Kolumne

«Tatort»: Kommissar Murot übernimmt das Leben eines Doppelgängers – ob das gut geht?

«Tatort» – «Die Ferien des Monsieur Murot». SRF 1, 20.05 Uhr.

«Tatort» – «Die Ferien des Monsieur Murot». SRF 1, 20.05 Uhr.

Im neuen Tatort aus Hessen wird intrigiert, erpresst und fremdgegangen. Die Folge bietet ein unterhaltsames Doppelspiel, das nicht nur Krimifans gefallen dürfte.

Der LKA-Beamte Felix Murot aus Wiesbaden kommt eigentlich in jeder Folge vom klassischen Ermittlungsweg ab. In einem Seitenpfad der Filmgeschichte darf der Ausnahmeschauspieler Ulrich Tukur dann jeweils den Krimi ein bisschen neu erfinden.

Dieses Mal landen wir bei «Die Ferien des Monsieur Hulot» (1953) von Jacques Tati, in dessen beschwingter Filmmusik und im Retro-Look der 1950er es sich vor dem Fernseher gut einigeln lässt. Und damit’s bei keinem langweiligen Aufguss eines Klassikers bleibt, haben die Autoren einen Schuss von der dunklen Doppelgänger-Erzählung «William Wilson» von Edgar Allan Poe ins Drehbuch gekippt.

Das geht dann so: Der zurückhaltende Murot lernt in den Ferien einen Goldkettchen tragenden Autohändler kennen, der Murot wie aus dem Gesicht geschnitten ist (wen wundert’s?, Tukur spielt alle beide). Er und sein Doppelgänger Walther schwitzen euphorisiert in der Sauna, wechseln Kleider und Leben. Als Walther auf einer Landstrasse überfahren wird, übernimmt Murot Ehefrau und Autohaus.

Man stülpt sich mit Murot mit diebischer Freude das Privatleben dieses Fremden über, in dem fremdgegangen, erpresst und intrigiert zu werden scheint. Der introvertierte Ermittler entschlüsselt die Sätze und Forderungen seines neues Umfelds wie eine Dechiffriermaschine und ist als V-Mann im Ehestand bald die bessere Version des toten Doppelgängers. Die Ehe blüht auf, doch das Unbehagen bleibt: Ermittelt Murot noch, oder lebt er längst im neuen Leben? Ein unterhaltsames Doppelspiel – auch für Leute, die Krimis hassen.

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Autor

Julia Stephan

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