Literatur

Urs Faes wagt mit seinem neuen Roman eine aufrüttelnde Auseinandersetzung mit der Demenz

Der 73-jährige Urs Faes wurde vor drei Jahren für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Der 73-jährige Urs Faes wurde vor drei Jahren für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Vier Jahre nach der Annäherung an das Thema Krebs in «Halt auf Verlangen» wagt der Schweizer Schriftsteller Urs Faes eine Auseinandersetzung mit der Demenz, die sich als Folie für eine abgründige Liebesgeschichte entpuppt.

Eine aufrüttelnde Veranschaulichung der Heimsuchung Demenz? Ein Hohelied auf die Liebe als aller Logik trotzendes Gefühl? Eine Konfrontation mit der Sprache als Fundament des bewussten Lebens? «Untertags», der neue Roman von Urs Faes, ist all dies auf packende Weise. Vor allem aber realisiert er einmal mehr eindrücklich, was er sich schon 1991, in «Alphabet des Abschieds», vorgenommen hat: «Das Vergangene umgraben im Erzählen: als gäbe es die Archäologie der Erinnerung.»

Von den drei zentralen Figuren der Erzählung: der in einem Dorf am Zürichsee lebenden Apothekerin Herta, dem amerikanischen Fabrikanten Jakov Blumental und der Amerikanerin Virginie ist zunächst nur noch die erste am Leben. Sie teilt die Asche des nach 22 gemeinsamen Jahren verstorbenen Jakov in zwei Urnen auf.

Eine gelangt in die USA, wo die Kinder aus erster Ehe den Vater beerdigen wollen, eine begräbt sie oben am Waldrand zusammen mit einer Mappe, die mit «Virginie» beschriftet ist. Und während Hertas Trauerarbeit um den Verstorbenen entfaltet sich nun jene Archäologie der Erinnerung, die aus Bruchstücken, Bildern und Andeutungen allmählich eine Geschichte herausfiltert, in der es um Leben und Tod, Liebe und Liebesverrat, Schuld und Sühne geht.

Das Rätsel der Virginie und das Memory-Gap-Syndrom

Übermächtig ist in Hertas Erinnerung zunächst die Zeit, in der Jakov, den sie als smarten Cowboy auf einem Flughafen kennengelernt hatte, immer stärker der Demenz verfiel und sie sich verzweifelt bemühte, dem Vergessen Einhalt zu bieten.

«Wer die Wörter verliert, gehört nicht mehr dazu», war sich Jakov bewusst, und auf erschütternde Weise verfolgen wir mit, wie er immer mehr Wörter vergisst und die vergessenen durch Improvisationen wie «Mundbesen» für «Zahnbürste» zu ersetzen versucht, wie er nicht mehr autofahren kann, beim Gehen stolpert, immer wieder einfach weggeht, bis er schliesslich in einer Memory-Klinik Heilung sucht, aber auch da nicht vor dem völligen Gedächtnisverlust bewahrt werden kann.

Und ganz unmittelbar wird einem klar: «Sprache ist der Schlüssel, in der Welt zu sein.»

Jakov hat viel über seine amerikanische Familie, seine jüdischen Vorfahren und die Freunde erzählt, die er 1938 in der Hachschara Ahrensdorf – dem Schauplatz von Faes’ Roman «Sommer in Brandenburg» – kennenlernte. Der Name Virginie aber taucht in seiner Erinnerung erst auf, als er zunehmend verwirrt ist.

«Virginie I loved her» ist die deutlichste Aussage zu diesem Thema, und die immer stärkere Fixierung auf diese Unbekannte, die für den Kranken ganz offenbar erotisch anziehend ist, während seine Beziehung zu Herta langsam erkaltet, löst bei der Gefährtin Eifersucht aus. Gefühle, die sich zur Verzweiflung und schliesslich zu einem förmlichen Zusammenbruch steigern, als sie während Jakovs letztem Amerika-Aufenthalt in seinem Pult auf die mysteriösen «Virginie-Papers» stösst.

Aus ihnen wird nämlich bruchstückhaft ersichtlich, dass Jakov nach dem Tod seiner Mutter leidenschaftlich in Virginie, die junge zweite Frau seines Vaters, verliebt war, ja dass die mit 26 Jahren Verstorbene wohl auch ein Kind von ihm geboren hatte.

Zwischen Nähe und Verstummen

«Eine Liebe, die untertags überdauert hat», erkennt Herta und sieht die Theorie bestätig, die ihr Jakovs Arzt dargelegt hat: dass Demenzkranke gemäss dem Memory-Gap-Syndrom in eine frühe Lebensphase zurückkehren und hier auf einmal mit Menschen zusammenleben, als wären sie real da.

Nach Jakovs Rückkehr aus den USA und Hertas Wiederherstellung nach einem Klinikaufenthalt leben die beiden noch einige Jahre zusammen: «in einem Alltag zwischen Nähe und Verstummen.» Und so, das nun auf eine unerklärliche, aber sehr intensive, für Herta bedrückende Weise jene Dritte mit dabei ist, deren Kosenamen «Ini» Jakov flüstert, wenn er die Partnerin küsst.

Und es ist vielleicht nicht nur Zufall, dass Herta den Abschied von Jakov verpasst und auf dem Sessel eingeschlafen ist, als er in den frühen Morgenstunden eines Wintertags stirbt. Von allen dreien aber lebt, «weil die Liebe sie erhalten hat», am intensivsten und berührendsten diese Virginie weiter, die die Archäologie der Erinnerung wie ein hinter Gips verborgenes Fresko nur ganz schwach und bruchstückhaft ans Licht gehoben hat.

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