Wenn Dechen Shak-Dagsay buddhistische Lieder (Mantras) singt, macht sie das manchmal in schnellem Sprechgesang. Dies habe aber nichts mit Hip-Hop zu tun, sagt die Schweiz-Tibeterin lachend. «Das ist eine Rückkehr zu meinen Wurzeln: Dieses schnelle Rezitieren wird in den tibetischen Klostern gelehrt, um den Geist klar und wachsam zu halten.» Die spezielle Energie der Mantras trägt die Sängerin mit ihrer Musik in die Welt hinaus. Begleitet wird sie dabei von ihrem Jewel Ensemble, mit dem sie gerade für Konzerte in der Schweiz probt.

Die 59-Jährige lebt seit ihrer Kindheit in der Schweiz. Als Tochter eines spirituellen Lehrers ist sie mit der tibetisch-buddhistischen Tradition aufgewachsen. Vor 30 Jahren hat sie ihr erstes Album aufgenommen – die Mantratexte dazu hat ihr Vater geliefert. Nach und nach wurde Shak-Dagsay einem immer grösser werdenden internationalen Publikum bekannt, nicht zuletzt durch das Projekt «Beyond» 2009 mit dem Weltstar Tina Turner, die auch Buddhistin ist. Ein Jahr später war es wieder Zeit für ein Soloprojekt. Auf der Suche nach einem Produzenten wurde ihr Helge van Dyk empfohlen. Schon bald stellte sich heraus, dass die Zusammenarbeit Früchte tragen würde. Dem breiten Beziehungsnetz des Schweizer Produzenten verdankt die Mantrasängerin auch ihr Jewel Ensemble in hochkarätiger Besetzung, mit dem sie schon zwei Alben aufgenommen hat, auf Asien-Tournee war und bereits zweimal die renommierte Carnegie Hall in New York bespielt hat.

Besuch in China

Letztes Jahr bot sich Shak-Dagsay eine weitere besondere Gelegenheit: Aufgrund ihrer Freundschaft mit dem schweizerisch-chinesischen Kunstturner Donghua Li, der 1996 olympisches Gold für die Schweiz geholt hat, erfuhr das Kulturministerium der chinesischen Provinz Szechuan von ihrer Musik. «Sie waren beeindruckt von meiner internationalen Bekanntheit als tibetische Künstlerin und von der Tatsache, dass ich im Westen und mittlerweile auch in China mit meiner Musik die Menschen aufs Tiefste im Herzen berühre.»

Als Zeichen der Öffnung Chinas wurde die Sängerin nach Peking, Chengdu und Schanghai eingeladen. Zunächst hatte sie Bedenken, da sie als Kind von Exiltibetern mit den Geschichten des Konflikts gross geworden ist: «Natürlich geht einem durch den Kopf, ob man nicht für politische Zwecke instrumentalisiert wird.» Weil sie sich aber unbedingt selbst ein Bild machen wollte, hat sie die Einladung angenommen.

In China seien ihr die Menschen aufrichtig begegnet und hätten sogar Zugeständnisse für Chinas Verantwortung am Konflikt gemacht. Vor allem die jüngere Generation von Chinesen, die zum Teil im Ausland studiert hat, wies ein offenes Denken auf. Zu ihrer grossen Freude hat sie erfahren, dass viele von ihnen Tibet bereisen, während Klosteraufenthalten buddhistische Traditionen erlernen und so den Geistesschatz der tibetischen Kultur entdecken.

Auch hat sie durch die Chinareise eine wichtige Erkenntnis für die andere Seite gewonnen: «Die Tibeter müssen versuchen, ihre Vorurteile gegenüber China abzubauen.» Das geschehe nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt, sagt Shak-Dagsay. «Der erste Schritt ist der Dialog, und wenn der wiederhergestellt ist, kann auf beiden Seiten Vertrauen aufgebaut werden. China ist ein wichtiger globaler Player und auch für die Schweiz unglaublich wichtig. Deshalb ist es auch für uns Tibeter wichtig, dass wir uns nicht isolieren, sondern diese Annäherung als positive Chance für beide Seiten anschauen.» Die Sängerin sieht es nun als ihre Aufgabe, diese Erfahrungen als Brückenbauerin auf beiden Seiten zu vertreten und weiterzugeben.

Kleine Schweizer Tour und mehr

Musikalisch wird sie dies an verschiedenen Konzerten in der Schweiz tun. Da sie hierzulande bisher erst in Kreisen bekannt ist, die mit Buddhismus in Zusammenhang stehen, freut sie sich auf die Schweizer Auftritte besonders: «Es ist ein grosses Privileg, dass ich den Leuten mit meiner Kunstform das Tor zu einer ganz besonderen Lebensphilosophie zeigen kann.»

Weitere Konzerte in den von ihr bereisten Städten in China und in einem tibetanischen Kloster in der russischen Republik Burjatien sind angedacht. Ausserdem hat sie verraten, dass sie mit dem Jewel Ensemble bereits Ideen sammelt für ein neues Album. Fans von Dechen und dem Jewel Ensemble können sich also auf einiges freuen.