THEATERSPEKTAKEL
Vollkörperkontakt, ganz coronakonform: Dieses Bühnenstück berührt im Zürcher Schiffbau sein Publikum bis in die Knochen

Die neue Bühneneinrichtung von Alexander Giesche «Afterhour» ist auch ein Massagestudio – und ein Höhepunkt der Schweizer Theatersaison. Hier ergibt Corona-Theater Sinn, weil es sinnlich ist.

Daniele Muscionico
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Ein paar technische Geräte, ein paar Mausklicks, und schon brennen in «Afterhour» die Wälder.

Ein paar technische Geräte, ein paar Mausklicks, und schon brennen in «Afterhour» die Wälder.

Eike Walkenhorst

Wohin mit der Lust nach Berührung? Natürlich, ins Theater damit. In der Schweiz ist wieder möglich, was in umliegenden Ländern noch immer verboten ist: Gemeinsam in einem Theaterraum sitzen, 50 atmende, lebendige Körper, eine Menschenbatterie quasi, die sich am Herzschlag des je Anderen auflädt. Denn erst in der Gemeinschaft ist es spürbar: das unverschämte Glück, am Leben zu sein.

Wir sind noch einmal davongekommen: Dieses Gefühl, empfunden tief im Corona-tauben Körper, macht Alexander Giesches Uraufführung «Afterhour» im Zürcher Schiffbau zum Ereignis der Schweizer Theatersaison. Der preisgekrönte Medienkünstler, der eine künstlerische Sprache erfunden hat, die mit analogen Theatermitteln - Feuer und Rauch, Licht und Farben sind es dieses Mal – halluzinierende Bildergedichte baut, zeigt eine Meister-Metapher. Mit «Afterhour» hat die Schweiz ihre überzeugendste Uraufführung der Saison, denn sie ist eine zeitkritische Gefühlserkundung (nach) der Pandemie. Die Zeit des Danach und die Jetztzeit jedenfalls lassen sich, nach Giesche, nicht mehr voneinander unterscheiden.

Einatmen, ausatmen, weiterleben

Zunächst geht es ab in der Schiffbau-Box, pump up the Volume: Zum Rave mit Vollatemmaske treten fünf Spielerinnen und Spieler an. Giesches Team besteht aus den bekannten Teamplayern: Karin Pfammatter und Maximilian Reichert haben schon in Giesches Frisch-Neuschreibung «Holozän» eine Beckettsches Paar der Art von Estragon und Wladimir gespielt. Für diesen Endzeit-Tanz auf dem Vulkan stossen Thomas Wodianka, Daniel Lommatzsch und Teresa Vittucci dazu. Zu hören ist nichts als ihre Atemgeräusche; die Suche nach Luft, das Ringen um Luft sogar haben wir alle als Sound der Gegenwart längst zu deuten gelernt.

Die Atemschutzmaske ist das Gadget zur Zeit, die Spielerinnen und Spieler tragen sie auch auf der Bühne.

Die Atemschutzmaske ist das Gadget zur Zeit, die Spielerinnen und Spieler tragen sie auch auf der Bühne.

Eike Walkenhorst

Wie findet unter den Bedingungen sozialer Isolation und körperlicher Entfremdung Gemeinschaft statt? Denn um Vergemeinschaftung geht es an diesem Abend, und das Bühnen-Universum, das Nadia Fistarol gebaut hat, ist tatsächlich so leer wie bei Beckett. Der Glaube an die Götter wenigstens funktioniert, auch wenn Prometheus heute ein Elektriker wäre und sein Feuer nicht von Helios’ Sonnenwagen, sondern aus der nächsten Steckdose stammt. Von falscher Romantik hält Giesche so wenig, wie davon, dass sich das, was er erzählen will, mit Worten erklären liesse. Neue Bilder braucht das neue Theater.

Und schon wird das metaphorische Feuer des Fortschritts mit einer Kabelrolle in den Raum getragen. Ein Lagerfeuer dient der Gruppe letzter oder erster Menschen als Versammlungsort, und die Fackel irrlichtert Led-kompatibel. «Afterhour» erzählt in Bildern auch vom hilflosen Versuch von Herdenbildung und Gemeinschaftssuche. Denn schon bald gerät der prometheische Hightech-Herd ausser Kontrolle – ein Lagerfeuer ist mit Vollatemmasken hörbar schwer zu entfachen – und setzt schliesslich die ganze Welt in Brand.

Berühr' mich, aber fass' mich nicht an

Infernalische Bilder brennender Wälder, Feuerwalzen rollen auf jetzt auf einer Videowand auf uns zu, Holz bricht, knackt und verglüht, elektronisch in Brand gesetzt. Derweil fächelt uns Teresa Vittucci den Duft zum Inferno direkt in die Nase, jedem einzelnen in zärtlicher Fürsorge und schön wie eine schleiertanzende Nymphe. Dazu massiert uns der Tieffrequenz-Bass unter der Sitzbank, die auch eine Kirchenbank ist, er erreicht die Eingeweide bis in die Knochen: «Afterhour» ist auch eine körperliche Hardcore-Session.

Und der Corona-Witz dabei: Die Körpererfahrung im Publikum findet ohne eine menschliche Berührung statt. Die politische Vorschrift der körperlosen Nähe klappt genial. Berühr mich, aber fass mich nicht an. Giesches Team schlägt aus den behördlichen Anweisungen kreatives Potenzial. Verflixt hintersinnig, verdichtet assoziativ und brennend aktuell ist das.

Der Mensch is(s)t ein Würstchen

Welche Geschichte hier erzählt werden soll? Wer so fragt, hat schon verloren. Empfinde, fühle, lass Dich fallen wie beim letzten Rave zum Technobeat. Bilder, Töne und Geräusche erzählen vom Ende der Welt – und vom besinnungslosen Unverstand, wenn wir uns im Danach wiederfinden.

Wer der Logik einer Erzählung nicht folgen muss, dem wird das letzte poetische Bild des Abends unter den Schädel fahren: Die Raver sind jetzt zu Firefightern mutiert, sie stecken in entstellenden Uniformen und tragen Visiere und Masken, schon wieder. Doch sie haben das Feuer gezähmt - und es in die Tiefe eines Grills von titanischen Dimensionen verbannt. Hier rösten sie schliesslich ihre verdienten Fest-Würstchen. Über ihren Köpfen knallen martialische Freuden-Raketen, und die Menschlein suchen den Himmel ab. Doch weit oben ist bloss, was sie selbst angerichtet haben: Rauch, Nebel und grauer Dunst. Einen irdischen Trost allerdings haben sie sich erobert, die Schweizer Cervelat.