Vier Wochen vor ihrem Flug in die Schweiz hört Victoria Lomasko auf zu zeichnen. Die 41-jährige Russin – zierliche Gestalt, Händedruck wie ein Schraubstock – will vor ihrer ersten Retrospektive in Basel kein Risiko eingehen. Also hält sie sich von den Bürgerprotesten in ihrer Heimatstadt Moskau fern, um der Regierung keinen Vorwand zu liefern, ihre Ausreise zu verhindern.

Denn Victoria Lomasko hält für gewöhnlich fest, was sie sieht: Schauprozesse ebenso wie das Leben in der Provinz, den Alltag von Sexarbeiterinnen und Randständigen, streikende Lastwagenfahrer und immer wieder Demonstranten.

Die feministischen Punkrocker von Pussy Riot hat sie natürlich auch porträtiert, in starken Konturen und fröhlichen Farben. Aber das ist eben nur der unterhaltsame Teil der Polit-Provokation: Wer ihre Konsequenzen im Cartoonmuseum Basel besichtigen will, wandert buchstäblich ins Gefängnis: Der Eingang zum ersten Ausstellungsraum präsentiert sich als Gitterverschlag.

Keine Texte in Sprechblasen

«Menschen, eingesperrt wie Tiere», erinnert sich Victoria Lomasko an den Schauprozess gegen Pussy Riot im Jahr 2012. «Das hat mich schockiert.» Also hat die Zeichnerin das Verfahren dokumentiert, mit schwarzem Filzstift und wachem Blick: «Ich benutze selten Fotos», erklärt Lomasko ihre Arbeitsweise. «Die besten Zeichnungen entstehen vor Ort. Und es ist einfach, die Angeklagten sitzen ja still.»

Übung als Gerichtszeichnerin hatte sie da bereits. 2006 war Lomaskos Buch «Verbotene Kunst» erschienen. Thema war der Prozess im Gefolge einer realen Kunstausstellung, die angeblich die religiösen Gefühle orthodoxer Christen verletzt hatte. Da war Victoria Lomasko, die zu jener Zeit als erfolgreiche Illustratorin in Moskau arbeitete, zum ersten Mal in die Rolle der «grafischen Reporterin» geschlüpft.

«Russen mögen keine Comics», sagt die Zeichnerin. «Sie nehmen Worte in Sprechblasen nicht ernst.» Ihre Arbeit verbindet zwar ebenfalls Text und Bild, wird in Russland aber nicht als Comic wahrgenommen. Bezeichnend der Kommentar eines Lastwagenfahrers zu ihrer Reportage über den Brummi-Aufstand: «Der Journalist malt wirklich gut.»

Dabei versteht Lomasko sich weder als Comiczeichnerin noch als Journalistin. «Ich bin die letzte russische Künstlerin», sagt sie ohne einen Anflug von Ironie oder Überheblichkeit und erklärt sogleich, warum. «Ich stamme aus der letzten Generation, die sich daran erinnert, wie es vor Putin war.» Also ohne Nostalgie nach vergangener Grösse, aber auch ohne stalinistischen Grusel, sondern als Augenzeugin der postsowjetischen Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität.

Das Selbstverständnis als Künstlerin wurde Victoria Lomasko in die Wiege gelegt. Ihr Vater, selbst ein bekannter Maler, hatte Propagandamaterial für das Sowjetregime hergestellt – Marx, Lenin, Marx, Lenin ... «Für mich war das schrecklich langweilig», erzählt Lomasko, «zumal er die kommunistische Ideologie hasste.» Sie folgte zwar dem Befehl («Du musst!») ihres Vaters, selbst eine künstlerische Laufbahn zu ergreifen. Nur dass sie ihre Grafikreportagen nun als Gegenpropaganda in den Dienst der Hoffnung stellt.

Denn um dieses andere, hoffnungsvollere Russland geht es in «Other Russias», wie die Ausstellung heisst. «Sogar wenn man dort lebt, ist es schwierig, die Realität zu sehen», stellt Lomasko fest. Doch auch wenn die Sicht von innen wie aussen durch Fake News verstellt wird: Hässlich sind die Umstände, nicht die Menschen. «Es gibt so viel Freude in Russland, und echte Helden!» Von ihnen berichtet Lomasko. Von den Jungen, die nicht kuschen und dafür Prügel kassieren. Und sich dennoch nicht aufhalten lassen.

Hasst die Zeichnerin Wladimir Putin eigentlich? «Ich weiss es nicht», zögert sie. Er hat zwar ihr Leben auf den Kopf gestellt, «dafür bin ich jetzt aber auch weltberühmt». Zum Abschied wieder der Schraubstockgriff: Lomasko wird nicht lockerlassen, kein Zweifel.


   

«Victoria Lomasko. Other Russias», Cartoonmuseum Basel, bis 10. November 2019.
www.cartoonmuseum.ch