Kultur

Spot an! Ton ab! So legt die Kultur wieder los – erklärt nach 5 Sparten

Im Kino mit zwei Meter Abstand oder Trennwenden?

Im Kino mit zwei Meter Abstand oder Trennwenden?

Ab dem 6. Juni dürfen Kinos wieder öffnen. Noch sind aber viele Fragen zu den Schutzmassnahmen offen. Marisa Suppiger, Leitung Kino Kosmos in Zürich, gibt Auskunft.

Kino, Theater und Konzerte und alle anderen kulturellen Veranstaltungen sind ab 6. Juni wieder möglich. Maximal 300 Leute dürfen im Publikum sitzen – mit Abstand und sauberen Händen. Doch mit wie viel Abstand? Schwierigste Bedingung: Alle Besucherinnen und Besucher müssen erfasst sein.

1. So läufts im Kino

Das Bild wird sich da und dort ändern. Volle Kinosäle gibt es aber noch nicht.

Das Bild wird sich da und dort ändern. Volle Kinosäle gibt es aber noch nicht.

Wem das Streaming zu Hause aufs Gemüt schlägt, der kann sich nun freuen. Zwar warten noch keine Blockbuster auf die Filmfans, doch ab dem 6. Juni dürfen die Kinos ihre Säle wieder für bis zu 300 Besucher öffnen. Die Kinos müssen beim Auffinden potenziell mit dem Coronavirus infizierter Menschen mitmachen, dem Contact Tracing. Sie sollen die Kontaktdaten der Besucher inklusive Telefonnummern registrieren. «Die Veranstalter müssen eine entsprechende Liste führen und während 14 Tagen aufbewahren», schreibt der Bund.

Ausserhalb der Kinosäle, im ­Foyer oder vor den Kassen etwa, gilt zudem die Zwei-Meter-Distanzregel, in den Sitzreihen bleibt zwischen den Besuchern jeweils ein Sessel leer. Ausgenommen sind Familien, Paare und andere in demselben Haushalt lebende Personen. Sie dürfen nebeneinander sitzen.

Unklar ist, welche Kinos tatsächlich gleich am 6. Juni, einem Samstag, mit Vorführungen beginnen. Traditionellerweise laufen neue Filme donnerstags an. Die Kinokette Pathé etwa will bis am 11. Juni zuwarten.

Unklar bleibt auch, welche Filme zu Beginn gezeigt werden. Pathé weicht auf Retrospektiven aus, da die Blockbuster noch auf sich warten lassen. So soll es möglich sein, Alfred Hitchcocks «Die Vögel» nun auf Grossleinwand zu sehen. Dank neuester Technologie in nie erlebter Bild- und Soundqualität, wie Pathé verspricht.

Etwas klarer sehen nun auch die Veranstalter der Open Air-Kinos. Auch hier gilt: Bis zu 300 Besucher dürfen sich einen Film unter freiem Himmel ansehen. Entscheidend ist die Einhaltung der Distanz- und Hygieneregeln. Für die Organisatoren der grössten Open Air-Kinos in der Schweiz, die Allianz-Cinemas, sind die Eintrittsbeschränkungen zu einschneidend. Deshalb haben sie umgesattelt auf Autokinos in 20 Schweizer Städten. Auch dort liegt die Besucherobergrenze bei 300 Personen.

2. So geht die Musik ab

Keine Gedränge vor der Bühne, sondern personalisierte, nummerierte Bestuhlung für Pop-Konzerte? Hier Black Sea Dahu.

Keine Gedränge vor der Bühne, sondern personalisierte, nummerierte Bestuhlung für Pop-Konzerte? Hier Black Sea Dahu.

Das Verbot der Grossveranstaltungen bis Ende August wurde bestätigt, die gelockerte Regelung ab 6. Juni macht es aber möglich, kleine und mittelgrosse Konzerte durchzuführen. Und wer weiss: Wenn die Ansteckungszahlen tief bleiben, werden ab 24. Juni vielleicht sogar Konzertveranstaltungen bis 1000 Leuten möglich sein.

Wie auch immer: Der Konzert- und Festivalsommer 2020 wird anders, aber er ist machbar. Wie jede Branche muss auch die Konzert- und Musikfestivalbranche Schutzkonzepte vorlegen. Die Hygienevorschriften müssen wie der Abstand eingehalten bleiben. Dazu sollte das Contact-Tracing, die Rückverfolgbarkeit, gewährleistet sein. Das heisst: Konzerte erfordern personalisierte, nummerierte Bestuhlungen oder zumindest Listen der Konzertbesucher.

In Klassik und Jazz ist das kein Problem. Wichtiger ist, wie gross die Abstände sein müssen. Sind die berüchtigten zwei Meter nach wie vor die Norm? Dürfen es auch anderthalb oder sogar nur ein Meter sein? Gibt es Abweichungen bei Konzerten im Freien? Denn gemäss dem ETH-Epidemiologen Marcel Salathé ist die 2-Meter-Abstandsregel im Freien nicht nötig.

Diese Abstandsregeln sind entscheidend bei der Frage, wie rentabel ein Konzert durchgeführt werden kann. Denn der Abstand definiert, wie viel Zuhörerinnen und Zuhörer ins Konzert gelassen werden können und wie viel Geld eingenommen wird.

Schwierig bleibt es für die sommerlichen Open Airs. Noch gibt es eine Reihe von kleinen Open Airs, die noch nicht abgesagt wurden. Genügen Besucher -Listen? Sind fixe, nummerierte Stuhlreihen vor der Bühne eine Option? Oder widerspricht das der Flower-Power-Idee?

