Kolumne

«Sprachliche Moden und Marotten»-Kolumne: die sinnbefreiten Floskeln kommen

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über  Redensarten, die immer häufiger gebraucht werden.

Zuweilen hört man memorable Gesprächsfetzen wie:

Den Satz sprach ein Herr mittleren Alters zu seinem jüngeren Gegenüber.

Ganz abgesehen von der unbeanwortbaren Frage, was eine Festhypothek mit besserem Fahren zu tun hat, blieb man als unfreiwilliger Zuhörer bei den Worten «am Ende des Tages» hängen. Warum bloss erwähnte dieser Mann im Zusammenhang mit einer Festhypothek das Ende des Tages?

«Am Ende des Tages» ist eine nicht mehr ganz neue, aber vermutlich immer noch im Aufschwung begriffene Redensart. «Am Ende des Tages» heisst für diejenigen, die sich dieser Redensart bedienen, etwas Ähnliches wie «unter dem Strich». Der Fachmann für Festhypotheken hätte also seinem Gesprächspartner genauso gut sagen können: «Glaub mir, mit einer Festhypothek fährst du unter dem Strich besser.» Unabhängig davon, ob jemand von einem Tagesende oder von einem Strich redet, für die Zuhörenden wird nie ganz klar, welches Tagesende oder welcher Strich gemeint sein könnte.

Mich erinnert die Redensart «am Ende des Tages» an eine Marotte meines zweijährigen Sohns. Fragt ihn jemand nach der Uhrzeit, schaut er auf sein linkes Handgelenk, als trüge er eine Armbanduhr. Dann sagt er mit der Überzeugung derer, die alles zu wissen glauben: «Haubi nüüni.» Für den Kleinen ist es zu jeder Tages- oder Nachtzeit halb neun. Will man von ihm wissen, wann die Grossmama kommt, sagt er «am haubi nüüni», fragt man ihn, wann er seinen Teller endlich leer zu essen gedenke, sagt er «am haubi nüüni». Er könnte auch sagen «am Ende des Tages», es wäre ungefähr gleich sinnbefreit.

Dass der erwachsene Mensch sich beim Reden zuweilen an Floskeln hält, ist legitim. Eine Floskel ist ein sprachliches Schmiermittel, das unsere Kommunikation geschmeidig halten soll. Dennoch dünkt es einen manchmal eigenartig, wie Floskeln auftauchen und sich hartnäckig einen Platz in der Alltagssprache erkämpfen.

Noch vor ein paar Jahren wäre es niemandem eingefallen, Sätze wie: «Am Ende des Tages geht es darum, was du aus deinem Leben machst», zu sagen. Nein, früher war «am Ende des Tages» sprachlich noch fast gar nichts, nicht einmal eine Floskel. «Am Ende des Tages» war allerhöchstens eine, wenn auch vage Zeitangabe. Natürlich könnte jetzt jemand daherkommen und einwenden, es sei spiessig von mir, vergangene Zeiten heranzuziehen, um die Gegenwart schlechtzureden. Die Sprache sei bekanntlich ständig im Wandel, und deshalb seien manche Dinge halt auch sprachlich nicht mehr wie früher.

Eine solche Kritik könnte ich notfalls gelten lassen. Vorausgesetzt, die Kritiker sagten nicht, am Ende des Tages sei auch die Sprache dem Wandel der Zeit unterworfen. Nein, Freunde, würde ich die Kritiker zurückkritisieren, der Wandel der Zeit hat mit dem Ende des Tages überhaupt nichts zu tun. Der Wandel der Zeit ist nicht an ein Ende gebunden.

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