Sprachliche Marotten
Der infantile «Piks» ersetzt die neutrale «Impfung»: Babysprache wird zur Umgangssprache

In den Schlagzeilen lesen wir immer häufiger vom «Piks» statt von der «Impfung». Das ist sprachlich seltsam, und manchmal sogar inhaltlich falsch.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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Wegen der Pandemie wird Kleinkindersprache zu Umgangssprache.

Wegen der Pandemie wird Kleinkindersprache zu Umgangssprache.

Bild: Keystone

Wir alle wissen, dass eine Impfung eine ernste Sache ist. Es gibt Leute, die sich impfen lassen, und es gibt Leute, die sich nicht impfen lassen, und dazwischen gibt es nichts.

Betrachten wir das Wort Impfung nur für sich, ist es ein eher unauffälliges Wort. Eine Impfung hat zwei Silben und sieben Buchstaben, ist also weder besonders lang noch besonders kurz. Impfung ist leicht zu schreiben und einfach auszusprechen. Wir könnten demnach annehmen, dass es jenseits der gegenwärtigen Debatten ein vollkommen durchschnittliches Wort ist.

Aber irgendetwas muss am Wort «Impfung» dran sein, dass es besonders den Journalistinnen und Journalisten unglaublich schwerfällt, es zu verwenden. Ständig ist in der gedruckten Presse von der Impfung die Rede, aber selten wird das Wort tatsächlich gebraucht. Stattdessen lesen wir praktisch nur noch vom Piks: «Die Angst vor dem Piks nehmen» («Bieler Tagblatt»), «Grosse Worte um den kleinen Piks» («WoZ»), «Wer braucht den dritten Piks?» (SRF), «Senioren müssen schon im Herbst zum dritten Piks.» («Blick»). «Jetzt kommt der dritte Corona-Piks» («Berliner Zeitung»).

Die Aufzählung liesse sich beliebig fortsetzen. Das lächerliche Wort «Piks», das bis vor wenigen Monaten etwa gleich viel bezeichnete wie «Stupf» oder «aua», ist drauf und dran, den alten, gut eingeführten Begriff «Impfung» zu verdrängen. Warum ist das so? Weswegen wird ein bekanntes, korrektes, verständliches Wort plötzlich von einem Babywort aus der Kinderarztpraxis («Jetz gits de grad e Piks, machts de chli aua!») verdrängt? Wir können nur vermuten, dass die Impfdebatte oder das Virus selbst unsere Köpfe aufgeweicht hat, bis zu einem Grad, der es uns verunmöglicht, Wörter mit mehr als vier Buchstaben oder Wörter mit mehr als einer Silbe zu brauchen oder zu verstehen.

Der infantile Piks geht offenbar leichter von der Hand, wenn jemand einen Text verfasst, als das neutrale Wort Impfung. Das ist ein wenig wie mit der Nationalmannschaft, einem Wort, das in hiesigen Presseerzeugnissen durch das nicht ganz unproblematische Kurzwort Nati ersetzt wird.

Man möchte die Piks-schreibende Zunft darauf aufmerksam machen, dass ihr so geliebter Piks nicht in allen Fällen ein brauchbares Synonym für Impfung ist. Bei Impfungen, die über eine Hohlnadel verabreicht werden, gibt es tatsächlich einen Piks in die Haut (von Pflegefachpersonen auch «Stupf» genannt). Bei der Polio-Impfung dagegen, bei der es sich normalerweise um eine Schluckimpfung handelt, wäre der Begriff Piks vollkommen falsch.

Käme heute eine Journalistin oder ein Journalist in die Situation, über die Polio-Impfung zu schreiben, täte er oder sie gut daran, ein anderes ­Synonym zu suchen. Eine Schlagzeile, die das Wort Impfung vermeidet, müsste in dem Zusammenhang beispielsweise lauten: «Diese Woche erhalten Solothurner Schulkinder ihr Polio-Gluglu.»

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