Trotz der positiven Botschaft bleiben also noch einige Fragezeichen. Generell im Vorteil wird aber sein, wer flexibel und schnell reagieren kann, offen ist für neue und alternative Konzertformen, und wer den Willen hat, seinen Musiksommer zu retten.

3. Vorhang auf im Theater

Theater ist als Live-Erlebnis: bald wieder möglich.

Theater ist als Live-Erlebnis: bald wieder möglich.

Vorhang zu und ab in die Sommerpause? Nicht im Corona-­Jahr. Ausgerechnet zum Ende der Saison, die wegen der Pandemie schon gelaufen schien, lässt der Bundesrat ab dem 6. Juni Vorstellungen mit 300 Zuschauern wieder zu – mit Abstandsregeln und Contact-Tracing. Kaum ein Theater will sich da sang- und klanglos in den Sommer verabschieden.

Am Theater St. Gallen setzt man mit kleinen Formaten vor dem Sommer nochmals ein Zeichen. Am Schauspielhaus Zürich plant man für den Juni nach dem Vorbild von Museen begehbare Theaterinstallationen, um das Vertrauen der Zuschauer behutsam wiederzugewinnen. Als Saisonabschluss sind zwei Vorstellungen des Corona-Passionsspiels von Co-Intendant Nicolas Stemann in der Schiffbau-Halle geplant.

Als Open-Air-Variante zeigt der junge Regisseur Timon Jansen am Theater Basel Wolfgang Borcherts «Draussen vor der Tür» (Premiere: 9. Juni). Am Konzert Theater Bern läuft ab dem 10. Juni ein Alternativspielplan, der täglich auf der Stadttheaterbühne je eine Produktion zeigen wird. Am Theater Orchester Biel Solothurn erwägt man neben kleineren Formaten die Durchführung eines Sinfoniekonzerts.

Das Luzerner Theater will ebenfalls mit einem Ersatzspielplan das Saisonende beschliessen. Nicht einmal für alle Freilichttheater ist der Sommer gelaufen: Die Freilichtspiele Moosegg (3. 7.–15. 8.) haben als Plan B spontan eine Woody-Allen-Komödie angekündigt. Das Zürcher Theaterspektakel soll ebenfalls, in alternativer Form, vom 13. 8. bis 30. 8. stattfinden.

Sollte der Bundesrat am 24. Juni bei Veranstaltungen bis zu 1000 Zuschauern weitere Lockerungen beschliessen, stände einem regulären Saisonstart im September kaum mehr etwas im Weg. Kleine Theater werden darauf angewiesen sein, dass die kantonalen Stellen, die für Umsetzung und Kontrolle der Abstandsregeln zuständig sind, Augenmass walten lassen. Ansonsten rentieren die Vorstellungen nicht.

4. Literatur und Sommerpause

Sind Bibliotheken genug gross für Lesungen? Etwa für Tim Krohn?

Sind Bibliotheken genug gross für Lesungen? Etwa für Tim Krohn?

Lesereisen wird es wohl erst im September wieder geben. Die Literaturhäuser machen bald Sommerpause. Einige wie jenes in Lenzburg haben die Saison bereits abgehakt. Das Zürcher Literaturhaus will im Juni ein paar Veranstaltungen anbieten.

Aber zwei Meter Abstand sind in den wenigsten Buchhandlungen und Bibliotheken einzuhalten. Und Open-Air-Lesungen haben sich nur an aussergewöhnlichen Orten etabliert. Zum Beispiel in Leukerbad – nur wurde das jeweils im Juni durchgeführte Festival abgesagt.

Verlage und Veranstalter müssten also ziemlich kreativ sein und keine zusätzlichen Kosten scheuen, um Literatur bereits ab dem 6. Juni mit Livepublikum zu präsentieren. Für Schriftstellerinnen und Schriftsteller dauert die Durststrecke also wohl noch ein bisschen länger. Die Lockerung kurz vor der Sommerpause nützt ihnen wenig. «Bitte beachten Sie den neuen Erscheinungstermin!» Solche E-Mails bekommt man seit März fast jeden Tag. Einige Verlage haben rasch reagiert, denn Bücher ohne Vernissagen und Lesereisen sind ein Hochrisikoprojekt. Also kommen etliche Frühlingstitel erst im Juli, August oder September auf den Markt.

5. Die Kunst kanns schon

Kunsthaus Zürich: Sammlung; Monet; Impressionismus; Besucher

Kunsthaus Zürich: Sammlung; Monet; Impressionismus; Besucher

Die Museen haben in den letzten zwei Wochen gezeigt: Offen sein geht. Noch war das Publikum vorsichtig. Zu Abweisungen und Staus kam es nicht. «Einzig in der Sonderausstellung ‹Picasso, Chagall, Jawlensky› kann es vereinzelt zu leichten Engpässen kommen», sagt man im Kunstmuseum Basel. Und aus dem Kunsthaus Zürich heisst es: «So viel Platz und meditative Ruhe gibt es selten.»

Auch in Bern, Winterthur und Aarau ist man unter den üblichen Eintrittszahlen und unter der Corona-Limite von 1 Besucher/10 Quadratmeter. In Luzern fehlt das ausländische Publikum (rund 1/3). Online-Reservationen sind einzig in der Fondation Beyeler aktiviert und empfohlen, ausgebucht ist das Haus nicht.

Die Besucherzahlen steigen langsam und ab 6. Juni dürfen Führungen (für mehr als 5 Leute), Workshops und Künstlerinnengespräche stattfinden, selbst Vernissagen werden – allerdings mit strengeren Regeln (Kenntnis der Personalien) – mit bis zu 300 Menschen möglich sein.

Das gilt auch für Galerien und Auktionshäuser. Sie werden aufatmen, verzeichnen sie doch trotz Online-Bemühungen grosse, teilweise existenzbedrohende Einbussen.

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