US-Superstar

Sounds und pumpende Beats ab der Stange – so ist Lady Gagas neues Album «Chromatica»

US-Popstar Lady Gaga veröffentlicht ihr sechstes Studioalbum "Chromatica".

US-Popstar Lady Gaga veröffentlicht ihr sechstes Studioalbum "Chromatica".

Mit Tanz aus dem Lockdown. Der US-Superstar lanciert das Pop-Jahr mit «Chromatica».

Eigentlich hätte «Chromatica» schon am 10. April erscheinen sollen. Doch Corona hat Lady Gaga, wie so vielen anderen Künstlern, einen Strich durch die Rechnung gemacht. «Es fühlt sich für mich einfach nicht richtig an, dieses Album mitten in die globale Pandemie hinein zu veröffentlichen», liess sie der Welt damals mitteilen. Der Zeitpunkt ist jetzt umso besser gewählt. Jetzt, wo das Ende der Entbehrung und des Rückzugs absehbar ist und sich in der Bevölkerung langsam Optimismus breitmacht. Denn Gagas Botschaft ist ebenso einfach wie passend: «Ich will, dass die Menschen tanzen und glücklich sind, wenn sie diese Songs hören», sagte die 34-jährige Sängerin. Musik und Tanz seien die beste Stimulanz und das wirksamste Antidepressivum nach schwierigen Wochen. So ist «Chromatica» als Stimmungsheber der Stunde gedacht. Lady Gaga, die Prophetin des Glücks.

Dieser Plan dürfte aufgehen. Denn die sechzehn Tanzknaller sind nach den bewährten Mustern des Dancefloors gestrickt, wecken die Lebensgeister und verströmen Euphorie und Optimismus.

«Chromatica» musikalisch enttäuschend

Die Aufmerksamkeit ist Lady Gaga gewiss. Denn «Chromatica» ist nicht nur die erste grosse Albumveröffentlichung eines internationalen Superstars nach dem Lockdown, sondern überhaupt in diesem Jahr. Dementsprechend wird das Album die internationalen Charts stürmen. Doch musikalisch ist «Chromatica» eine glatte Enttäuschung.

© Brandon Bowen

Zuletzt hatte Lady Gaga ihr musikalisches Spektrum erweitert. Souverän bestand sie den Test in jazzigen Gefilden an der Seite von Sänger Tony Bennett. Und mit dem Grosserfolg im Film «A Star Is Born» an der Seite von Bradley Cooper sowie der Über-Ballade «Shallow» war sie ganz oben angekommen. Lady Gaga bewies, dass sie nicht nur das Schrille kann. Sie wurde zu einer Lady mit Stil und machte deutlich, dass ihre Karriere langfristig angelegt ist.

Doch auf «Chromatica» besinnt sie sich auf ihre Anfänge und macht wieder synthetischen Plastik-Pop. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Denn die besten Songs aus jener Zeit waren immer auch originell und hoben sich wohltuend vom Durchschnitts-Pop-Einerlei ab. Hört man sich durch «Chromatica» hat man aber das Gefühl, alles schon mal gehört zu haben. Lady Gaga rezykliert sich selbst. Im Unterschied zu damals gelingt ihr kein wirklich einprägsamer Song. Keiner der Tracks hat das Potenzial von Monsterhits wie «Poker Face», «Bad Romance» oder «Born This Way». Da hilft auch die Unterstützung von Gaststars wie Elton John und Ariane Grande nichts.

Beats und Sound ab der Stange

Auf dem Planeten Gaga ist musikalisch vieles möglich. Und auch der Rückgriff auf ihre Wurzeln ist legitim. Unverzeihlich ist aber, dass Lady Gaga auf «Chromatica» gar nicht erst versucht, originell zu sein. Stattdessen setzt sie auf Sounds und pumpende Beats ab der Stange. Auf fabrikmässig vorproduzierte Konfektionsware aus dem Computer, die seit den 1990er-Jahren in den Tanzclubs verwendet wird. Mit den sattsam bekannten Trommelwirbeln vor dem Refrain wird künstlich eine Stimmung aufgebaut, die musikalisch auf «Chromatica» nicht vorhanden ist. Das Sound- und Beat-Inferno entlädt sich explosionsartig, aber es bleibt nichts hängen. Es bleibt der Effekt, der Schein. Das wird auf der Tanzfläche funktionieren, beim Musikhören verströmt das Album aber nur Gleichförmigkeit, Eintönigkeit und Langeweile. Die Lady macht Gaga.

© Brandon Bowen
© CH Media

Von einem Superstar mit dem Anspruch einer Lady Gaga kann man erwarten, dass sie sich weiterentwickelt. Diesem Drang hat es zum Beispiel eine Madonna zu verdanken, dass sie sich so lange an der Spitze halten konnte. Lady Gaga hat zweifellos das Potenzial, doch ist bei ihr der Drang zur Neuerfindung offenbar ins Stocken geraten.

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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