Kultur

Umjubelte Musical-Uraufführung in St.Gallen: Der nie vergessene Schmerz

"Wüstenblume": Das Leben der Waris Dirie als Musical

Keystone-SDA besuchte die Vorpremiere. Anwesend war auch Waris Dirie selbst. Sie war vom Musical begeistert.

Das Theater St.Gallen bringt mit der «Wüstenblume» die Geschichte von Waris Dirie auf die Musical-Bühne: Als starke, mutige und Mut machende Inszenierung. Am Samstagabend war Premiere.

Ein so schweres Thema wie die Genitalverstümmelung von Frauen als Musical? Gelingt solch ein Stoff? Nach der Premiere der «Wüstenblume» kann man das nur bejahen. Der ergreifendste Moment ist der Song, als Marilyn (Dionne Wudu) schwärmerisch den Zauber der Liebe besingt. Genau dieselben Worte singt Kerry Jean als Waris Dirie, um den Schmerz ihrer brutalen «Frauwerdung» durch eine Rasierklinge auszudrücken. Hier prallen in einem Song zwei Kulturen, zwei Frauenschicksale aufeinander.

Diese beiden Kulturen - Europa und Afrika, London und Somalia - immer wieder aufeinandertreffen und sich vermengen lassen, ist der rote Faden, der diese farbige, kurzweilige Inszenierung durchzieht. 8000 Mädchen werden täglich verstümmelt. Mit dieser Botschaft rüttelt der ergreifende Schluss-Song auf. Nachdem der Boden des Modenschau-Laufstegs intensive Blutspuren zeigt.

Die Musik punktet mit starkem Afrika-Feeling

Die Musik von Uwe Fahrenkrog-Petersen überzeugt durch virtuosen Umgang mit Pop-Rock-Ideen, vor allem der 80er-Jahre, und noch mehr durch die gekonnte Einfühlung in afrikanische Musik. Auch hier werden Kulturen packend vermengt. Die Musik hat Fluss, ist facettenreich, schenkt dem Hörer eindringliche Balladen. Songs wie «Wüstenblume» oder «Ein Tag in Afrika», mit dem der Abend fast hymnisch startet, könnten echte Ohrwürmer werden. Präsent und konzentriert agiert unter Christoph Bönecker die Musical-Band.

Von Somalia auf die Laufstege der Modewelt: Mit «Wüstenblume» wird das Leben von Waris Dirie (gespielt von Kerry Jean) in St.Gallen eindringlich inszeniert.

Von Somalia auf die Laufstege der Modewelt: Mit «Wüstenblume» wird das Leben von Waris Dirie (gespielt von Kerry Jean) in St.Gallen eindringlich inszeniert.

«Wüstenblume» ist unterhaltsam, aber nie kitschig. Und schlachtet das Thema Genitalverstümmelung nie reisserisch aus. Trotzdem dann der schockierende Moment, als Waris Dirie ihr T-Shirt kurz hochzieht und ihrer Freundin Marilyn zeigt, was Verstümmelung wirklich heisst.

Das Bühnenbild (Christopher Barreca) lebt von flüssigen Kulissenübergängen. Gekonnt eingesetzte Videos (Austin Switser) verleihen dem Ganzen eine lebendige, aktuelle Atmosphäre, etwa wenn die Schleppen eines Kleides sich in einem Blütenwirbel verwandeln. «Willst Du frei sein, beginne klein», sagt Waris Dirie im Stück. Für die Frau, die zum Topmodel wurde und sich heute weltweit gegen Genitalverstümmelung engagiert, ist die Botschaft des Musicals klar: «Es soll Mädchen und Frauen Mut machen, ihre Wünsche, Träume und sich selbst zu verwirklichen.»

Viel Lebensfreude und Glamour trotz Gewalt

Gewalt, Vergewaltigung, Frauen, die «nur der Ehemann aufschneiden darf», die in «Kamelen aufwogen werden» und unendliche Schmerzen haben: Diese Themen in einen doch spannenden und fantasievollen Abend einzubetten, ist auch der Inszenierung von Gil Mehmert zu verdanken, der zudem das Buch geschrieben hat. Die Handlung zeigt trotz viel Schwerem immer auch viel Lebensfreude und den Glamour der Modewelt.

Sowohl die junge wie die erwachsene Waris Dirie werden engagiert und empathisch gespielt und gesungen von Naomi Simmonds und Kerry Jean. Stimmlich besonders punkten kann im durchgehend stimmstarken Cast Dionne Wudu als Marilyn. Und wie so oft begeistern plötzlich Nebenrollen das Publikum, etwa der Song von O’Sullivan. Der hässliche Alte, mit dem Dirie wegen der Aufenthaltsbewilligung eine Scheinehe eingehen muss, wird von Jogi Kaiser in einem starken Auftritt greifbar. Kraftvoll besetzt ist auch die Rolle der Mutter (Terja Diava) oder von Dana, den Daniel Dodd-Ellis spielt.

Unterdrückung in Afrika, Alltagsrassismus in London: Waris Dirie hat einen mutigen, kompromisslosen Weg zurückgelegt. Sie hat, anders als andere verstümmelte Mädchen, überlebt und ist den steinigen Weg in die Freiheit gegangen. Zum starken und begeisterten Schlussapplaus kommt sie selbst auf die Bühne, barfuss, so wie sie aus Somalia aufgebrochen ist.

Über Genitalverstümmelung zu lesen ist das eine, mit dem Thema in einem Musical konfrontiert zu werden das andere, das viel näher Gehende. Man wünscht diesem Musical, das in kurzweiligen Bildern das Leben einer aussergewöhnlichen Frau nachzeichnet, weite Verbreitung: Noch viel mehr Menschen müssen erfahren, was täglich auf der Welt mit jungen Frauen geschieht. Zur Schlussmusik wird der blutige Laufsteg-Teppich in einer symbolisch starken Gruppenszene zerrissen und zerknüllt.

Autorin Waris Dirie war an der Premiere ebenfalls zugegen.

Autorin Waris Dirie war an der Premiere ebenfalls zugegen.

Waris Dirie hat eine Hilfsorganisation gegen Genitalverstümmelung ins Leben gerufen; bis 29. Mai, Theater St.Gallen.

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