mundart – geht so was? Das ist einer der ersten Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, wenn man sich die Musik der Luzerner Band Hermann anhört. Und ja: Es ist gewöhnungsbedürftig. Doch je länger man sich diesem Konzept hingibt, desto mehr weicht die Skepsis der Erkenntnis: Klar, warum auch nicht!?

Die drei mitten in ihrem Leben stehenden Herren Jonathan Winkler (Gitarre, Gesang, Beats), Hannes Herger (Bass) – beide ehemalige «Flink»-Mitglieder - und Michael Zezzi (Synthesizer) schürfen auch mit ihrem zweiten Album «K.O. Boomer» genau diese Mischung zu Tage. Und vermengen ihren Sound mit einer Prise selbstironischer, süffisanter und bissiger Gesellschaftskritik, wie man sie von diesen gestandenen Männern in ihren 40ern und ihrem Indie-Hintergrund fast ein wenig erwartet.

«Hits für die Ü40-Disco»

Hermanns Erstling sorgte vor vier Jahren für viel positive Resonanz und kam bei Publikum wie Kritikern gut an. Mit dem Zweitwerk knüpft das Trio – Zezzi ersetzte in der Zwischenzeit Dani Hug – an das Erfolgsrezept an. Der Einstiegssong «Trampolin» zieht den Zuhörenden sofort hinein in diesen Kosmos aus minimalistisch treibendem Drumcomputer, dosiert eingesetzten Surf-Tex-Mex-Gitarrenspielereien und leichtfüssigem Synthiepop. Letzterer rückt den Hermann-Sound in Kombination mit Winklers unaufgeregter, sanfter Stimme zuweilen gefährlich nahe an seichteren Mainstream heran. Doch wenn die Beats in komplexe, vertracktere Kompositionen ausbrechen und hier an The Cure, dort sogar an Kraftwerk erinnern, ist man schnell wieder versöhnt.

Hermanns Video zu «Erschtwältproblem» auf Youtube.

Die Band selbst spricht dabei von «Hits für die Ü40-Disco». Das kann man so unterschreiben. Allerdings hätte man beim Tanzen im Club sehr wahrscheinlich nicht die Muse, den gelungenen Texten zu horchen. In Stücken wie «Erschtwältproblem» oder «Schöni neui Wält» arbeitet sich Winkler genüsslich an den Reibungspunkten einer Gesellschaft beziehungsweise von Gesellschaftsschichten ab, deren Sorgen einzig darin zu bestehen scheinen, dass der «Sushi-Kurier chli z spot chont» oder «di Zog drü Minute Verspötig hett». Es hat eben «vo allem gnueg» in der Welt der Hipster und Bobos. Doch Hermann gehe es eben auch um Menschen, die «etwas verloren wirken in der grossen, weiten Welt». Sich selbst haben die drei Luzerner dabei zumindest musikalisch nicht verloren. Die Band ist sich treu geblieben und hat ihren Sound sogar noch verfeinert und ausdifferenziert.

Hermann: K.O. Boomer, Innernorts Records, www.hrmnn.ch

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