Kinogeschichte
Spiels noch mal, Ingrid!

Die legendäre Leinwanddiva Ingrid Bergman würde am Samstag 100 Jahre alt. Ihr Satz "Ich sehe dir in die Augen, Kleines" ist weltbekannt. Was machte die schwedische Leinwand-Diwa aus?

Sabine Göttel und Olaf Neumann
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Ingrid Bergmans internationaler Durchbruch: «Casablanca» mit Paul Henreid (als Victor Laszlo) und Humphrey Bogart (als Rick Blainer).Turner Entertainment Co./HO

Ingrid Bergmans internationaler Durchbruch: «Casablanca» mit Paul Henreid (als Victor Laszlo) und Humphrey Bogart (als Rick Blainer).Turner Entertainment Co./HO

Dieser Satz wurde zum Mythos: «Ich seh dir in die Augen, Kleines.» Tausendfach zitiert und verfremdet, in Literatur und Werbung eingesetzt, steht er für die verklärte Liebe zwischen Rick Blaine (alias Humphrey Bogart) und Ilsa Lund (alias Ingrid Bergman). Ein tränenreicher Abschied auf dem Rollfeld von Casablanca inklusive.

Mit dem Hollywood-Liebesdrama «Casablanca» aus dem Jahr 1942 gelang Ingrid Bergman der Durchbruch im internationalen Filmgeschäft. Dies nachdem sie bereits in ihrem Heimatland Schweden und in ihrer Wahlheimat USA die Herzen der Kinobesucher erobert hatte. Heute ist «die Bergman» legendär und rangiert auf dem vierten Platz der Top 25 der grössten weiblichen Filmstars des 20. Jahrhunderts.

Mutter und Schauspielerin

Ingrid Bergman wurde am 29. August 1915 in Stockholm geboren. Ihre Mutter Friedel stammte aus Hamburg. Doch sie stirbt, als Ingrid drei Jahre alt ist. Vater Justus Samuel Bergman, ein Fotograf und Maler, fördert das schauspielerische Talent seiner Tochter. Doch auch er stirbt früh, sodass die Dreizehnjährige bei Onkel und Tante unterkommt. Ingrid sucht nach einer Möglichkeit, das Erlebte zu verarbeiten und will unbedingt Schauspielerin werden. «Ohne den frühen Tod meiner Eltern wäre ich vielleicht nie Schauspielerin geworden», sagte sie später.

Die ehrgeizige Aktrice ist 22 Jahre alt, als sie den Zahnarzt Petter Lindström heiratet; ein Jahr darauf ist sie Mutter einer Tochter. Trotz Familie behält sie ihre Filmkarriere weiter fest im Blick. Mit Erfolg: Der amerikanische Starproduzent David O. Selznick («Vom Winde verweht») holt sie 1939 samt Ehemann und Tochter nach Hollywood. Mit 24 Jahren scheint Ingrid Bergman am Ziel ihrer Wünsche zu sein. Doch der Start in der Traumfabrik ist alles andere als einfach: «Sie hat eine viel zu grosse Nase, schiefe Zähne und unmögliche Augenbrauen», kritisiert Selznick zu Beginn. Es sollte jedoch nicht lange dauern, bis die Schwedin in den USA beweist, dass sie mehr zu bieten hat als nur äussere Reize.

Laszive Rollen wegen Hitchcock

Mit dem amerikanischen Remake ihres schwedischen Erfolgsfilms «Intermezzo» wird sie in ihrer neuen Heimat begeistert aufgenommen. Es sind ihr Talent, ihre Natürlichkeit und ungekünstelte Spielweise, die die Kinogänger begeistern. Ihre Schönheit und Anmut strahlen aber auch über die Leinwand hinaus: Als treue Ehefrau und fürsorgliche Mutter wird sie zum Role Model der jungen Amerikanerinnen. Nach «Casablanca» folgen weitere anspruchsvolle Kassenschlager, darunter «Juninacht» (1940) und «Das Haus der Lady Alquist» (1944). Für diesen Film erhält Ingrid Bergman schliesslich ihren ersten Oscar. Dann beginnt die Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock. Da sie beruflich und privat als eine Art Johanna von Orléans gilt, die sie 1948 übrigens auch im Film darstellt, verzeiht ihr das amerikanische Publikum auch die lasziveren Rollen in den Hitchcock-Produktionen.

Doch 1949 kommt es zum Skandal. Bei den Dreharbeiten zu «Stromboli», einem Film über Intoleranz und Borniertheit, lernt Ingrid Bergman den italienischen Regisseur Roberto Rossellini kennen und lieben. Für diese Liebe verlässt sie Mann und Kind und zieht mit dem ebenfalls noch verheirateten Rossellini nach Rom. Das ist dann aber doch zu viel für das prüde und moralisch angeblich integre amerikanische Publikum. So sehr galt die Schauspielerin als bürgerliche Vorzeigefrau und Botschafterin des sauberen amerikanischen Kinos in der Welt, dass der «Fall Bergman» sogar das amerikanische Parlament beschäftigt.

Verschmäht und wieder versöhnt

Am 14. März 1950 schmäht Senator Edwin C. Johnson im US-Senat den Film «Stromboli» und das Paar Bergman/Rossellini öffentlich: «Mr. President, selbst in unserem modernen Zeitalter der Überraschungen ist es empörend, dass unsere populärste Hollywood-Kino-Königin – die allerdings schwanger ist, Folge einer sittenwidrigen Affäre – dass die also die Rolle einer billigen Schmarotzerin spielt, um einem albernen Film Würze zu geben ... Aus ihrer Asche möge ein besseres Hollywood erwachsen.»

1950 heiraten Ingrid Bergman und Roberto Rossellini. Die ehemals verehrte Diva bekommt jetzt den Hass der Amerikaner zu spüren: Man boykottiert die Filme der «Ehebrecherin». Auch die sieben Streifen, die Bergman und Rossellini gemeinsam drehen, werden Flops. Ingrid Bergman sitzt im goldenen Käfig: Weil Rossellini ihr aus Eifersucht verbietet, Filme mit anderen Regisseuren zu machen, ist sie in den nächsten Jahren nur noch Mutter und kümmert sich um die drei Kinder Isabella, Isotta und Robertino. Doch 1956 wagt sie einen befreienden Neuanfang und spielt in Anatol Litvaks Hollywoodproduktion «Anastasia» die Titelrolle. Amerika hat sich inzwischen mit der verlorenen Tochter ausgesöhnt; und feiert die Heimgekehrte 1957 mit einem weiteren Oscar. Im Jahr darauf lässt sich Ingrid Bergman dann auch von Roberto Rossellini scheiden.

Ihre dritte Ehe mit dem schwedischen Filmproduzenten Lars Schmidt wird 1970 nach 13 Ehejahren ebenfalls geschieden. Auch diesen Schicksalsschlag meistert die Schauspielerin mit Verve. Ihr Motto: «Glück bedeutet eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis.» 1974 erhält sie ihren dritten Oscar für die beste Nebenrolle in Sidney Lumets Agatha-Christie-Version von «Mord im Orient-Express». Danach – und mit einer Krebsdiagnose – zieht sich Ingrid Bergman aus der Öffentlichkeit zurück. Rückblickend bekennt sie: «Ich glaube, mein Leben war wundervoll. Ich habe getan, wozu ich Lust hatte. Mir wurde Mut geschenkt und Abenteuergeist, und das hat mich getragen. Es war ein sehr reiches Leben.» Ingrid Bergman stirbt am 29. August 1982 in London. Es ist ihr 67. Geburtstag.

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