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Spike Lees neuer Film erwischt das perfekte Timing und zeigt: So war der Vietnamkrieg für Schwarze

Vier Schwarze, ehemalige GIs, auf der Suche nach dem verlorenen Schatz und sich selbst.

Vier Schwarze, ehemalige GIs, auf der Suche nach dem verlorenen Schatz und sich selbst.

In US-Kriegsfilmen spielen meist Weisse die leidenden Soldaten. Und das trotz Übervertretung der Schwarzen, gemessen an der Bevölkerung. Diese Unsichtbarkeit ändert nun Spike Lee mit «Da 5 Bloods». Warum das wichtig ist und wer den Film sehen soll.

«Apocalypse Now», «Full Metal Jacket» oder «Platoon»: Kaum ein Konflikt fand mehr Beachtung im Film als der Vietnamkrieg. Im Krieg und danach starben und litten sehr viele Schwarze. Ihnen ist «Da 5 Bloods» gewidmet. Was es damit auf sich hat:

Worum es geht und warum der geheimnisvolle Titel

Paul, Otis, Eddie und Melvin treffen sich in Vietnam wieder. Jahrzehnte, nachdem sie im Dschungel kämpften. Damals waren sie zu fünft, daher der Titel. Untereinander sprachen sich viele schwarze US-Soldaten mit «Blood» an. Ihre kollektive Herkunft aus einem Land, in dem Schwarze diskriminiert wurden und noch immer werden, schuf eine Art Brüderschaft.

Der militärische und geistige Führer unserer vier Bloods war Norman, ein Mann, der Figur eines Martin Luther King nachempfunden. Er schaffte unter seinen Mitstreitern ein Bewusstsein für das Unrecht, das den Schwarzen in den USA widerfährt, und machte aus ihnen Anhänger der Bürgerrechtsbewegung.

In einer folgenschweren Mission sollten sie aus einem abgeschossenen US-Flugzeug eine Kiste voller Goldbarren bergen. Doch unsere fünf GI gerieten in einen Hinterhalt und ihr Anführer Norman kam dabei ums Leben. Um sich selbst zu retten, beschlossen die Übriggebliebenen, die Kiste zu vergraben. Nun, in der Gegenwart, machen sich die vier Kriegsveteranen auf die Suche nach dem Schatz.

Black-Lives-Matter-Proteste und der Film - ein Zufall?

«Es ist das perfekte Timing», sagte Spike Lee in Interviews. Dass «Da 5 Bloods» jetzt auf Netflix zu sehen ist, mitten in den Protesten und Diskussionen in den USA um Polizeigewalt an Schwarzen, Rassismus und die Stellung der Afroamerikaner, ist für Netflix und Spike Lee ein Glücksfall. Der Film wirbelt die Hitlist von Netflix bereits kräftig durcheinander und liegt sogar in der Schweiz bereits auf Rang 3.

Warum eine andere Sicht so wichtig ist

Nicht ein Marlon Brando als Colonel Kurtz verliert den Verstand («Apocalypse Now»), sondern der von einer posttraumatischen Belastungsstörung (Kriegstrauma) geplagte Paul (gespielt von Delroy Lindo).

In «Da 5 Bloods» vermischen sich die Kriegstraumata: Im Vietnamkrieg paarte sich die Erfahrung des Tötens und die, beinahe getötet zu werden, mit dem zurückhaltenden Empfang zu Hause unter dem Eindruck der Vietnamproteste. Besonders betroffen waren schwarze GI. Sie litten nicht nur häufiger an psychischen Folgeschäden, sondern hatten für ein System gekämpft, das sie selbst diskriminierte und bis heute ­diskriminiert, wie die aktuelle ­Diskussion um Rassismus ­eindrücklich zeigt.

Wer ihn sich anschauen soll

Wer gealterten und versehrten Kriegsveteranen dabei zusehen möchte, wie sie sich erneut durch den Dschungel schleppen, dabei auf schiesswütige Ex-Vietcongs und andere Gefahren stossen, der wird am Film besonders Freude haben. «Da 5 Bloods» ist eine Mischung aus Antikriegsfilm, Satire und abenteuerlicher Schatzsuche.

Wer soll es besser sein lassen?

Wie in jedem Vietnamfilm spritzt bei «Da 5 Bloods» das Blut, Gliedmassen werden abgetrennt und wem das alles noch nicht reicht, für den ist möglicherweise beim obligaten Giftschlangenangriff Schluss.

Wer die Kritik am Umgang mit dunkelhäutigen Kriegsveteranen expliziter aufs Auge gedrückt wünscht, der tut sich mit «Da 5 Bloods» möglicherweise schwer. Die Gesellschaftskritik muss man herausfiltern, da Spike Lee die Geschichte nicht geradlinig erzählt.

Wie gut der Film ist

Stellenweise ist der Film etwas langfädig. Ein Umstand, der es dem Streamingzuschauer nicht vereinfacht, «Da 5 Bloods» in einem Riemen zu schauen. Und das ist schade, denn – typisch Spike Lee – beginnt der Film mit Dias und Sequenzen aus dem Vietnamkrieg. Flüchtende Kinder, Napalmfeuerstürme im Dschungel, Proteste in den USA, die Zuschauer sind eigentlich sofort mittendrin.

«Da 5 Bloods» wurde speziell für den Bildschirm zu Hause konzipiert. Die Gegenwart mit der abenteuerlichen Schatzsuche der vier Überlebenden wird schirmfüllend gezeigt, während bei den Rückblenden das Format auf 4:3 zusammenschrumpft.

Gut ist auch, die Schauspieler kommen in den Rückblenden ohne digitale Verjüngungskur zurecht. Das wirkt authentischer, als wenn ein Mittsiebziger (wie Robert De Niro in «The Irishman») aussieht wie ein 40-Jähriger, sich aber halt doch bewegt wie ein älterer Mann.

Hier geht's zum Trailer:

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