Todesfall
Birgit Vanderbeke ist tot: In ihrem Bestseller «Das Muschelessen» kippte sie das Patriarchat symbolisch in den Abfall

Mit «Das Muschelessen» gelang ihr ein Bestseller familiärer Patriarchatszertrümmerung. Nun ist Birgit Vanderbeke 65-jährig gestorben.

Hansruedi Kugler
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Die deutsche Schriftstellerin Birgit Vanderbeke.

Die deutsche Schriftstellerin Birgit Vanderbeke.

Es gibt Autorinnen und Autoren, die bleiben vor allem, um nicht zu sagen ausschliesslich, mit ihrem Erstling in Erinnerung. Fleissig war Birgit Vanderbeke ja wie wenige andere Schreibende auch nach ihrem Grosserfolg «Das Muschelessen» im Jahr 1990. Es war das Jahr, in dem sie den Bachmannpreis gewann. Und mitten in der Wendezeit nach der Maueröffnung verdichtete sie in ihrem 128 Seiten schmalen Roman aus einer sehr engen familiären Szene deutsche, miefige Mentalitäten: hier Duckmäusertum und Bespitzelung, dort Ellbögeln, Spiessertum und Opportunismus.

Politische Parabel beim Muschelessen

Mit einem starken sprachlichen Sog gelang ihr eine politische Parabel. In der Erzählung warten Mutter, Tochter und Sohn auf den Vater. Miesmuscheln, sein Leibgericht, dampfen im Topf. Alle anderen ekeln sich vor den Muscheln, die ihn aber sentimental an früher erinnern. Er aber kommt nicht. Was wie ein Melodram beginnt, steigert sich zu einer befreienden Suada gegen den Despoten. Das eruptive Reden wird zur Befreiung und zur Abrechnung. Wie Vanderbeke das Zögern in Unbeschwertheit, das Devote in Rebellion und der falsche Schein in eine schwarze Pointe verwandelt, erregte damals Aufsehen. Am Ende landen die Miesmuscheln nämlich im Abfalleimer, den viel zu späten Anruf des Vaters nimmt die Mutter gar nicht mehr entgegen.

Neben der Patriarchatszertrümmerung und der politischen Parabel wurde auch die literarische Kunstfertigkeit bewundert: Schwarz, bitter, aber auch befreiend passte diese Erzählung sehr gut in die Zeit feministischer Selbstermächtigung. Die Geschlossenheit ihrer Erzählanlage, der an Thomas Bernhard erinnernde zornige Sprachfluss und die gespielte Naivität ihrer Figuren wurde allerdings schon damals auch kritisiert.

Eine Kochbuchautorin ohne Tabus

Vanderbeke, die 1961 mit ihren Eltern noch vor dem Mauerbau aus der DDR in die Bundesrepublik floh, blieb in ihren späteren Romanen stets Beobachterin deutscher Verhältnisse und schilderte das kleinbürgerliche Leben oft mit Ironie und Leichtigkeit. Sie lebte ab 1993 in Südfrankreich und schrieb 2004 auch ein Kochbuch mit dem süffisanten Titel «Schmeckt’s? Kochen ohne Tabu.» Da finden sich etwa auch Rezepte für Lammhirn und Hammelhoden.

Mit ihrer 1997 erschienenen Erzählung «Alberta empfängt einen Liebhaber» konnte sie noch einmal an den Erfolg ihres Erstlings anknüpfen. Es ist ein Erinnerungsroman an eine grosse Liebe und wie sich diese über dreissig Jahre, von den rebellischen 60er-Jahren bis in die damalige Gegenwart der 1990er-Jahre entwickelt. Darin verdichtete Vanderbeke noch einmal berührend und plausibel Persönliches mit Zeitgeschichte.

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